Bauen, und zwar lebensgerecht

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

Wohnen & Arbeiten in Neupölla

Ein innovatives und traditions-
bewusstes Siedlungskonzept:
Wohnen & Arbeiten in Neupölla.

 

8. Teil: Wohnen und Arbeiten (Fortsetzung)

In den letzten Jahren ist ein ausgeprägtes Bewusstsein dafür entstanden, dass Gebäude in Hinblick auf ihren Energiebedarf optimiert werden müssen. Was nützt aber die energetische Optimierung eines Hauses, wenn seine Bewohner ständig mit benzinfressenden Autos unterwegs sein müssen, um ihren Alltag zu bewältigen?
Gibt es neue Konzepte in der Raumplanung und in der Gebäudeplanung, die dieses Dilemma vermeiden können?

Die Fragwürdigkeit funktionalistischer Raumkonzepte

Die räumlichen Trennungen von Gebieten, in denen
ausschließlich gewohnt wird, und solchen, in denen
hauptsächlich gearbeitet wird, sowie die Auslagerung von Freizeit-, Kultur- oder Einkaufseinrichtungen aus den Siedlungsgebieten entsprechen dem Geist des Industriezeitalters.

Unter der Annahme, dass es immer ausreichend viel leistbare Energie geben wird und dass die raumplanerisch erzwungenen Distanzen zwischen allen Standorten durch Individualverkehr bewältigt werden können, hat man sich von einer Entflechtung der Lebensfunktionen Effizienzsteigerungen wie bei ähnlich konzipierten industriellen Produktionsabläufen erwartet.
Tägliche Meldungen über Verkehrskollapse, steigende Energiepreise, den Klimawandel und Ölkatastrophen erzwingen heute aber ein konsequentes Umdenken.

Nicht nur in der Raumplanung hat sich im letzten Jahrhundert eine funktionalistische Denkweise durchgesetzt, auch im Bereich der Architektur wurde möglichst jeder Raum einer genau vordefinierten Nutzung gewidmet und dafür maßgeschneidert.

Das Ergebnis ist, dass sich Gebäude, die so konzipiert sind, kaum an sich verändernde Ansprüche anpassen lassen. Der rapide gesellschaftliche Wandel wird auch hier ein Umdenken erzwingen.

Es ist erstaunlich, wie sehr die Planungsinstanzen und die Bauwirtschaft in dieser Hinsicht in ihren Routinen gefangen sind und wie wenig an notwendiger Innovation hier geleistet wird. Dabei muss man die Räder einer lebensgerechteren Baukultur gar nicht neu erfinden:

Tradition und Innovation am Beispiel Neupölla

In der letzten Folge dieser Reihe wurde am Beispiel
eines typischen Hauses in der Waldviertler Kleinstadt Neupölla auf ein anderes Konzept nachhaltigen Bauens verwiesen, das gut auf Anforderungen des Nutzungswandels reagieren und langfristig Entwicklungschancen anbieten kann. Traditionelle Dorf- und Stadtstrukturen aus vorindustrieller Zeit weisen offensichtlich Qualitäten auf, die in unserem postindustriellen Zeitalter stark an Aktualität gewinnen und in heutigen Planungskonzepten entsprechend aktualisiert werden sollten.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass gerade in Neupölla, wo durch die Umwandlung eines alten Hakenhofs in einen attraktiven "Kulturhof" vorbildlich gezeigt wurde, wie man mit baulich-räumlichen Ressourcen intelligent umgehen kann, auch ein innovatives Siedlungskonzept initiiert wurde, das versucht, konsequent auf aktuelle Herausforderungen einzugehen, langfristige Weiterentwicklungen zu ermöglichen und in diesem
Sinn bewusst auf ortstypische Traditionen Bezug zu nehmen:

Wie der alte Stadtkern von Neupölla ist auch der neue Siedlungskörper der Topographie angepasst und nach den Prinzipien des verdichteten Flachbaus kompakt angelegt. Auf langgestreckten Streifenparzellen, die Erschließungsflächen einsparen, können Gartenhofhäuser so aneinander gereiht werden, dass einerseits eine überzeugende Ensemblewirkung zu erwarten ist und andererseits ausreichende individuelle Gestaltungsund Nutzungsmöglichkeiten gewährleistet sind.

Die aus Holz vorgefertigte konstruktive Grundstruktur erlaubt es, unter Berücksichtigung projektspezifischer Bebauungsregeln unterschiedlichste Raumkonfigurationen zu realisieren und auch immer wieder zu verändern.
So können von Parzelle zu Parzelle unterschiedliche
Kombinationen von Wohn- und Arbeitssituationen eingerichtet werden. Dies ist vor allem ein Angebot an Menschen, deren Berufsausübung nicht fix an einen bestimmten Ort gebunden ist und die familiäres Wohnen und Arbeiten verbinden können.

Auch die Innenhöfe können unterschiedlich als Wohnoder Wirtschaftshöfe genutzt werden. In jedem Fall bieten sie kleinklimatisch begünstigte Raum- und Aufenthaltsqualitäten. Diese intimen privaten Freiräume werden im Siedlungskonzept durch Gartenflächen und auch gemeinsam nutzbare Freiflächen, wie z.B. einen Badeteich, ergänzt.

Die Bebauungsstruktur ist zur Landschaft und zur Sonne orientiert und kann eine besondere Energieeffizienz erreichen, besonders eben auch dadurch, dass sie nicht nur für eine reine Wohnnutzung vorgesehen ist.
Öffentliche Nutzungen, Freizeitangebote und soziale Einbindungen werden durch die Nähe des fußläufig erreichbaren historischen Stadtkerns geboten.

Ziel dieses Siedlungskonzeptes ist es, nicht nur hochwertige Wohn- oder Arbeitssituationen zu schaffen, sondern wieder einen ganzheitlich funktionierenden, langfristig entwicklungsfähigen und daher auch nachhaltig wertbeständigen Lebensraum zu schaffen.


WIRD FORTGESETZT

Erich Raith _ raith nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien