Was wünsche ich mir –
und was wünscht sich das Haus?

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

 

 

 

 

Sie sitzen an einem Sommertag bei einem Glas Wein auf einer schattigen Nordterrasse, wechseln bei Regen in den geschützten Lichtgang, wie die vors Gebäude kragenden Dächer in heimischen Hofhäusern genannt werden. Als bewegliche Menschen können wir den Gebrauch von Gebäuden unseren wechselnden Anforderungen und den Jahreszeiten anpassen.

Historische Altbauten sind großteils in der Lage, unseren Lebensvorstellungen zu entsprechen und bieten noch räumlich qualitative Zusätze. Fragen stellen sich jedoch bei unseren Ansprüchen und in der Vorstellung von historischer Substanz.

Ein Fass ohne Boden?

Unser Bild von Altbauten ist bestimmt von Altstädten, Klöstern, Meiereihöfen, eben Bauten die für Dauer angelegt waren, daneben und das war die Mehrzahl, gab es billige Bauten für den zeitlich begrenzten Gebrauch als Wohn- und Nutzbauten. Mag uns ein Gründerzeitbau, eine 30er-Jahre-Villa auch erhaltenswert erscheinen, können diese außer einem anmutig netten Erscheinungsbild oft nichts bieten und zum sprichwörtlichen Fass ohne Boden werden.

Dass eine Produktions- und Lagerhalle für Wein, die mit Staplern und LKW befahrbar ist, wenig mit Kellergassenromantik zu tun hat, ist evident. Ein Fitnesscenter mit Indoor-Skianlage war auch kein historisches Bauanliegen, hat man sich doch mit Orangerien den Traum vom Süden erfüllt.

Beheizte Spargelfelder mit einem Energieverbrauch einer mittleren Kleinstadt lagen außerhalb der Vorstellung. Selbst die luxuriöse Ringstraßenwohnung wurde im Winter nur in wenigen Räumen beheizt, heute benötigen wir automatische Türöffner – die Barocktür dankt durch lautloses Aufschwingen.


Das Bauen hat sich verändert

Erschwerend zum zuvor Gesagten kommt, dass Gebäude auch hergestellt werden und sich der Bauprozess in den letzten Jahrzehnten radikal verändert hat.

Das Produkt, welches heute unter dem Namen Ziegel gekauft wird, hat mit dem Namensgeber wenig gemein und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis die Bauteile nur mit Hilfe einer Laptopsteuerung fachgerecht zu einer Mauer montiert werden können.

Von einem Dichtfolienhersteller eine lebenslange Garantie zu verlangen erscheint abwegig, obwohl wir gerne glauben, dass ein Haus eine Investition für ein ganzes Leben wäre. Hier nähern sich Gebäude unserer Alltagserfahrung mit technischen Geräten, die – Mobiltelefonen ähnlich – bereits nach dem Kauf veraltet sind. Sanieren heißt nun aber immer, neue Materialien in ein bestehendes Gefüge einsetzen. Ein Dach mit gebrauchten Ziegeln zu decken, ist wie ein wertvoller Oldtimer mit runderneuerten Reifen.

Sanieren ist auch keine Erfindung unserer Zeit, im Historismus wurden Barockfassaden zu neuen schöneren umgebaut. Selbstverständlich mit neuen Fenstern, der letzten technischen Entwicklung, aus unserer heutigen Sicht genauso reparaturanfällige Konstruktionen. So zeigen sich Altbauten als Konglomerat ständiger Verund Ausbesserungen.


Und was wünscht sich das Haus?

Ohne die Frage zu stellen – "was wünscht sich das Haus" – kann eine Sanierung auch Grundstein zur nachhaltigen Zerstörung sein. Einen Altbau den Anforderungen eines Energiesparhauses mit Energieausweis zu unterwerfen, sagt mehr über unsere Überheblichkeit und Bequemlichkeit im Denken und Rechnen aus, als über die Qualität des Bestands. Wenn nun das, was ein Altbau zu leisten vermag, Ihren Anforderungen entspricht und Sie dem Zeitgeist trotzen, können Sie viele Jahre mit hoher Lebensqualität darin verbringen.

 

DI Friedrich Mascher
Der Autor ist Architekt mit Büro in Gösing/Wagram
und Lektor an der Kunstuniversität in Linz.