Broschüre „NÖ gestalten“,
Ausgabe 121 (September 2008)

 

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„NÖ gestalten“

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Spion oder Vürguck?

Foto: Familie Gubi

 

 

Spion oder Vürguck?

Nicht jeder Spion ist wirklich ein Spion . . .
Eine interessante Definition zum Thema „Spione“ erhielten wir von Fam. Gubi aus 2164 Neuruppersdorf:

SPIONE sind viel kleiner als die anderen Fenster des Hauses. Man sieht hinaus, aber man wird nicht gesehen. Da Spione nur an alten Häusern zu finden sind, mit dickem Mauerwerk, manchmal in der Schräge einer Stube, haben sie eine beachtliche Tiefe.
Optisch wird diese Tiefe verstärkt, indem die Fenster so weit wie möglich in die Laibung nach innen versetzt werden. So erzielt man eine ,starke Lochwirkung‘, wie Arch. Helmut Leierer auch bei ,richtig platzierten Presshausfenstern‘ beschreibt.

Bei ,wirklichen‘ Spionen sind also die Fenster nie an der äußeren Putzfläche angebracht. Vielleicht wurden bei späteren Renovierungen dort Verglasungen vorgesehen, um die illegale „Deponie“ von Bierdosen, Sackerln etc. zu unterbinden.

Oft wurden Spione je nach Form und Lage nach außen erweitert. Dies brachte eine beträchtliche Vergrößerung des Blickfeldes, Die konische Öffnung der äußeren Laibung, nämlich sowohl symmetrisch als auch einseitig bzw. beidseitig unsymmetrisch, steigert den Formenreichtum erheblich.

Auf Formen wie rund, oval liegend, oval stehend, quadratisch, rechteckig liegend oder rechteckig stehend angewendet, wird dieser Formenreichtum der Spione schier unerschöpflich, wie man in ,NÖ gestalten‘ auf eindrucksvolle Weise sehen kann.

Der VÜRGUCK ist meist ein schmales Fenster, oft halb so groß wie die anderen Fenster des Hauses. Der Vürguck sitzt an der Schmalseite des Hauses bei versetzten Baufluchten (die heute leider immer häufiger begradigt werden). Somit ermöglicht er einen schönen Ausblick in jeweils eine Richtung der Dorfstraße (siehe ,NÖ gestalten‘, Nr. 117, S. 40: eine Aufnahme fürs Lehrbuch). Im Gegensatz zum wirklichen Spion sitzt sein Fenster stets wie alle anderen Fenster des Hauses an der äußeren Putzfläche. Vor dem Einsetzen moderner Fenster waren beides meist Kastenfenster, deren äußereFlügel nach außen aufschlugen.

Mit Windhaken gesichert sind sie so ein gestalterisches Element der Fassade: Die Fenster ,öffnen‘ sich; moderne Fensterflügel, die nach innen gehen, ergeben an der Fassade ein ,schwarzes Loch‘.

Die tiefe Laibung der Kastenfenster wurde nach innen konisch erweitert (Spalieren im Fachjargon).

Dies bedeutet einen weiteren Gegensatz zum wirklichen Spion. Durch dieses Spalieren der Laibung wurde der Lichteinfall verbessert und die inneren Flügel konnten leicht über den rechten Winkel geöffnet werden, um den Hinausblickenden nicht sonderlich zu stören.

In geöffnetem Zustand ragten die inneren Flügel nie in den Raum hinein. Früher nannte man einen Raum mit nur straßen- bzw. gassenseitigen Fenstern eine ,blinde Stube‘ (so gab es auch eine ,Blindkuchl‘), eine Stube mit Vürguck oder, wenn baulich möglich, mit ums Eck angeordnetem Fenster / angeordneten Fenstern ,zweiäugig‘; dies bringt auch die optimale Raumbelichtung.
Gute und vorausschauende Planung bei Sanierungsarbeiten der Umbauten könnten die Erhaltung von wirklichen Spionen und Vügucks in modernes Wohnen integrieren.

Unser Vürguck (siehe Foto) im ehemaligen Gasthaus (vis à vis der Kirche) wurde von uns nach einer Totalrenovierung von Dachstuhl, Ziegeldeckung und Mauerwerk eingeplant. Vorher war dort eine nackte Wand. Kastenfenster wurden in den ursprünglichen Maßen neu gefertigt.

 

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