Individualität und Ensemble:
(k)ein Widerspruch?

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

VON DER SEITE BETRACHTET

 

Intakte, homogene, zeitnahe gewachsene Ortsteile oder Straßenzüge vergangener Tage werden bei der Betrachtung und im räumlichen Erleben als angenehm und stimmig gestaltet empfunden.

In diesen Fällen spielt oft die Wirkung als Ensemble eine wesentliche Rolle. Raumgestalterische Aspekte wie z.B. Bauvolumina, Proportionen oder Flächengeometrien aber auch die dadurch geschaffenen freien Ortsräume und deren Dimensionen sind maßgeblich dafür verantwortlich und machen derartige Ensembleerlebnisse zu einem wichtigen positiven Aspekt unseres täglichen Raumerlebens. Farben, Baudetails und verwendete Materialien können den optischen Eindruck zwar beeinflussen nicht jedoch das Raumerlebnis selbst, auch wenn ein Ensemble von all diesen Faktoren abhängig ist und natürlich als Ganzes wahrgenommen wird.

In den letzten Jahren scheint das Bewusstsein für diese Zusammenhänge nachgelassen zu haben. Funktionierende Ensembles werden im Zuge von sehr individuell ausgestalteten Zu- oder Umbauten in ihrer Wirkung beeinträchtigt, der Respekt bzw. die Rücksichtnahme auf ein gesamtheitliches Orts- oder Straßenbild ist großteils einem Streben nach individueller Verwirklichung und Selbstdarstellung gewichen.

Sollte die Antwort darauf nicht Konservierung und verordnete Gestaltungsweiterführung, vielleicht sogar Reproduktion, der jeweils vorgefundenen Ensemblebauwerksgestaltung sein? Sicherlich nicht! Die Spannung eines Ensembles entsteht nicht durch monotone Wiederholung, durch Stereotypie oder durch Kopieren von Baukörpern.
Spannung entsteht durch individuelle Elemente innerhalb eines gemeinsamen (räumlichen) Rahmens, durch Unterordnung bzw. Einfügung in ein Gesamtsystem, durch Respekt und Rücksichtnahme auf die umgebende Bebauung bei gleichzeitiger individueller Interpretation der Gestaltung.

 

DI Stefan Schraml
NÖ Baudirektion