ARCHITEKTUR
NÖ
Ein kritischer Dialog |


Räumliche Auswirkungen der
Über- und der Unterregulierung |
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5. Teil: Geplant oder gewachsen (Fortsetzung)
Als Touristen suchen wir in Städten und Dörfern bevorzugt solche Situationen auf, die nicht aus einem singulären baukünstlerischen Entwurf hervorgegangen, sondern das Ergebnis vielschichtiger historischer Entwicklungsprozesse sind. Man spricht dann mit Bewunderung von den Qualitäten "gewachsener" Strukturen und stellt sie den meistens kritischer bewerteten Erscheinungsbildern "geplanter" Strukturen gegenüber. Gibt es diesen Gegensatz und einen damit in Zusammenhang stehenden Qualitätsunterschied wirklich?
Städte und Dörfer wachsen nicht naturhaft wie Blumen. Keine Straße schlängelt sich von allein durch die Berge, kein Stein legt sich selbst auf eine Mauer und keine Ziegellatte treibt im Frühling aus einem Dachsparren aus. Hinter jeder baulichen Maßnahme steht eine bewusste Entscheidung, die nie aus einem natürlichen, sondern immer nur aus einem kulturellen Zusammenhang erklärt werden kann.
Maßgeblich können da z. B. baukulturelle Traditionen, technisches Wissen, gesetzliche Regelungen oder Aspekte der Wirtschaftlichkeit sein. Nicht zuletzt können originelle Entwurfsideen, spezielle Nutzungsansprüche, individualistische Lebensentwürfe oder starke Bedürfnisse nach repräsentativer Außenwirkung das Resultat des Bauens bestimmen. Alles das deutet nicht auf Phänomene eines naturhaften "Wachsens" hin.
Von oben und von unten
Baulich-räumliche Entwicklungen finden immer im Spannungsfeld verschiedener Interessenslagen und im Zusammenwirken unterschiedlicher Einflusssphären statt. Einerseits gibt es die Einflüsse von oben ("top down"), die in der Regel von politischen, verwaltungstechnischen aber auch fachlichen Autoritäten formuliert und mit einem entsprechend "hoheitlichen" Instrumentarium (Gesetze, Normen, rechtsverbindliche Bebauungspläne etc.) durchgesetzt werden. Andererseits gibt es legitime Freiheitsansprüche, die grundsätzlich alle baulichen Verwirklichungen ermöglichen sollten, die nicht ausdrücklich verboten sind.
Solche Nutzungs- und Gestaltungsspielräume sind immer schon von der gesellschaftlichen Basis her ("bottom up") genützt worden, um die Gestaltung der Lebensräume den alltäglichen Anforderungen und den individuellen Bedürfnissen entsprechend optimieren zu können.
Wenn man historische Raumentwicklungen analysiert, kann man im Zusammenspiel von "top down "- und "bottom up"- Prozessen charakteristische Gesetzmäßigkeiten erkennen:
Immer dann, wenn "top down"- Einflüsse vorherrschen und zu Überreglementierungen führen, entstehen räumliche Milieus, die von planmäßigen Ordnungsprinzipien geprägt sind und meistens zu gestalterischer Monotonie tendieren. (Charakteristische Beispiele dazu gibt es von den schematischen Rastern antiker Stadtgründungen bis zu den großen Plattenbausiedlungen der Moderne.)
Immer dann, wenn übergeordnete Planungsinstanzen unwirksam werden und in der Folge "bottom up"- Prozesse die Raumentwicklung bestimmen, entstehen räumliche Milieus, die chaotisch sind, bedrohliche funktionelle Schwächen aufweisen, aber oft eine außergewöhnliche Vielgestaltigkeit aufweisen. (Charakteristische Beispiele dazu gibt es ebenfalls seit der Antike, z. B. im extremen Gedränge innerhalb eng ummauerter Städte bis zu den ungeplant wachsenden Slums und Favelas der Gegenwart.)
Im Spannungsfeld zwischen Regulierung und Deregulierung
"Top down" entstehen demnach tendenziell Bilder durchgeplanter, straff organisierter und gestalterisch vereinheitlichter Lebensräume. "Bottom up" entstehen tendenziell Bilder eines baulichen Wildwuchses. Mit diesen groben Zuordnungen sind noch nicht automatisch qualitative Bewertungen verbunden. Immer wenn in der Geschichte die räumlichen Verhältnisse zu chaotisch waren, um Lebensprozesse sinnvoll organisieren zu können, hat man sich bemüht, mehr Ordnung zu schaffen. Und immer, wenn gesellschaftliche Entwicklungen von einem Zuviel an Ordnung gelähmt wurden, ist es in der Folge wieder zu Deregulierungen gekommen. Die scheinbar "gewachsenen" Strukturen, die uns heute wegen ihrer baukulturellen und ästhetischen Werte überzeugen, sind meistens das Ergebnis langfristiger Anpassungsprozesse, die ständig zwischen den Polen zu starker und zu schwacher Regulierung pendeln.
Die Analyse historischer Raumentwicklungen zeigt aber auch, dass es zu völlig unbefriedigenden Ergebnissen führt, wenn zwischen den gegensätzlichen Ansprüchen ordnender Reglementierung einerseits und individuell nutzbarer Gestaltungsfreiheit andererseits immer nur ein "fauler Kompromiss" eingegangen wird. Dann fehlen sowohl die übergeordneten, robusten, qualitätssichernden Ordnungsprinzipien auf der einen, wie die für innovative Weiterentwicklungen unverzichtbaren Gestaltungsoptionen auf der anderen Seite.
Voraussetzung für zukunftsweisende Raumentwicklungen und für eine lebendige Baukultur wäre daher eine klarere methodische Unterscheidung, auf welchen Aktionsebenen eine konsequentere "top down"- Regulierung erforderlich ist und auf welchen Ebenen mehr Freiheiten und allenfalls hilfreiche Spielregeln für lebendige "bottom up"- Prozesse anzulegen wären.
Auf diesem Weg könnten wieder jene vielschichtigen Qualitäten "wachsen", die wir an historisch ausgereiften Lebensräumen so schätzen.
WIRD FORTGESETZT
Erich Raith _ raith
nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien
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