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Private Freiräume in der Geschichte

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

DI Helmut Stefan Haiden

DI Helmut Stefan Haiden

 

 

Hofhaus mit Eingang "ums Eck"

Diese Wohnform des Hofhauses
mit dem Eingang "ums Eck" findet
man auch in den Häusern des
Balkans, z. B. in Mazedonien.

 

Über viele Jahrtausende wurden in fast allen Kulturen der Welt Häuser auf sehr kleinen Grundparzellen aneinandergereiht gebaut.

Die Belichtung der Aufenthaltsräume erfolgt über Innenhöfe, die durch ihre Abgeschlossenheit Privatheit und Schutz vor der Öffentlichkeit und den Nachbarn vermittelte und noch heute vermittelt.

So entstand vor vielen tausend Jahren z. B. das "chinesische Hofhaus", dessen privater Wohnhof durch eine "Geistermauer" (Eingang ums Eck) vor den Blicken der Vorübergehenden (der Öffentlichkeit) geschützt wird.

Diese über viele Jahrtausende bewährte Wohnform der ein- und zweigeschoßigen Hofhäuser wird derzeit in den großen chinesischen Städten der Spitzhacke für den sogenannten Fortschritt geopfert.

Hofhäuser waren auch das Grundelement des Städtebaues in den mesopotamischen Städten wie Ur, ebenso wie in Ägypten.

Charakteristisch ist dort das sogenannte Dreistufenhaus, auch "Echnaton" genannt, eine Dreiteilung im Grundriss, wobei im ersten Drittel die Halle mit dem Eingangsbereich vorgesehen ist, im mittleren Drittel "der Hof" und im letzten Drittel die Wohn- und Schlafräume untergebracht sind.

Diese Grundrissform der Dreiteilung findet sich wieder in den Grundtypen unserer Städte wie z. B. der Bürgerhäuser des 18. Jahrhunderts.

Die griechischen Hofhäuser weisen eine ähnliche Dreiteilung auf, wobei im mittleren Drittel nicht nur der Hof, sondern auch Aufenthaltsräume vorgesehen waren.

Das römische Atriumhaus hat sich aus dem etruskischen Haus entwickelt, wobei in dem offenen Atrium das Sammelbecken für das Regenwasser, das sogenannte "Impluvium" von großer Bedeutung war. An das römische Atriumhaus war meist ein Hortus oder Garten mit einer Grundfläche von rund 600 bis 3.000 m² angeschlossen.

Aus diesen Wohnformen haben sich schmale, schattige Gassen ergeben, die sich teilweise eng und im Grundriss verwinkelt zu Plätzen öffnen. Diese differenzierten und abwechslungsreichen Außenräume bieten dem Einheimischen und Ortskundigen Schutz vor dem Fremden, der diese Ortskenntnis nicht besitzt.

Dieses Aneinanderreihen der Häuser und das Bauen um einen Hof war in unserer europäischen Stadtkultur bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Selbstverständlichkeit und hat diese zum Großteil mittelalterliche Baustruktur mit seinen Zweiseit-, Dreiseit- und Vierseithöfen geprägt.

In der Gegenwart erfreuen wir uns an der Schönheit dieser Innenhöfe mit Ihren "inneren Gesichtern" und offenen Arkadengängen.

Dieser Schutz der Privatheit ist auch an den Vorgärten zu erkennen, ob es sich nun um einen Vorgarten eines Bauernhofes im Waldviertel oder um einen slowakischen oder russischen Bauerngarten handelt. Alle haben eines gemeinsam: Neben dem Anbau von Obst und Gemüse dienen diese Vorgärten als Übergang von der Öffentlichkeit in die Privatheit.

In der "modernen Architektur" werden in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts diese Wohnformen wieder aufgegriffen, als Beispiele sind die Werkbundsiedlungen in Wien und Stuttgart ebenso zu nennen wie die Heubergsiedlung in Wien von Adolf Loos.
Nach dem zweiten Weltkrieg haben sich vor allem Architekten wie Roland Rainer in Österreich um diese Wohnform mit Innenhöfen verdient gemacht.

Die Grunderkenntnis sollte, abgeleitet von dem kurzen geschichtlichen Abriss, für den zukünftigen Wohnbau sein, dass ein Freiraum als Bindeglied zur Wohneinheit nur dann Qualität besitzt, wenn dieser als Privatraum unter freiem Himmel genutzt werden kann.

 

DI Helmut Stefan Haiden
Der Autor ist Architekt in St. Pölten
und freier Mitarbeiter von "NÖ gestalten"