Broschüre „NÖ gestalten“,
Ausgabe 126 (November 2009)

 

Broschüre

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„NÖ gestalten“

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ARCHITEKTUR NÖ 
Ein kritischer Dialog

Krems - Altstadt

Lebensgerecht und hochaktuell: Diese Bebauungsstruktur ist
kompakt, gemischt genutzt, sie gewährleistet kurze Wege,
sie kann sich zeitgemäß weiterentwickeln . . .

Foto: Stadt Krems / Günter Kargl.


Mitarbeiter dieses
Sonderteils (alphabetisch):
DI Helmut Haiden, DI Karl Langer,
DI Peter Morwitzer, DI Peter Obleser,
DI Dr. Erich Raith, DI Franz Sam,
DI Stefan Schraml, DI Werner Zita.
Koordinierung: Harald Böckl.

 

 

Bauen, und zwar lebensgerecht

2. Teil: Jedes Bauen ist Umbauen (Fortsetzung)

Wie weit man auch auf diesem Globus reist, ob in Länder, die kulturell vertraut, oder in solche, die befremdlich exotisch sind, meistens wird man die gleiche Beobachtung machen: In vorindustriellen Zeiten haben die Menschen Kulturlandschaften, Siedlungsformen und Gebäude geschaffen, die durch ihre Alltagstauglichkeit, ihre Berücksichtigung von Umweltbedingungen und ihr ästhetisches Erscheinungsbild überzeugen und faszinieren. Welche geheimnisvollen Fähigkeiten hatten die Menschen damals? Und warum haben wir sie offenbar verloren?

Warum werden heute mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der in alten Zeiten nachhaltig funktionierende und qualitätsvolle Lebensräume geschaffen wurden, weltweit Kulturlandschaften zerstört, ökologische Katastrophen produziert und massenhaft architektonische Banalitäten ohne sinnvolle räumliche Zusammenhänge über die falschen Flächen verteilt?

Warum braucht man heute eine Elite von aufwändig ausgebildeten Experten, um in seltenen Ausnahmefällen Qualitäten zu schaffen, die früher als vertraute Normalität aus der alltäglichen Lebenspraxis hervorgehen konnten?
Ein Erklärungsversuch bezieht sich auf den Energiehaushalt menschlicher Gesellschaften: Solange man keine anderen Energiequellen hatte, als die Sonne, ­waren die Grenzen des Machbaren zwangsläufig eng gesteckt. Umso bedeutsamer war es, über viele Generationen hinweg kontinuierlich Erfahrungen zu sammeln und sie in Traditionen und (meist ungeschriebenen) Regeln kulturell zu verfestigen. So konnten auch unter den Bedingungen knapper Ressourcen mit ausreichender Sicherheit funktionierende und menschenwürdige Lebensräume geschaffen werden.

Erst als durch die umfassende Verfügbarkeit von Kohle, Erdöl, Erdgas und letztlich auch Atomstrom diese bewährten, aber zwangsläufig auch einengenden Traditionen und Regeln radikal überwunden werden konnten, brachen die Dämme. Einerseits setzte ein sich ständig beschleunigender Schub an Innovationen ein, andererseits beschleunigten sich durch die Heftigkeit des zivilisatorischen Wandels auch jene Fehlentwicklungen, die uns heute schockieren und bedrohen.

Baukulturelle Neuorientierungen
Mittlerweile besteht wohl ein allgemeines Bewusstsein dafür, dass man in allen Bereichen Neuorientierungen braucht – besonders auch im Bereich der Raumplanung, des Städtebaus und der Architektur. Aber in welche Richtung soll es gehen?
Es macht sicher Sinn, sich bei knapper werdenden Ressourcen wieder der oft verkannten und nur oberflächlich verstandenen Traditionen zu besinnen und daraus zu lernen. Die Rückbesinnung auf das kulturelle Erbe allein wird aber längst nicht ausreichen, um eine lebendige, zukunftsorientierte Baukultur zu entwickeln. Eine zeitgemäße, lebensgerechte Baukultur muss in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit und darüber hinaus auch offen für Innovationen sein. Der einzuschlagende Weg darf also weder in die Falle sentimentaler Nostalgie, noch in die Falle modischer Beliebigkeit führen.

Alles ist Ressource
Baukultur darf keine Angelegenheit von Eliten sein. Sie muss auf allen maßgeblichen Ebenen gelebt, praktiziert und weiterentwickelt werden. Das Selbstverständnis muss sein, dass Planen und Bauen heute immer Umplanen und Umbauen bedeutet. Die „totale Landschaft“, in die wir geraten sind, repräsentiert längst unser globales ökologisches, soziales und politisches Gesamtsystem, sie reicht von Horizont zu Horizont. Unter heutigen Bedingungen bedeutet „Bauen auf der grünen Wiese“ daher den Umbau einer wertvollen grünen Wiese – zum Beispiel in eine Einfamilienhaus-Siedlung.

Wir müssen von Fall zu Fall entscheiden, ob dieser Umbau richtig oder falsch ist, und wir müssen bewerten, ob wir mit den grünen Wiesen, den Almhütten, den alten Stadtkernen, den kleinen Dörfern, den barocken Schlössern, den stillgelegten Hochöfen, den Plattenbau- und Einfamilienhaussiedlungen, den Gletschern, Regenwäldern und der Tiefsee, dem Bach vorm Haus, den Müllhalden und Verkehrsflächen etc. intelligent, verantwortungsvoll und zukunftsweisend umgehen. In diesem Sinn ist auch alles (!), was an Gebautem da ist, als Ressource zu verstehen, die eine respektvolle Auseinandersetzung und die Chance auf eine sinnvolle Weiterentwicklung verdient.

Wir müssen den Umbau unserer Lebensräume gerade auch unter den Zeichen der wirtschaftlichen und ökologischen Krisen der Gegenwart als Chance begreifen, bedrohliche Fehlentwicklungen effizient korrigieren und wieder ins Positive wenden zu können, global und lokal. Vor dieser Herausforderung stehen nicht die Fachleute allein. Baukultur ist, was wir alle gemeinsam auf diesem Weg zustande bringen. Können wir gemeinsam eine Neuorientierung schaffen? Die Antwort kann nur lauten: „Yes, we can!“ WIRD FORTGESETZT.

Erich Raith _ raith nonconform architektur vor ort
Arch. DI Dr. Erich Raith ist Ao. Univ. Prof.
am Institut für Städtebau, Landschaftsarchitektur
und Entwerfen, Fachbereich Städtebau, an der TU Wien


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