Bauen, und zwar lebensgerecht

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

Luftbild

Das Landschaftsbild als Ausdruck
des gesellschaftlichen Energiehaushalts

Foto: © Land NÖ, 2007

 

4. Teil: Tradition und Fortschritt (Fortsetzung)

Alte agrarische Kulturlandschaften waren perfekte Konstruktionen zur Gewinnung von Sonnenenergie. Der Wald musste das Brennholz für Herd und Ofen liefern, das Feld Nahrung für die Menschen, die Weide das Futter für die Tiere.


Die Brachflächen regenerierten die Vitalität des ökologischen Gesamtsystems. Das Landschaftsbild repräsentierte nicht das Schönheitsempfinden der Landbevölkerung, sondern war direkter Ausdruck der harten Sachzwänge des gesellschaftlichen Energiehaushaltes.

Die Strukturen der Kulturlandschaften waren konsequent darauf ausgerichtet, durch die landwirtschaftliche Produktion möglichst viel Energie ernten zu können, dabei aber möglichst wenig Energie, zum Beispiel für Transport, zu verbrauchen. Daraus ergaben sich zwingende Kriterien für die Anlage der Straßen- und Wegesysteme, sowie für die Standortwahl, die Größe und die räumlichen Konzeptionen der Ansiedlungen.

Harmonie

Wie in der letzten Folge am Beispiel eines typischen Straßendorfs skizziert wurde, waren auch die Bebauungsstrukturen den Prinzipien der Optimierung des Energiehaushaltes verpflichtet. Landschaft, Dorf und Gebäude waren schlüssige Komponenten eines ausgereiften Gesamtsystems. Die Harmonie, die wir bei der Betrachtung alter Kulturlandschaften und ihrer Siedlungsformen (oft nur mehr auf historischen Bildern) als ästhetische Qualität erleben, ist das Ergebnis des widerspruchsfreien Zusammenwirkens dieser Komponenten auf allen funktionellen, ökologischen, ökonomischen und auch sozialen Ebenen. Diese verloren gegangene Harmonie ließe sich auch wieder nur durch Neuorganisationen auf der Ebene der inneren strukturellen Logik territorialer Gesamtsysteme erreichen.
Oberflächliche architektonische Gestaltungsrichtlinien sind hier grundsätzlich zum Scheitern verurteilt.

Das Ende der Harmonie

Unsere vom KFZ-Verkehr und damit von fossiler Energie abhängig gewordenen zersiedelten Territorien können keine harmonischen Erscheinungsbilder mehr liefern. Trotz aller Baugesetze, die auf Harmonie abzielen, sind sie dazu verurteilt, ein wahres Abbild unserer realen Lebensverhältnisse zu präsentieren. So erzählen sie in aller Direktheit eine Geschichte des Strukturwandels, der Auflösung alter Systeme, der Energieverschwendung und der Konkurrenz individualistischer Lebensstile.

Aktuelle Studien belegen, dass die meisten Menschen, die aus alten Orts- oder Stadtkernen in ein freistehendes Einfamilienhaus „auf der grünen Wiese“ ziehen – und damit einen wesentlichen Beitrag zur Ausdünnung unserer Siedlungsräume und zur Vermehrung des Verkehrs leisten – sich genau über Grundstückspreise und die Errichtungskosten eines Hauses informieren, dass sie aber die mit ihrer Standortentscheidung verbundenen Kostensteigerungen für das Wohnen und vor allem die beträchtlichen Folgekosten für Zwangsmobilität oft außer Acht lassen.

Ebenso wird oft verdrängt, dass auch der ausgedünnte und in weit entfernte Funktionsbereiche zerlegte „urban sprawl“ eine soziale Konstruktion ist – und zwar offensichtlich eine für die mobilen Leistungsträger unserer Gesellschaft. Die Anzahl jener alten Mitmenschen, die nicht mehr selbständig mobil sein können, wächst aber ständig. In dispersen Siedlungsräumen fallen diese Menschen aus jenen sozialen Netzwerken heraus, von denen sie aber zunehmend abhängiger werden. Der damit verbundene Verlust an Lebensqualität kann auch durch die Bereitstellung mobiler Versorgungs- und Pflegedienstleistungen, die für die Gemeinschaft einen großen finanziellen Aufwand bedeuten, nicht ausgeglichen werden.

Die Fachwelt, die Verwaltungen und auch die Politik haben längst ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die räumlichen Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte weder im ökologischen noch im ökonomischen oder sozialen Zusammenhang nachhaltig sind. Trotzdem fehlt es an effizienten Gegenstrategien. Es ist eine historische Erfahrung, dass solche Fehlentwicklungen auch immer wieder einschneidende Korrekturen erfahren. So gibt es z. B. in Niederösterreich Regionen, in denen Wüstungen so zahlreich wie lebendige Siedlungsstandorte sind. (Wüstungen sind historische Ansiedlungen, die wieder von der Landkarte verschwunden sind.) Auch die massiven Stadtmauern des Mittelalters wurden in der Neuzeit in den meisten Städten radikal geschleift. Aktuell erleben wir dramatische Schrumpfungsprozesse in urbanen Regionen Europas. Dort werden jetzt Wohnquartiere in großem Umfang rückgebaut und z. B. wieder in Grünland verwandelt.

Wir sollten uns daher bewusst machen, dass Siedlungsstrukturen, die nicht nachhaltig sind, auch in immobilienwirtschaftlicher Hinsicht nicht wertbeständig sein können. Diffus zersiedelte Gegenden mit aufwändig erschlossenen freistehenden Einfamilienhäusern werden nie nachhaltig sein, auch dann nicht, wenn alle Häuser dick mit Wärmedämmung eingepackt und mit Sonnenkollektoren bestückt sind. Es geht eben nicht um die Optimierung einzelner Systemkomponenten allein, sondern um die Stimmigkeit des territorialen Systems und der darin ablaufenden Lebensprozesse insgesamt.
WIRD FORTGESETZT

Erich Raith _ raith nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien