Bauen, und zwar lebensgerecht

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

Kulturhof in Neupölla

Eine Hausbiographie mit Zukunft
– der Kulturhof in Neupölla

 

7. Teil: Eine Hausbiographie (Fortsetzung)

Häuser kosten viel Geld und sollten sowohl in Hinblick auf ihre materielle Bausubstanz, wie in Hinblick auf ihre Nutzbarkeit und ihr Erscheinungsbild möglichst wertbeständig sein. In unserer globalisierten Welt ändern sich aber Nutzungsszenarien, Alltagskulturen, Lebensstile, Arbeitswelten und ästhetische Moden immer schneller. Wie sollen träge Bebauungsstrukturen mit solchen Entwicklungsdynamiken Schritt halten können?

In den Folgen dieser Beitragsreihe wurde darauf verwiesen, dass unsere Kulturlandschaften, Siedlungsstrukturen und Architekturen nicht nur als starre Phänomene im Raum, sondern auch als in Veränderung begriffene Phänomene in der Zeit gesehen werden müssen. Es wurde skizziert, dass ihr Wandel direkt vom gesellschaftlichen Energiehaushalt, aber auch vom Ausmaß planerischer Kontrolle oder vom Spannungsfeld zwischen den Notwendigkeiten der Erhaltung und jenen der Erneuerung abhängt.

Bei all diesen Themen zeigt sich, dass zukunftstaugliche Planungskonzepte von einer genauen Analyse baukultureller Traditionen wesentlich profitieren können – vorausgesetzt, diese Analyse dringt zu substanziellen Inhalten vor und bleibt nicht an formalen Vordergründigkeiten hängen.

Wir fragen uns zum Beispiel: Wie können wir in der Raumplanung, der Stadtplanung und im Bereich der Architektur auf den rapiden gesellschaftlichen Wandel angemessen reagieren? Wie sollen wir einem raschen Verschleiß und den damit zwangsläufig verbundenen Wertverlusten unserer Lebensräume effizient begegnen? Was werden die Gebäude, die wir heute errichten, für die kommenden Generationen leisten, deren Bedürfnisse wir kaum vorhersehen können? Dabei finden wir spannende Antworten auch direkt vor unseren Augen, eingeschrieben in die Normalität bewährter Siedlungsstrukturen.

 

Ein typisches Beispiel

Neupölla ist eine kleine Stadt im Waldviertel. Sie wurde im 13. Jahrhundert planmäßig angelegt und zeigt bis heute ihre kompakte Siedlungsgestalt. Das Haus Nr. 10 ist seit jeher ein perfekt integriertes Element dieser Stadtstruktur, ein typischer Hakenhof, der ursprünglich den Lebens- und Wirtschaftsweisen von Ackerbürgern zu entsprechen hatte.

Dieses für die Region typische Haus hat in seiner Geschichte schon viele Phasen durchlebt. Es hat gewerblichen Nutzungen Raum gegeben, funktionierte als landwirtschaftlicher Betrieb und hat in allen Phasen unterschiedlich großen Familien einen umfassend tauglichen Lebensraum geboten. Durch das breite und offene Spektrum möglicher Nutzungen unterscheiden sich solche Häuser grundsätzlich von den Bebauungsstrukturen, die sich im letzten Jahrhundert überall etabliert haben und deren Raumangebote spezialisiert sind - entweder nur für bestimmte Formen des Wohnens oder nur für bestimmte berufliche Arbeitswelten.

Das traditionelle Modell des Hauses als umfassend nutzbarer Lebensraum kommt mittlerweile aktuellen und zukunftsorientierten Entwicklungsleitbildern wieder erstaunlich nahe. Wohnen und Arbeiten am selben Ort vermeidet nämlich auf einer grundlegenden Systemebene energieaufwändige und immer teurer werdende Zwangsmobilität. Die Kompaktheit des baulichen Ensembles gewährleistet nicht nur kurze Wege, sondern hilft auch, den sonstigen Energieaufwand zu optimieren, wertvolle Landschaftsräume zu schonen und in sozialer Hinsicht Orte intensiver zu beleben.

Die Erfahrung zeigt, dass ein integriertes Hofhaus, wie das hier ausgewählte Beispiel, substanzielle Qualitäten hat, die zu jeder Zeit und unter allen denkbaren Nutzungsansprüchen zum Tragen kommen. Dies sind sowohl ökologische und ökonomische Vorteile, als auch gestalterische Potenziale und sinnlich erlebbare Raumqualitäten. Immer sollte so ein Haus seinen Beitrag zur Bildung eines attraktiven öffentlichen Raumes leisten und einen intensiven Bezug zur Landschaft haben können. Ein von Wind und Einblicken geschützter Innenhof ist auch immer fein, gleich, ob dort gewohnt, gearbeitet oder ob z. B. ein Heurigenlokal betrieben wird.

 

Zukunftsperspektiven

Seit 1997 wird in Neupölla das Haus Nr. 10 als "Kulturhof" betrieben, in dem unterschiedlichste kulturelle Veranstaltung abgehalten werden. Es beherbergt seit damals auch das 1. Österreichische Museum für Alltagsgeschichte. Die robuste und lebensgerechte Grundstruktur dieses Gebäudes würde auch noch viele andere Nutzungen ermöglichen und wer weiß, wie viele dieser Optionen in ferner Zukunft noch realisiert werden?

Können wir vergleichbare Biographien von unseren massenhaft produzierten freistehenden Einfamilienhäusern und unseren üblichen Geschoßwohnbauten auch erwarten? Welche Nutzungsoffenheiten und Anpassungspotenziale werden sie zukünftigen Generationen anbieten können? Oder werden sie auf der Müllhalde der Baukultur landen? Diese Fragen sollten uns zu denken geben, denn die Antworten darauf haben direkt etwas mit nachhaltiger Raumentwicklung zu tun.
WIRD FORTGESETZT

Erich Raith _ raith nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien