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ARCHITEKTUR
NÖ
Ein kritischer Dialog
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Tausende Jahre bevor der Ausdruck "Nachhaltigkeit" in den Sprachgebrauch aufgenommen wurde, bauten die sesshaften Menschen ihre Behausungen mit jenen Materialien, welche Sie vor Ort fanden. Ob dies das Holz des benachbarten Waldes war, der Lehm aus der Baugrube oder der Stein, der nebenan gebrochen wurde – all diese Materialien standen in enger Verbindung mit dem jeweiligen Ort des Baugeschehens. Man benutzte diese und keine anderen Materialen, da man immer schon einfach und sparsam baute – ohne großen Aufwand für Transport und Muskelkraft. Durch diese einfache und zugleich Ressourcen schonende Vorgangsweise entstanden im Laufe von Jahrhunderten Bautraditionen, die eng mit den jeweiligen Orten und der jeweiligen Landschaft verknüpft waren. Diese Behausungen waren somit das baukulturell entwickelte und tradierte Resultat und gleichzeitig das Spiegelbild der vorhandenen Topographie, Geologie und Flora, aber auch des vorhandenen Klimas.
Beispielhaft legen die tunesische Lehmbautradition, die skandinavische Holzarchitektur oder die vielerorts vorhandene Steinbautradition Zeugnis dieses kulturellen und gleichzeitig auch ökonomischen und ökologischen Prozesses ab. Es bedarf aber gar nicht des Blickes über unsere Grenzen hinaus, um diese Verschmelzung von Baukultur, Baumaterial und Landschaft zu finden. An den Steinterrassen und Steinhäusern der Wachau, an den Lehmziegelbauten des Mostviertels oder auch an der Holzarchitektur der Voralpen ist eine analoge Entwicklung ablesbar.
Mit steigendem Wohlstand und dem Versuch, witterungsbeständigere Wohnbauten zu errichten, wurde der gebrannte Lehmziegel in die Palette der Baustoffe aufgenommen. Dieses ursprünglich dem Adel vorbehaltene Material fand Einzug in die allgemeine Baukultur. Über Jahrhunderte wurde dieses Material, welches viele Funktionen, wie z. B.: Lastabtragung, Wärmedämmung, Dampfausgleich und Putzträger in sich vereinte, als primärer Baustoff verwendet. Trotz der über Jahrhunderte gleichbleibenden "Mauer-Loch-Systematik" der Bauten wurden damit die unterschiedlichsten Architekturstile realisiert – z. B. vom einfachen biedermeierlichen Haus begonnen über das strenge klassizistische, das opulente spätgründerzeitliche Haus bis hin zu Bauten der Moderne am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Doch schon zuvor, ab dem Ende des 18. Jahrhunderts, wurde mit der industriellen Revolution ein Umbruch auf mehreren Ebenen eingeleitet. Mit der Erfindung der Dampfmaschine wurde die industrielle Fertigung forciert und der Transport von Waren erleichtert. Stahl und später Beton kamen u. a. als neue Baustoffe hinzu. Das ehemalige Verhältnis von teurem Material zu billiger Arbeitskraft kehrte sich langsam in das Gegenteil um.
Heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, können wir zurückblicken auf eine explosionsartige Entwicklung von neuen Baustoffen, Fertigungstechniken und Materialien, die uns für die Errichtung unserer Häuser zur Verfügung stehen. Ist aber auf Grund dieser angebotenen Vielfalt an Möglichkeiten das Bauen einfacher geworden?
Mitnichten – ganz im Gegenteil. Heute haben wir im Vergleich zu früheren Zeiten die Qual der Wahl.
Dass diese Wahl nicht immer zugunsten der Ästhetik der Bauten ausfällt, kann man landauf, landab feststellen. Was trotz der Fülle fehlt, ist die nötige Zeit für eine kontinuierliche Entwicklung. Eine Entwicklung, die technische Erfordernisse, Materialspezifika und ästhetische Komponenten gleichermaßen berücksichtigt.
Vielleicht könnte zukünftig die teilweise Verwendung von vor Ort vorhandenen Materialien – in zeitgemäßer Form und Technologie – die Materialwahl vereinfachen, gleichzeitig zu einer nachhaltigen, modernen Baukultur und somit zu einer neuen Qualität im Bauen führen.
Architekt DI Dr. Karl Langer
Buchempfehlung: Christian Norberg-Schulz:
Genius Loci: Landschaft, Lebensraum, Baukunst.
Stuttgart: Klett-Cotta, 1982
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