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NÖ Gestalte(n) Ausgabe 139

Zugegeben, der Titel ist Milan Kunderas berühmtem Roman nach- empfunden. Nichtsdestotrotz trifft er den Nagel unerträglich gut auf den Kopf. Die Zeiten der Generalisten oder Polyhistoren sind angesichts der exponentiell steigenden Informationsflut, des wachsenden Wissens und der sich mehrenden Erkenntnisse endgültig vorbei! Der Inbegriff des europäischen Universalgelehrten war in der Renaissance der Italiener Leonardo da Vinci, im Barock der Deutsche Gottfried Wilhelm Leibniz oder später dann der Franzose René Descartes. Zwei Jahrhunderte vor Descartes wirkte Johannes Kepler, der nicht nur ein bekannter Astronom, sondern gleichzeitig auch Naturphilosoph, Mathematiker, Astrologe, Optiker und eologe war. Diese Generalisten vereinigten die Erkenntnisse einer Vielzahl von Wissensgebieten unter einem Hut und versuchten, fachübergreifende Zusammenhänge zu ergründen. Die Gegenwart kennt solche herausragenden Generalisten nicht mehr. Dies deshalb, weil wir mittlerweile im Zeitalter des Spezialistentums angekommen sind. Wie zeigt sich nun dieses neue Zeitalter in unserem Alltag? Am einfachsten ist das bei den Humanmedizinern zu erkennen. Keine Stelle des Körpers, keine Krankheit, für die es nicht einen Spezialisten gibt. Der Arzt, der alle Bereiche vollständig abdecken kann ist Geschichte. Der sogenannte Allgemeinmediziner ist heute o nur noch dafür da, zu erkennen welcher Spezialist, sprich welcher Facharzt in weiterer Folge zu konsultieren ist. Doch nicht nur unsere Arztbesuche bestätigen diese Entwicklung. Auch in allen anderen Wissenschaen zeigt sich das gleiche Bild. Gab es 58 FACHARTIKEL ehemals nur Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaler, so gibt es heute u.a. noch die Agrar-, Ingenieurs-, Rechts- und Wirtschaswissenschaler, die sich alle wiederum in unzählige Untergruppen unterteilen lassen. Der Fokus der einzelnen Fachbereiche wird zunehmend kleiner, bei gleichzeitiger Vergrößerung des jeweiligen Spezialwissens. Was für die Wissenschaften gilt, besitzt auch für alle anderen Berufe Gültigkeit. Jeder hat sein Fachgebiet und jeder kennt seine eigene Spezialisierung. Wir alle mussten lernen zu akzeptieren, nicht mehr alles zu wissen und alles selbst machen zu können. Welcher Laie würde versuchen, die Elektronik seines Smartphones selbst reparieren zu wollen? Wer getraut sich, den Fehler in der Einspritzung seines Turbomotors selbst zu finden? Oder aber, wer fühlt sich im Stande, sein Rheumamittel selbst zu mixen? Eigentlich niemand, da es unser Wissen übersteigt. Wir alle sind abhängig von Spezialisten, ob wir das wollen oder nicht. Ohne deren Zutun erscheint unser Leben in dieser komplexen Welt nicht mehr möglich. Ob es sich um den Elektronikfachmann, den Mechaniker, den Pharmazeuten oder sonst einen Spezialisten handelt, wir haben gelernt, deren Wissen und Können zu würdigen und vor allem auch zu nutzen. Würden wir nicht so handeln, so würden wir, abgesehen vom fragwürdigen Erfolg unseres Handelns, vielleicht belächelt werden. Und welche Spuren hat dieses Spezialistenzeitalter im Bereich des Bauens hinterlassen? Wie nicht anders zu erwarten, gibt es auch hier eine Unzahl von Fach- leuten, die im engen Zusammenspiel alle Herausforderungen zu bewältigen haben: An planenden Sonderfachleuten gibt es u.a. Statiker, Bauphysiker, Geometer, Haustechnikplaner und Freiraumplaner, gefolgt von der fast nicht überschaubaren Anzahl an Professionisten wie z.B. Baumeister, Trockenbauer, Installateur, Tischler, Bodenleger, Fliesenleger, Elektriker u.v.a.m. Für die Planung und Umsetzung des Raumprogramms, die Einhaltung sämtlicher rechtlicher Vorschrien und die Koordination und Aufsicht aller am Bau beteiligter Spezialisten bis hin zur Abrechnung und mängelfreien Übergabe zeichnet im Regelfall ein Architekt verantwortlich. Wie lässt es sich nun erklären, dass gerade beim Einfamilienhausbau viele Bauherrn glauben die Reinkarnation eines Generalisten zu sein? Ist ein Haus einfacher als ein Smartphone? VonderunerträglichenLeichtigkeit des Spezialistendaseins Karl Langer, Architekt ✒ GESTALTE(N)

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