Bauen, und zwar lebensgerecht

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

Respektvoller Dialog zwischen Alt und Neu

Respektvoller Dialog zwischen Alt und Neu.
Gebäude am Sandtorhafen in Hamburg
(Foto: Bernd Sterzl / pixelio.de)

 

9. Teil: Bild und Wirklichkeit (Fortsetzung)

Diskussionen über Veränderungen von vertrauten Orts- und Stadtbildern werden oft sehr heftig geführt. Dem Bedürfnis nach Bewahrung und Kontinuität stehen dabei Wünsche – und oft auch funktionelle Notwendigkeiten – entgegen, die zu Innovationen und damit zwangsläufig zu einem Wandel der Erscheinungsbilder führen. Geht es bei der Bewertung von Orts- und Stadtbildern um Geschmacksfragen, oder geht es um mehr?


Im Strom der Zeit

In allen unseren Lebensbereichen werden wir mit Veränderungen konfrontiert. Manchesmal erleben wir sie als wünschenswerten Fortschritt, manchesmal als unangenehme Verunsicherung oder sogar als Bedrohung. In einer immer unübersichtlicher und unberechenbarer werdenden Welt gibt es eine verständliche Sehnsucht nach Stabilität und Verlässlichkeit, die besonders auf unsere Lebensräume, die Städte, Ansiedlungen und Landschaften projiziert wird. Die Räume sollen dem reißenden Strom der Zeit widerstehen, sie sollen uns langfristig Orientierung und Geborgenheit vermitteln. Und wenn es schon Veränderungen geben muss, dann sollen die – nach Meinung vieler – möglichst langsam, im Rahmen des Gewohnten und im Idealfall unsichtbar verwirklicht werden.

Was bedeutet es aber, wenn die Erscheinungsbilder unserer Lebensräume sich deutlich langsamer verändern sollen, als unsere sonstigen Lebensverhältnisse, wenn zum Beispiel der rapide tech-
nische Fortschritt in ihnen keinen adäquaten Ausdruck finden darf?


Im Ensemble

Wie in dieser Beitragsreihe bereits skizziert wurde, haben traditionelle Gebäudetypen in der Regel die Fähigkeit, sich dem gesellschaftlichen Wandel in einem hohem Ausmaß anzupassen, da ihre Raumkonfigurationen wesentlich nutzungsoffener angelegt waren, als z. B. bei heutigen Wohnbauten, die meistens für vorbestimmte Funktionen und Lebensstile maßgeschneiderte – und damit in weiterer Folge viel unflexiblere – Räumlichkeiten aufweisen. Trotzdem gibt es immer auch den Fall, dass die Anpassungs-potenziale von Altbauten nicht ausreichen und auch innerhalb einheitlich wirkender baulicher Ensembles der Abbruch von Bau-
bestand und die Errichtung eines Neubaus ins Auge zu fassen ist.

Es gibt (zu) wenige richtungsweisende Beispiele, die zeigen, wie eine vorbildliche Einfügung eines architektonisch erstklassigen Neubaus in ein historisches Ensemble erfolgen kann. Allzu oft wird in solchen Fällen der Wunsch laut, dass der Neubau zur Bewahrung der vertrauten Bildwirkung möglichst wie ein Altbau aussehen soll. Macht so eine rückwärtsgewandte Gestaltungsstrategie Sinn?


Rückwärtsgewandt oder zukunftsorientiert

Ein wie ein Altbau aussehender Neubau mag oberflächlich betrachtet ein harmonisches Verhältnis zu alten Nachbargebäuden vortäuschen, er verliert aber im gleichen Ausmaß die Fähigkeit, den aktuellen Lebenswirklichkeiten unmittelbar Ausdruck zu verleihen. Eine dieser Wirklichkeiten ist ja schon der Umstand, dass der Bau ein Neubau ist, der in der Regel aus anderen Materialien und in anderen Techniken gebaut ist, als Altbauten. Und erst recht ignoriert ein Pseudoaltbau die Gegenwärtigkeit jener Ansprüche, die der Grund für seine Errichtung waren. So unterscheidet er sich – gerade wegen seiner äußerlichen Ähnlichkeit – in seinem Charakter fundamental von den Altbauten, die nie etwas vortäuschen mussten, was sie nicht waren.

Soll über Architektur, z. B. über die Einfügung eines Neubaus in ein bestehendes Ensemble, nur auf der Ebene der oberflächlichen Bildwirkung diskutiert werden? Führt eine Entfremdung zwischen den Erscheinungsbildern unserer Lebensräume und unseren realen Lebensumständen nicht auf Dauer in sinnentleerte Scheinwelten? (Wie würde es sich leben in Disney Land?) Müsste der Wunsch nach konsequenter Bewahrung vertrauter Bilder nicht auch zwingend auf die Unterbindung aller anderen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse abzielen?

Oder sollte nicht doch das Verhältnis zwischen Stadt-, Orts- und Landschaftsbildern und den Bedeutungen, die sie vermitteln, einem umfassenderen Verständnis der Funktionen, Sinngehalte und Entwicklungsdynamiken unserer Lebensräume entsprechen? Und ist nicht auch die kritische Bewertung von vertrauten alten oder irritierend neuen architektonischen Erscheinungsformen zu direkt mit unseren Lebensverhältnissen und dem baukulturellen Selbstverständnis unserer Zeit verbunden, um nur oberflächlich über Bildwirkungen und als Geschmacksfrage abgehandelt zu werden?


WIRD FORTGESETZT

Erich Raith _ raith nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien