Nachhaltiges Bauen –
mehr als nur Energieeffizienz

 

ARCHITEKTUR NÖ
Ein kritischer Dialog

 

Der Begriff „Nachhaltigkeit“ hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr auch im Bauwesen etabliert und wird mittlerweile in den Medien,
in Diskussionen und auch in der Werbung mitunter unreflektiert verwendet. Dabei werden beispielsweise Aspekte der Energieeffizienz, eine niedrige Energiekennzahl oder geringe Heizkosten häufig als ausreichend für eine derartige Klassifizierung angesehen.
Aus diesen Informationen heraus haben sich viele von uns ihre eigene Definition von nachhaltigem Bauen geschaffen. Anfänglich richtige Definitionsansätze wurden dabei durch die inflationäre Verwendung dieses Begriffs zusehends verwaschen.

Der eigentliche Begriff „Nachhaltigkeit“ stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft und entwickelte sich dort bereits Anfangs des 18. Jahrhunderts aus der Not der damals anhaltenden Waldvernichtung heraus. Man erkannte, dass Abholzen alleine die nutzbaren Waldflächen für die kommenden Generationen stark reduziert und nur einen kurzfristigen Vorteil mit sich bringt. Längerfristig wirkende Bewirtschaftungskonzepte waren gefragt, um den Waldbestand dauerhaft (nachhaltig) zu sichern.

Nachhaltigkeit im heutigen Sinn definiert sich in drei Dimensionen: Ökologische Nachhaltigkeit, ökonomische Nachhaltigkeit und soziale Nachhaltigkeit, die gleichberechtigt und einander beeinflussend zu beachten sind. Allgemein formuliert ist Nachhaltigkeit somit eine Form der menschlichen Bedürfnisbefriedigung, die die Entwicklung zukünftiger Generationen nicht beeinträchtigt.

Damit wird klar, dass die gegenwärtig zu beobachtende Sichtweise lediglich Teilbereiche von nachhaltigem Bauen beinhalten kann. Bauten, die hoch energieeffizient sind, sind zwar im Bereich der Ökologie nachhaltig, müssen dies in den anderen beiden Kriterien
jedoch nicht zwingend sein. Die alleinige Betrachtung der Energiekennzahl ist selbst ökologisch fragwürdig, da diese z. B. mit einem hohen energetischen Materialaufwand bei der Errichtung erkauft sein kann, der sich nur bei entsprechend langer Lebensdauer des Gebäudes tatsächlich als nachhaltig rechtfertigen lässt.

Nachhaltiges Bauen muss somit als integrativer und gesamtheitlicher Prozess gesehen werden, bei dem über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes beispielsweise folgende Fragen immer wieder gestellt werden müssen:

Wie groß ist der Flächenbedarf, um meine Wohnbedürfnisse
(nicht Wohnwünsche!) abzudecken?

Ist ein Neubau unbedingt erforderlich oder ist die Adaptierung von Bestehendem möglich?

Welche Auswirkungen hat meine Bauführung auf die unmittelbare Umgebung (Nachbarschaft) und den Verbrauch an Naturräumen?

Die Messlatte bei der Beantwortung sind dabei unsere Kinder und Enkelkinder, denen wir verpflichtet sind.
Überbordender Grundflächenkonsum bei Neubauten oder Ressourcenausbeutung beim Bauen schränkt die Möglichkeiten der kommenden Generationen ebenso ein, wie unüberlegte und starre Planungskonzepte, die geänderten sozialen Anforderungen oder Umnutzungen zukünftig nicht gerecht werden können. Die Auswirkungen einer Vernachlässigung der ökonomischen Komponente führt uns die aktuelle Wirtschaftskrise eindrücklich vor Augen.

Nachhaltiges Bauen ist kein Modetrend, es ist ein Gebot der Stunde und muss von uns allen berücksichtigt und gelebt werden, wollen wir der Nachwelt als verantwortungsbewusste Generation einen lebenswerten, abwechslungsreichen und intakten Lebensraum
hinterlassen.


DI Stefan Schraml
NÖ Baudirektion