Baukultur – "Kultur der Bauten"

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

DI Eichlinger

DI Petra Eichlinger
Leiterin von "NÖ gestalten"

 

Erst kürzlich fiel mir in einem Architekturjournal ein Artikel ins Auge. Er zeigte ein neu gebautes Einfamilienhaus, das ich formal sehr ansprechend und formvollendet fand, architektonisch gelungen, sozusagen. Da die angegebene Adresse nahe meiner täglichen Route lag, beschloss ich mir ein persönliches Bild darüber zu machen. Kurz darauf ergab sich eine passende Gelegenheit. Am Zielort angekommen hielt sich meine zuvor empfundene Begeisterung aber eher in Grenzen. Trotz all seiner architektonischen Qualitäten stellte dieses Haus in seiner unmittelbaren Umgebung jedoch mehr einen Fremdkörper als ein Bindeglied dar. In seiner Andersartigkeit stand es in keiner für mich erkennbaren Verbindung zu seiner baulichen Umgebung und nahm auch keinen Bezug dazu.

In diesen Situationen wird deutlich klar, wie sehr Gebautes polarisieren kann und wie sehr Architektur mit Emotionen verbunden ist. Natürlich möchte der Einzelne seine formalen Wünsche verwirklichen, dieses Anliegen darf man auch nicht negieren.

Trotzdem soll und muss Architektur den Anspruch, im Kontext zur Umgebung zu stehen, bestmöglich erfüllen. Damit meine ich jedoch nicht eine stereotype Angepasstheit. Diese würde zu Stagnation in der Architekturentwicklung führen.

Wie viel an Veränderung verträgt eine Umgebung, ohne dass es als störend empfunden wird?

Dies wird von der Charakteristik des jeweiligen baulichen Umfelds abhängen, eine einheitliche Antwort kann es darauf nicht geben. Gefragt wird, wie in allen Belangen des Lebens, die notwendige Sensibilität sein, das richtige Maß zu finden.

Und was bedeutet eigentlich Umgebung?

Aus meiner Sicht stellt sie nicht nur ein geografisch umgrenztes Gebiet dar. Im Grunde definiert sie ein persönliches Territorium, in dem sich die Menschen bewegen und aufhalten. Daraus folgt, dass Umgebung als territorialer Besitz empfunden wird. Jedes neue Gebäude verändert diese, und damit die Landschaft der Menschen die dort leben.

Somit wird verständlich, dass Architektur und Gebautes in vielen Fällen oftmals Unmut auslösen kann. Neue architektonische Formen, zu denen es auch noch keine persönliche Verbindung und somit auch keine identitätsbildende Komponente gibt, sind oft sozial schwer verträglich. Schön oder hässlich ist demnach nicht nur eine Frage des Geschmacks. Vielmehr muss beleuchtet werden, was Architektur beim Gegenüber innerlich auslöst und ob sie dem menschlichen Anspruch nach gewünschter Identifizierung mit seiner Umgebung gerecht werden kann.

Als wäre die Abstimmung zwischen dem Bauherrn und der Nachbarschaft noch nicht schwierig genug, muss jetzt noch die Rolle des planenden Architekten und des Bürgermeisters der betroffenen Gemeinde beleuchtet werden.

Der Architekt fühlt sich in seinem Bestreben, architektonisch Wertvolles zu erschaffen, oft unverstanden und beschnitten. Er steht vor der Herausforderung, alle Beteiligten zufrieden zu stellen, was, wie sich gezeigt hat, gar nicht so einfach ist.

Aus der Sicht des Bürgermeisters ist die architektonische und baubehördliche Beurteilung eines geplanten Bauvorhabens jedoch alles andere als einfach. Als kommunaler Vertreter ist er nicht nur bestrebt, die Interessen aller Beteiligten zu vertreten, sondern auch seiner Verantwortung innerhalb der Gemeinde gerecht zu werden.

Wenn man nun sämtliche Belange und Sichtweisen betrachtet, wird sich herauskristallisieren, dass in Fragen des Bauens ein hohes Maß an Sensibilität, Diplomatie und Konsensbereitschaft gegeben sein muss. Baukultur kann demnach nicht nur als eine "Kultur der Bauten" gesehen werden. Entscheidend für die Entwicklung unserer Baukultur wird vielmehr die Kultur der Menschen in ihrer Bereitschaft zum Miteinander sein, die sich dieser sozialen Komponente des Bauens bewusst sind.

DI Petra Eichlinger
Leiterin von "NÖ gestalten"