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| Bauen, und zwar lebensgerecht |
Respektvoller Dialog zwischen Alt und Neu. |
9. Teil: Bild und Wirklichkeit (Fortsetzung)
Diskussionen über Veränderungen von vertrauten Orts- und Stadtbildern werden oft sehr heftig geführt. Dem Bedürfnis nach Bewahrung und Kontinuität stehen dabei Wünsche – und oft auch funktionelle Notwendigkeiten – entgegen, die zu Innovationen und damit zwangsläufig zu einem Wandel der Erscheinungsbilder führen. Geht es bei der Bewertung von Orts- und Stadtbildern um Geschmacksfragen, oder geht es um mehr?
In allen unseren Lebensbereichen werden wir mit Veränderungen konfrontiert. Manchesmal erleben wir sie als wünschenswerten Fortschritt, manchesmal als unangenehme Verunsicherung oder sogar als Bedrohung. In einer immer unübersichtlicher und unberechenbarer werdenden Welt gibt es eine verständliche Sehnsucht nach Stabilität und Verlässlichkeit, die besonders auf unsere Lebensräume, die Städte, Ansiedlungen und Landschaften projiziert wird. Die Räume sollen dem reißenden Strom der Zeit widerstehen, sie sollen uns langfristig Orientierung und Geborgenheit vermitteln. Und wenn es schon Veränderungen geben muss, dann sollen die – nach Meinung vieler – möglichst langsam, im Rahmen des Gewohnten und im Idealfall unsichtbar verwirklicht werden.
Wie in dieser Beitragsreihe bereits skizziert wurde, haben traditionelle Gebäudetypen in der Regel die Fähigkeit, sich dem gesellschaftlichen Wandel in einem hohem Ausmaß anzupassen, da ihre Raumkonfigurationen wesentlich nutzungsoffener angelegt waren, als z. B. bei heutigen Wohnbauten, die meistens für vorbestimmte Funktionen und Lebensstile maßgeschneiderte – und damit in weiterer Folge viel unflexiblere – Räumlichkeiten aufweisen. Trotzdem gibt es immer auch den Fall, dass die Anpassungs-potenziale von Altbauten nicht ausreichen und auch innerhalb einheitlich wirkender baulicher Ensembles der Abbruch von Bau-
Ein wie ein Altbau aussehender Neubau mag oberflächlich betrachtet ein harmonisches Verhältnis zu alten Nachbargebäuden vortäuschen, er verliert aber im gleichen Ausmaß die Fähigkeit, den aktuellen Lebenswirklichkeiten unmittelbar Ausdruck zu verleihen. Eine dieser Wirklichkeiten ist ja schon der Umstand, dass der Bau ein Neubau ist, der in der Regel aus anderen Materialien und in anderen Techniken gebaut ist, als Altbauten. Und erst recht ignoriert ein Pseudoaltbau die Gegenwärtigkeit jener Ansprüche, die der Grund für seine Errichtung waren. So unterscheidet er sich – gerade wegen seiner äußerlichen Ähnlichkeit – in seinem Charakter fundamental von den Altbauten, die nie etwas vortäuschen mussten, was sie nicht waren.
Erich Raith _ raith
nonconform architektur vor ort |
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