Was wir von Camping-Urlauben und Flugzeug-WCs lernen könnten

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

 

 

 

 

Lebenszyklus-Kosten eines durchschnittlichen Einfamilienhauses

Diagramm, Lebenszyklus-Kosten

1 m2 Wohnnutzfläche
kostet somit in 80 Jahren

Balken, Kosten

Lebenszyklus-Kosten pro m²
gesamt somit 16.000 Euro

  Seit Jahrtausenden leben die Menschen behaust. Damals wie heute gibt es in den Häusern mindestens eine Küche, einen Schlafraum und einen Wohnraum. Und doch unterscheidet sich das historische Obdach vom gegenwärtigen gewaltig.

Dieser Unterschied ist aber nicht in den Baumaterialien zu suchen – weder im Lehmputz noch in den Holzwänden oder in den Holzdecken. Gerade diese natürlichen, selbstverständlichen Baustoffe sind heute wieder im Vormarsch.

Was den wesentlichen Unterschied zur Vergangenheit ausmacht, ist vor allem die Größe unserer gegenwär­tigen Häuser.

Nehmen wir das ursprüngliche, prototypische Bauernhaus als Beispiel. Es bestand aus drei Räumen. Die mittig gelegene Rauchküche mit dem direkt verbundenen, offenen „Vorhaus“, der vorderen Stube und der hinteren Stube. In der Rauchküche wurde gekocht und gelagert, in der hinteren Stube geschlafen und in der vorderen Stube gegessen, gewohnt, gefeiert usw. Nicht selten wohnten auf diesen vielleicht in Summe 50 m² bis zu 10 Personen der Großfamilie.

Übrigens, in China war noch bis vor wenigen Jahren die staatlich vorgegebene, maximale Wohnfläche ebenfalls auf 5 m2 pro Person beschränkt.
Heute denken wir, dass ein Haus mit 130 m2 Wohnfläche nicht mit mehr als 5 Personen bewohnbar ist. Das sind immerhin 26 m² pro Person und mehr als das Fünffache jener Fläche, die unsere Ahnen zum Leben gebraucht haben.

Kein Platz für Protz und Prunk
Nun stellt sich natürlich die Frage, worin die Gründe dieser expansiven Entwicklung liegen. Was mit Sicherheit zu sagen ist, ist die Tatsache, dass das ursprüngliche, beispielhafte Bauernhaus keinen einzigen unnützen Quadratmeter zu viel hatte. Es wurde das gebaut, was gebraucht wurde, und nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für Repräsentation, Protz oder Angeberei gab es weder ein Bedürfnis noch die Ressourcen und vor allem nicht die finanziellen Mittel. Als Landwirt musste man sparsamst wirtschaften, um letztlich bescheiden zu überleben.

Besser ging es in der Vergangenheit da schon dem Landadel, der immerhin den Zehent einhob und damit für sein Überleben sorgen konnte. Repräsentation und das bewusste Zeigen von Macht waren erwünscht und drückten sich letztlich auch in Form und Größe seiner Baulichkeiten aus.
Sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land waren der Adel und seine Bauten immer ein Vorbild der Bürger- und Bauernklasse. Was Jahrhunderte lang für den einfachen Bauern unerreichbar erschien, rückte mit dem sukzessiv steigenden, wirtschaftlichen Wohlstand in greifbare Nähe.

Nach Abschaffung des Blutadels ist es heute der Geldadel, der mit noch größeren Bauten den scheinbaren Wohlstand, die Macht oder auch nur die vorhandenen finanziellen Mittel im Gegensatz zu seiner Umgebung zur Schau stellen will.

Immer mehr, immer größer
Es dürfte in der Natur des Menschen liegen, nach immer mehr, immer größer, immer besser oder immer schneller zu streben. Übrigens, haben Sie sich schon einmal ein Auto gekauft, das kleiner, langsamer oder schlechter war als jenes, das Sie zuvor hatten?

Genau wie beim Auto auch, kann man im neuen, großen Wagen nicht wirklich besser fahren als im alten, ebenso wie man in einem überdimensionierten Haus nicht besser wohnen kann.

Alle Gigantomanie wäre kein Thema, wenn nicht wirtschaftlich harte Zeiten, Preissteigerungen, Energieverteuerung, Rohstoffverknappung, Umweltverschmutzung, CO2-Ausstoß – und wie sonst noch alle gegenwärtigen Schlagwörter lauten – uns einen Strich durch unsere Rechnung machen würden.

Notwendig oder Überfluss?
Diese Fakten könnten uns nachdenklich machen. Benötigen wir wirklich alle derzeitigen Dinge und Gegenstände zum Überleben oder ist doch vieles davon Repräsentation, Luxus oder Überfluss?
Niemand verlangt heute von uns, dass wir auf 5 m² Wohnfläche pro Person leben müssen. Aber müssen es wirklich 26 m² oder mehr sein? Dass es sehr wohl möglich ist, mit wenig Platz auszukommen, zeigt jeder Urlaub mit dem Campingbus oder jeder Urlaub im Hotelzimmer.
Apropos Urlaub. Wer kennt nicht ein WC in einem Flugzeug. Es ist eng, aber auf Grund seiner gut durchdachten Konzeption funktioniert es perfekt. Auch alles, was zusätzlich erforderlich ist, ist dort vorhanden. Das Waschbecken, der Seifenspender, der Papierhandtuchhalter, der Mülleimer, der Spiegel finden auf geschätzten 0,5 m² Platz.

Jeder Quadratmeter zählt
Aber nicht nur im Flugzeug ist jeder Quadratmeter kostbar, auch in unseren Häusern. Denn jeder Qua­dratmeter muss zuerst gebaut werden, dann aber noch erhalten, geheizt, beleuchtet, geputzt und erneuert werden.

Jeder durch eine intelligente Planung gesparte Quadratmeter bringt einen finanziellen Gewinn. Ein Gewinn nicht nur bei den Errichtungskosten (die übrigens nur 15 % der Lebenszykluskosten betragen), sondern vor allem in den vielen Jahrzehnten des Betriebes (die Betriebs- und Energiekosten betragen ca. 80 % der Lebenszykluskosten).

Ein Haus „lebt“ nur rund 80 Jahre
Der statistische Lebenszyklus eines Einfamilienhauses beträgt rund 80 Jahre. Durch eine intelligente Planung kann bis zu 15 % der Wohnfläche bei gleichbleibender Wohnqualität eingespart werden. Durch die erzielte Verringerung der Herstellungskosten und vor allem aber der Betriebs- und Energiekosten kann in dieser Zeit soviel Geld eingespart werden, wie das Haus ursprünglich gekostet hat.

Small ist nicht nur beautiful, small ist auch smart –
und vor allem kostensparend.

DI Dr. Karl Langer
Architekt und freier Mitarbeiter von „NÖ gestalten“