Broschüre „NÖ gestalten“,
Ausgabe 127 (März 2010)

 

Broschüre

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„NÖ gestalten“

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Wunderwelt Hintaus

„Hier mein Hintaus mit dem entfernten Kirchturm und der fürs Weinviertel typischen Hollerstaude. Ein schöner, friedlicher Anblick“, schreibt
Ernestine Klingler,
2051 Zellerndorf.

 

 

 

Wunderwelt Hintaus

„Unser Stadl wurde im Jahr 1902 erbaut und diente auf Grund seiner Größe zum Aufstellen der Dreschmaschine. Den alten Schlitten habe ich vor drei Jahren mit meiner Tochter zum Jausentisch umgebaut und restauriert“, schreibt Werner Kroupa, 2225 Zistersdorf.

 

 

Wunderwelt Hintaus

Während vorne die „schöne Fassade“ vor allem die Nachbarn beeindrucken soll, bleibt für das wahre Leben im „Hintaus“ gerade noch
Platz. Fangen wir es gemeinsam ein,
halten wir es gemeinsam fest. Wir laden Sie ein zu einem Streifzug durch die „vergessene“ Schönheit unserer Dörfer. Senden auch Sie einen Beitrag!

 

Mein Freund, der alte Stadel
Eine Kurzgeschichte von Margarete Pötsch aus 2181 Dobermannsdorf.

Im Alter von sieben Jahren lernte ich meinen Freund, den alten Stadel, kennen.

Anfangs mochte ich ihn gar nicht. Er war so groß und ich so klein. Er war so behäbig, so protzig, ein bisschen furchterregend, ja vielleicht sogar ein wenig unheimlich. Der Stadel war immer präsent. Am Morgen beim ersten Blick aus dem Fenster stand er immer vor mir. Wenn ich vom nahen Teich nach Hause lief, verwehrte er mir den Blick auf die Kirchturmuhr.

Dieser Blick war eine dringende Notwendigkeit. Ich kam meistens ein viertel bis halbes Stündchen zu spät nach Hause, was mir des Öfteren tadelnde Worte meiner Mutter einbrachte. Warum ich mich mit dem Stadel trotzdem angefreundet habe? Daran waren meine Hausarreste schuld. Meine sehnsüchtigen Blicke nach Draußen! Mir gegenüber der Stadel. Genügend Zeit, jedes Brett zu studieren.

Am schönsten waren wohl die Stunden, die ich dann mit meiner Großmutter verbrachte. Die Wintertage, an denen es am Nachmittag zum Lichteinschalten noch zu früh und zum Draußenbleiben zu spät und zu kalt war.

Eines Tages meinte meine Großmutter, dass es an der Zeit wäre, das Beten des Rosenkranzes zu lernen. Die Dämmerung würde sich dazu anbieten. Also setzte ich mich auf die Fensterbank.

Großmutter saß vor dem Küchenofen und betete mir den Rosenkranz vor. Die diversen Wiederholungen haben mich als Kind gelangweilt und so fand ich Abwechslung im Beobachten der nickenden Äste der Akazienbäume im Wind.
Fast hatte es den Anschein, der alte Stadel mache da mit, nickt mir auch zu und gab mir ein Gefühl, als wollte er sagen, dass das, was mir meine Großmutter zumutet, in Ordnung wäre. Er, ein so alter Herr, musste es ja wissen.

Im Laufe der Jahre wurde er mir vertrauter. Er war nicht mehr unheimlich, ganz im Gegenteil. Mit der Zeit wurde er heimelig, manchmal wirkte er gütig, nicht mehr bedrohlich wie am Anfang. Der liebe alte Kasten hatte auch seine Geheimnisse. Ich wäre nicht ich gewesen, hätte mich die Neugier nicht auch einmal in das Innere des Stadels getrieben.

Für mich war es ein Leichtes mich bei dem großen schiefen Tor hineinzuzwängen. Im Halbdunkel sah ich links und rechts nur Strohwände. Auffallend war, dass auf einer Seite das Stroh zusammengetreten war. Fast ein Steig, der nach oben führte. Da war eine Entdeckungsreise fällig!
Ich fand ein Nest mit Hühnereiern. Gezählte einundzwanzig Stück. Um die Erfahrung reicher, dass Eier, wenn sie verdorben sind, furchtbar stinken, verließ ich enttäuscht meinen Freund, den Stadel. Es gab aber noch Vieles zu entdecken und zu beobachten. Eines Tages, es war wieder einmal Hausarrest angesagt, lümmelte ich am Fensterbrett und gab mich meinen Fantasien hin. Die breiten abgewitterten Bretter meines Stadels hatten viele Gesichter. Abwechslungsreich waren die vielen Astmarken, die zu mir herüberschauten. Ich sah einen Löwenkopf, es guckte ein Fuchs herüber und Vieles, Vieles mehr.

Eines Tages zog ein Gewitter auf. Der Sturm war arg und die Äste der Akazienbäume peitschten meinen Stadel, dass Gott erbarm. Aber auch die Bäume hatten Einiges abbekommen. Mein Stadel hat sich tapfer gehalten. Nicht einen Dachziegel hat er losgelassen.

An einem heißen Sommertag wurde ich aus dem Schlaf gerissen, ebenso mein alter Freund. Das Stadeltor wurde aufgerissen und eine Dreschgarnitur in seinen Leib geschoben. Drei Tage musste er das Getöse der Maschine über sich ergehen lassen. Er hat es gut überstanden, trotzig wie er war.
Die Jahreszeiten machten ihm schon manchmal zu schaffen. Besonders die Herbststürme, gegen die er sich behaupten musste. Selbst der Bäume, die wild aufgegangen waren und sich in sein Dach drängten, wurde er Herr.

Nicht zu vergessen die Schneemengen die er tragen musste, oder die riesigen dicken Eiszapfen, die an der unteren Dachkante hingen. Von einigen konnte ich ihn befreien. Die großen wurden zu Gebilden aufgelegt. Einige kleine Eiszapfen wanderten über die Zuckerdose in meinen Magen.
Natürlich wurde er nicht nur gepeinigt. Er wurde auch für sein Dasein belohnt. Mit frechen kleinen Spatzen, die ihre Behausung unter seinem Dach hatten. Süße kleine Katzenkinder wurden in seinem Inneren geboren. Junge Steinmarder, die vor seinem Tor Männchen machten.

Ob im Schein des Vollmondes oder im Glanz der Wintersonne, der Raureif auf seinem Dach glänzte und glitzerte, hatte ich den Eindruck, er
sei selbst stolz auf sich.

Eines Tages hat es mich in die Welt hinausgezogen. Doch immer, wenn ich nach Hause kam und mich auf meine Eltern und mein Elternhaus gefreut hatte, begrüßte mich zuerst mein alter Freund, der Stadel. Wenn ich dann am Abend am Fenster stand und zu ihm hinüberblickte, darüber nachdachte, was er schon alles erlebt und überstanden hatte, wie Kriege, Stürme, Hitze und Kälte, wurde ihm meine ganze Bewunderung zuteil. Seine Devise ist wohl, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Es ist ein gutes Gefühl einen alten Stadel zum Freund zu haben.

 

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