Wohnen im Mansardenhaus

Der mit dem Umbau beauftragte Architekt bezeichnet seinen Einsatz beim „Haus Leopold“ im Wienerwald als „eine der schönsten kleinen Geschichten, die wir in den letzten Jahren betreuen durften.“ Für uns ist es auch eine schöne Geschichte, weil sie so exemplarisch die Aufgaben und Stärken des Architekten im Entstehungsprozeß eines Projekts zeigt.

Dabei geht es entgegen verbreiteten Vorurteilen eben nicht um Selbstverwirklichung und Selbstdarstellung, sondern um die Qualität des Diskurses mit dem jeweiligen Auftraggeber und eine sorgfältige, inhaltliche Auseinandersetzung. Am Anfang ist das Wichtigste eine starke Idee, denn je stärker die Idee, desto besser wird das Projekt. Eine solche Idee kann sich z.B., wie im vorliegenden Fall, aus der Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner ergeben.

Zuhören, betrachten, überlegen, planen

Die Renovierung des Hauses Leopold begann sehr unkonventionell. Mit einem Spaziergang mit dem stolzen Enkel des ursprünglichen Inhabers durch alle Räume, bei dem sich der Architekt die Geschichte des Gebäudes erzählen ließ, anschließend vergilbte Fotografien betrachtete und alte Pläne ausrollte.

Gemeinsam haben sie den Garten durchschritten, der das Haus umgibt und die letzten Jahrzehnte Revue passieren lassen. Die Geschichte handelt vom Sommersitz der Urgroßmutter des Bauherrn, einer Wiener Greißlerin, die ihren Garten mit Obstbäumen bepflanzte. Sie wollte nach zwei Weltkriegen einen Platz an der Sonne für sich und die ihren und kaufte 1949 das kleine Haus im Wienerwald. Alte Aufnahmen zeigen die Familie im Nachkriegsösterreich. Gemütlichkeit in der obligaten Zirbenstube, daneben der Kachelofen, darüber schwere Deckenbalken. Manches davon ist heute nur mehr Ballast und musste gehen.

Das Neue im Alten erkennen

Anstatt etwas zu einem Gebäude hinzuzufügen, hilft es oft, den Kern der ursprünglichen Struktur zuerst herauszuarbeiten, dann nachzudenken und zu sehen, ob überhaupt mehr erforderlich ist. In diesem Sinne widerstand der Architekt auch der Idee einen Wintergarten anzubauen und setzte stattdessen zwei radikale Schritte: Eine Außenwand fiel und wurde durch eine großzügige, aber kostengünstige Glasscheibe ersetzt.

Weiters machte die Entkernung des Inneren aus drei kleinen dunklen Zimmerchen einen großen, hellen, loftartigen Raum, der nun den Blick freigibt auf Obstbäume und Magnolie. Oder auf das Bassin, in das der Großvater so gerne mit einem gewagten Salto eintauchte, und den schwarz geölten Schuppen.

Schuppen und Haus wurden mit einer schwebenden Lerchenholzterrasse verbunden, die den unteren Garten überblickt und dort kreisrund ausgeschnitten wurde, wo die alten Obstbäume stehen.

Gutgemeinte Angebote der Handwerker wie etwa die Kastenfenster rauszureißen oder alte Türgriffe zu erneuern, wurden hingegen dankend abgelehnt.

Sanfte Erneuerung mit vielen sinnvollen Detaillösungen

Aufgrund des allgemein guten Zustandes der Bausubstanz – eine gründliche Renovierung war bereits in den 50er-Jahren erfolgt – konnte die Neugestaltung sehr sensibel durchgeführt werden. Anstelle eines Vollwärmeschutzes wurden die Hohlräume zwischen den Vorsatzschalen aus Eternitplatten und den Ziegelwänden mit Steinwolle gefüllt.

Die Dämmung der obersten Geschoßdecke erledigte der Bauherr mit Polistyrolplatten in Eigenregie. Die originalen Kastenfenster brauchten nur einen neuen Anstrich, wurden aber teilweise mit Sicherheitsglas ausgestattet. Unter grauen Fliesen verborgene rotbraune Terazzo-Böden wurden freigelegt und in den Wohnräumen neue Langdielenböden verlegt. Die Haustechnik musste hingegen völlig eneuert werden. Es wurden neue Elektro- und Sanitärinstallationen eingebaut und eine modere Gastherme installiert. Außerdem gibt es jetzt Sanitärräume in jedem der beiden Stockwerke.

Für andere, die das Abenteuer Bauen wagen wollen, hat der Bauherr übrigens so manchen nützlichen Tipp parat: Etwa, dass man seinen Architekten auch in vielen kleinen Details vertrauen sollte. Sie wissen, welche Böden man legt, welche Decken man absenkt, welche Träger man versteckt, welche Holzbänke ein Fenster braucht, wo mit Fixverglasung gearbeitet werden soll und welche Dimension ein Raum haben muss, um angenehm zu wirken. Diese kleinen Details sind die elegant gesetzten Satzzeichen einer Geschichte, egal ob sie nun zu Papier gebracht oder mit Ziegeln erzählt wird.

Spektakuläre Ausblicke

Wenn die Kinder nun durch die Glaswand schauen, bietet sich ihnen zu jeder Jahreszeit ein sensationelles Spektakel. Baumkronen, die von unten beleuchtet werden, Vögel und Eichkätzchen oder im Winter die feinen Strukturen verschneiter Äste. Eine Kulisse, die immer schon da war, aber nie entdeckt wurde. Und der Bauherr verbringt jetzt einen Gutteil seiner Freizeit auf der Terrasse unter den Schattenspendern. In der kalten Jahreszeit blickt er stolz auf die Obstbäume seiner Großmutter und freutsich auf den nächsten Sommer.

Bauherr: Ein Wiener Journalist

Planung: Sue Architekten