Broschüre „NÖ gestalten“,
Ausgabe 125 (August 2009)

 

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„NÖ gestalten“

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ARCHITEKTUR NÖ 
Ein kritischer Dialog

Rastersiedlung

Die „totale Landschaft“,
irritierende chaotische
Lebenswelten, weder Stadt noch Land.


Mitarbeiter dieses
Sonderteils (alphabetisch):
DI Helmut Haiden, DI Karl Langer,
DI Peter Morwitzer, DI Peter Obleser,
DI Dr. Erich Raith, DI Franz Sam,
DI Stefan Schraml, DI Werner Zita.
Koordinierung: Harald Böckl.

 

 

Bauen, und zwar lebensgerecht

1. Teil: Jedes Bauen ist Umbauen

Hunderttausende Jahre lebten Menschen auf dieser Erde als nomadisierende Jäger- und Sammlergesellschaften. Sie lebten in sehr ge­ringer Bevölkerungsdichte in Naturlandschaften, in die sie nie massiv gestaltend eingriffen. Ihre Lebensenergien gewannen sie aus Biomasse, also ausschließlich von der Sonne. Diese Lebensweise war – um einen heutigen Begriff zu verwenden – hundertprozentig nachhaltig.

Warum haben die Menschen vor Kurzem (vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren) diese erfolgreiche Lebensweise aufgegeben? Warum sind sie plötzlich sesshaft und Ackerbauern oder Viehzüchter geworden? Ihr Leben ist dadurch ja offensichtlich viel härter, entbehrungsreicher und risikoreicher geworden.

Als Bauern mussten sie von früh bis spät arbeiten, Wälder roden, Hänge terrassieren, Sümpfe trockenlegen, Wege bauen, Schädlinge bekämpfen, Felder bearbeiten, feste Gebäude errichten etc. Sie waren von den Launen der Natur viel abhängiger und konnten Konflikte nicht mehr einfach durch Ortswechsel lösen.

Die tiefgreifende Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse und der radikale Umbau der Naturlandschaft in eine agrarische Kulturlandschaft waren von niemandem geplant. Obwohl wir hier von einem kulturellen Wandel reden, vollzog sich dieser Prozess wie ein Naturereignis.

Die Entwicklung war unumkehrbar, denn agrarische Gesellschaften brachten eine viel höhere Bevölkerungsdichte hervor und die war nur durch die stärkere Kontrolle der energetischen Ressourcen, also durch Landwirtschaft, aufrecht zu erhalten. Trotzdem war auch diese bäuerliche Welt unter den harten Bedingungen eines ständig regulierend wirkenden Ressourcenmangels hundertprozentig nachhaltig, da auch sie ausschließlich von der in Biomasse gespeicherten Energie und damit von der Sonne am Leben erhalten wurde.

Warum haben die Menschen gerade erst (vor etwa zweihundert Jahren) diese erfolgreiche Lebensweise weitgehend aufgegeben? Die existenziellen und räumlichen Beschränkungen, an die die bäuerliche Lebensweise ständig stieß, konnten erst durch die Erschließung neuer (fossiler, später auch nuklearer) Energiequellen gesprengt werden.

Radikaler Umbau der Lebensräume
Kohle, Erdöl, Erdgas und Atomstrom haben eine neuerliche grundlegende Umgestaltung der Gesellschaft und einen radikalen Umbau unserer Landschaften und Lebensräume ausgelöst. Auch dieser Transformationsprozess, von dessen Dynamik wir ohne Aussicht auf stabile Verhältnisse in eine ungewisse Zukunft mitgerissen werden, ist unumkehrbar. Er beschert uns Lebensumstände, die in keiner Weise nachhaltig sind. Die langfristigen Überlebenschancen unserer Zivilisation auf diesem Planeten sind auf einmal in Frage gestellt.

Ein Symptom dieses Transformationsprozesses ist, dass sich traditionelle räumliche Strukturen unaufhaltsam aufzulösen beginnen. Städte ufern explosionsartig zu grenzenlosen Megacities aus, oder sie werden porös und schrumpfen. Alte Kulturlandschaften werden dem motorisierten Verkehr geopfert und hemmungslos zersiedelt.

Wohn-, Arbeits- und Freizeitmilieus verlieren zunehmend ihren räumlichen Zusammenhalt. Auf den hintersten Gletschern wird schrille Urbanität inszeniert. In städtischen Ballungsräumen werden dafür Relikte ehemaliger Wildnisse zu Nationalparks erklärt. Alltagskulturen und Lebensstile geraten entweder lustvoll oder bedrohlich konfliktreich durcheinander.

Gift, Müll und Hässlichkeiten
In suburbanen Peripherien, sogenannten „Zwischenstädten“ oder „urban sprawls“ entstehen weltweit verstörende Wildwüchse scheinbar beliebig durcheinander gewürfelter Bebauungen, raumgreifender Verkehrssysteme, widersprüchlicher Leerräume und fragmentierter Altbestände. Die vertrauten Muster von Stadt und Land lösen sich vor unseren Augen in einem neuartigen territorialen Gesamtsystem auf, das in der Fachliteratur als „totale Landschaft“ bezeichnet wird. Auch diese globale Entwicklung scheint sich jeder planerischen Kontrolle zu entziehen.

Zerknirscht könnte man diagnostizieren, dass die Menschheit noch nie so verantwortungslos ihre existenziellen Ressourcen vergeudet, ihre Energien missbraucht, wertvollste Landschaften irreparabel verschlissen, Unmengen von Gift, Müll und Hässlichkeiten produziert und für die nachfolgenden Generationen tragfähige Brücken in die Zukunft abgebrochen hat, wie gegenwärtig.
Was bedeutet eine so niederschmetternde Diagnose nun für die Disziplinen des Planens und Bauens, die ja professionell und produktiv in die Zukunft blicken sollten?  WIRD FORTGESETZT.

Erich Raith _ raith nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien

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