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NÖ Gestalte(n) Ausgabe 139

GESTALTE(N) DieBeziehungzwischenKirchenorientierung und Sonnenaufgang versinnbildlicht die Auferstehung Christi. Dabei ist die Sonne als Symbol für Christus zu verstehen, dessen Wiederkunft aus dem Osten erwartet wird. Die Orientierung von Heiligtümern nach der aufgehenden Sonne ist von jeher ein Bedürfnis der Menschheit. Ein Beispiel aus dem Judentum ist der Tempel Salomos in Jerusalem (Gründung 957 v.Chr.) und aus frühchristlicher Zeit die Grabeskirche in Jerusalem, die Kaiser Konstantin im Jahre 326 errichten ließ. Im Allgemeinen spricht man bei Kirchen- orientierungen von „Ostung“. Darunter ist aber nicht der genaue geographische Osten gemeint, sondern die Ausrichtung nach dem tatsächlichen Sonnenaufgang, der sich im Laufe eines Jahres zwischen Sommer- und Wintersonnenwende bewegt. Ab dem 16. Jahrhundert (Konzil von Trient) hat die Orientierung nach der Sonne ihre Bedeutung eingebüßt. Seither entspricht jeder geweihte Altar, ganz gleich in welche Himmelsgegend er ausgerichtet ist. Papst Benedikt XVI. vertritt die Auffassung, dass man die Tradition der Ostung im Kirchen- bau wieder aufgreifen sollte, wo immer es möglich ist. Achsknick In vielen mittelalterlichen Kirchen weist das Langhaus eine andere Orientierung auf als der Chor; diese Tatsache ist als „Achsknick“ be- kannt. Hinter der geknickten Kirchenachse steht nichts anderes als ein zweistufiger Vorgang bei der Absteckung des Kirchengrundrisses, dem eine getrennte Orientierung von Langhaus und Chor nach der aufgehenden Sonne zugrunde liegt. Die Richtung des Achsknicks kann je nach Jahreszeit sowohl nach Norden als auch nach Süden zeigen. Richtung und Größe hängen von der Wahl der Orientierungstage ab. Abb.1: Pfarrkirche Muthmannsdorf, Achsknick nach Süden. Orientierungstage 1136: Langhaus Peter und Paul (29. Juni), Chor 9. Sonntag nach Pfingsten (19.Juli). Abb.2: Dom zu Wiener Neustadt, Achsknick nach Süden. Orientierungstage: Langhaus Pfingsten 1192 (24.Mai), Chor Pfingsten 1193 (16.Mai). Das Langhaus entspricht im Kirchengebäude dem irdischen und der Chor dem himmlischen Bereich. Dadurch wird die Hinführung vom irdischen zum himmlischen (ewigen) Leben symbolisiert. Der Achsknick ist vom Rang einer Kirche un- abhängig; er ist bei Domen genauso anzutreffen wie bei Dorirchen oder Burgkapellen. Absteckung von Kirchengrundrissen Nach Festlegung der Orientierungstage für Langhaus und Chor sind die Voraussetzungen für die „orientierte Absteckung“ am Bauplatz gegeben. Die Orientierungsfolge ist stets: Lang- haus vor Chor. Daher wird zuerst am Orientie- rungstag Langhaus vom Absteckpunkt „A“ die Richtung nach der aufgehenden Sonne festge- legt, die der Achse Langhaus entspricht. In der nächsten Stufe wird entsprechend dem Bauplan der Absteckpunkt „X“ für den Chor bestimmt und von ihm aus am Orientierungstag Chor wieder nach der aufgehenden Sonne orientiert, 44 ORIENTIERUNG MITTELALTERLICHER KIRCHEN LH CH > Abb.1 Achse Langhaus Achse Chor

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