Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

NÖ Gestalte(n) Ausgabe 139

Nach dieser Regel wurden das Langhaus und der Chor des Gotteshauses (Abbild des himmli- schen Jerusalem) durch den Sonnenaufgang in das Universum (den Himmel) eingebunden. Grundregel ist also, dass der Grad der Heiligkeit der Orientierungstage vom Langhaus zum Chor steigenmuss.EinfacheBeispielefürOrientierungs- folgen sind: gewöhnlicher Wochentag – Sonntag, Gründonnerstag – Ostersonntag. Die Orientierungstage von Langhaus und Chor gab vermutlich der Bauherr vor. Der Sonntag düre in der Häufigkeit für den Chor an erster Stelle stehen, weil er als „Erster Tag der Woche“, als „Tag des Herrn“, dem „Tag der Auferstehung“ (Wiederholung des Osterfestes) entspricht. Der Ostersonntag stellt demnach den heiligsten Orientierungstag dar. Beispiele dafür sind die Stadtpfarrkirchen von Marchegg (1268) und Laa an der aya (1207). Als Beispiel für den Pfingstsonntag als Orientierungstag ist Wiener Neustadt (1192) zu nennen. Bei den Beispielen handelt es sich um eine verknüpe Stadt- und Kirchenplanung, was bedeutet, dass die Kirchenachse geometrisch gesehen Konstruk- tonslinie des Stadtgrundrisses ist. Durch diese Verknüpfung offenbart sich die Absicht, die poli- tische Handlung der Stadtgründung zu heiligen, indem sie an einem heiligen Tag stattfand. Abb.4: Verknüpe Stadt- und kirchenplanung am Beispiel von Wiener Neustadt. Die Achse Dom schneidet die Nord- und Westseite genau in der Mitte der Stadteinfassung. Die Pfarrkirche von Marchegg (Patrozinium: hl. Margaretha) ist „das Musterbeispiel“ für eine Kirche mit Achsknick und besonderen Orien- tierungstagen. Die Achse Langhaus wurde am 5. April und jene des Chores am 8. April nach der aufgehenden Sonne orientiert. Da Marchegg 1268 von König Ottokar gegründet wurde und es sich um eine verknüpe Stadt- und Kirchenplanung handelt, stellt sich die Frage nach dem Orientierungsjahr der Kirche nicht, es ist ebenfalls 1268. Die beiden Orien- tierungstage sind zufolge des bekannten Grün- dungsjahres eindeutig die beweglichen Feste Gründonnerstag und Ostersonntag. Die Pfarrkirche von Laa an der Thaya (Patro- zinium hl. Veit) ist dadurch ausgezeichnet, dass ihre Orientierungstage dem Palmsonntag und Ostersonntag des Jahres 1207 entsprechen. Aus der Sicht des Kirchenjahres erfasst der Achs- knick die gesamte Karwoche, was wohl Absicht der Planung war. Die Anlage von Wiener Neustadt geht auf eine Gründung von Herzog Leopold V. zurück. Sie zählt zu den „Spitzenleistungen mittelalterlicher Stadtplanung“. Die Achse Langhaus des Domes ist dadurch gekennzeichnet, dass sie die Nord- und Westseite des viereckigen Stadtgrundrisses genau in der Mitte schneidet und dort hin zeigt, wo am Pfingstsonntag, dem 24.Mai 1192, die Sonne aufging (Abb. 4). Die Achse Chor hinge- gen entspricht dem Sonnenaufgang des Pfingst- sonntags des Jahres 1193, der auf den 16.Mai fiel. Die Wahl des Pfingstsonntags als Orientie- rungstag lässt sich mit der Belehnung von Herzog Leopold V.mitderdamaligenSteiermarkerklären, die am Pfingstsonntag 1192 erfolgte. Durch das Ergebnis der astronomischen Untersuchung konnte das Gründungsjahr der Stadt von 1194 auf 1192 vorverlegt werden. St. Stephan in Wien ist ein Beispiel für einen Orientierungstag an einem Heiligenfest, näm- lich jenem des hl. Stephanus am 26. Dezember. ORIENTIERUNG MITTELALTERLICHER KIRCHEN 46 GESTALTE(N)

Pages