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| Bauen, und zwar lebensgerecht |
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10. Teil: Das raumplanerische Debakel (Fortsetzung)
Man kann ja versuchen, alle Gebäude des Landes kurzfristig in ressourcenschonende Passivhäuser umzuwandeln und alle Fahrzeuge mit elektrischem Strom zu betreiben – auf Dauer werden auch solche Maßnahmen nicht ausreichen, um unsere Lebensräume funktionsfähig zu erhalten. Es ist höchste Zeit, die aktuelle Raumordnungspraxis grundsätzlich zu hinterfragen.
Wie in diesen Beiträgen bereits skizziert wurde, war die Gestaltung der vorindustriellen Kulturlandschaften in erster Linie darauf ausgerichtet, das natürliche Angebot an Solarenergie bestmöglich nutzbar zu machen. Entsprechend konsequent wurden dafür geeignete Flächen erschlossen und bewirtschaftet, wurden effiziente Siedlungs- und Hausformen entwickelt, die Aufwände für unvermeidbare Transporte minimiert und die bestehenden baulich-räumlichen Strukturen intelligent immer weiter verwertet und verbessert. Bemerkenswert ist, dass die Ergebnisse dieser von permanenter Ressourcenknappheit disziplinierten Raumentwicklungen uns bis heute auch mit ihren ästhetischen Erscheinungsbildern überzeugen können.
Während vorindustrielle Kulturlandschaften also perfektionierte Konstruktionen zur Optimierung des gesellschaftlichen Energiehaushalts waren, sind die heutigen Landschaften und Siedlungsformen das genaue Gegenteil davon – Zurichtungen zur systematischen Energievernichtung. Schon die Landwirtschaft verbraucht heute mehr (fossile) Energie, als durch den Ernteertrag wiedergewonnen werden kann. Die Dezentralisierung der Standorte für Wohnen, Arbeiten, Freizeit, öffentliches Leben etc. erzwingt, dass wir ständig – und meistens motorisiert – unterwegs sein, Unfälle riskieren und in Verkehrsstaus stehen müssen. Wertvollste Landschaften werden heute zügig zersiedelt und entstellt – eine fatale Fehlentwicklung, die durch die Bereitstellung öffentlicher Förderungen sogar noch unterstützt wird. Vorhandene Raumressourcen werden schamlos degradiert – zum Beispiel alte Stadt- und Ortskerne durch die hemmungslose Errichtung monofunktionaler Einkaufszentren an den Peripherien. Überhaupt entstehen im Bereich des Neubaus fast ausschließlich monofunktionale Gebäude und Quartiere, die die Entstehung kleinteilig gemischter, auf kurzen Wegen nutzbarer, räumlich attraktiver und vital entwicklungsfähiger Lebensräume verunmöglichen. Noch nie hat es so viele Gesetze, Konzepte und Fachleute im Bereich der Raumplanung gegeben, wie gegenwärtig – und noch nie war das in unserer Umwelt feststellbare Resultat genau dieser Raumplanung so niederschmetternd.
Räumliche Fehlentwicklungen werden heute vor allem durch die leichte Verfügbarkeit von billiger fossiler Energie ermöglicht. Dabei werden in unseren Lebensräumen nicht nur sinnvolle funktionelle und ökologisch wichtige, sondern auch sinnstiftende gestalterische Zusammenhänge aufgelöst. Beliebigkeit und Hässlichkeit der Erscheinungsbilder sind die Folge. Wie soll diese fatale Organisation der Lebensprozesse im Raum aber weiterhin funktionieren, wenn es billige fossile Energie bald nicht mehr geben wird? Die aktuelle Praxis der Raumplanung steht offensichtlich in eklatantem Widerspruch zu allen diesbezüglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen und auch zu allen wohlbekannten siedlungs- und verkehrspolitischen Lippenbekenntnissen. Sie ist nicht zukunftsfähig und nicht lebensgerecht. Unter dem harten Preis- und Effizienzdruck, der den gesellschaftlichen Energiehaushalt zunehmend bestimmen wird, wird es im eigentlichen Wortsinn notwendig werden, die gesellschaftlichen Lebensprozesse intelligenter im Raum zu organisieren. Allerdings werden sich die Sünden der jüngeren Vergangenheit als fatale Erbsünden erweisen und den kommenden Generationen schwere Belastungen aufbürden. Besonders erschreckend ist, dass trotz besseren Wissens kein maßgebliches Umdenken in der raumplanerischen Praxis stattzufinden scheint.
Erich Raith _ raith
nonconform architektur vor ort |
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