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NÖ Gestalte(n) Ausgabe 140

20 GESTALTE(N)GESTALTE(N) BAUJUWELE IN NIEDERÖSTERREICH Die bedeutendste Jugendstilanlage Niederösterreichs wurde als Kaiser Franz Joseph-Landes-Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling um die Jahrhundertwende errichtet. Inzwischen umbenannt in „Landes- klinikum Mostviertel Amstetten-Mauer“, werden bis heute hier neurologische und psychische Erkrankungen behandelt. Der architektonische Gebäudekomplex ist weitestgehend erhalten. Neue Behandlungsmethoden, überaus fortschrittlich für die Errich- tungszeit, bedingten eine humane Architektur. Die Kranken sollten nicht das Gefühl haben, weggesperrt zu sein. Statt Gitter vor den Fenstern wurde eine kleinteilige Versprossung gewählt, um dennoch Sicherheit zu gewährleisten. Die Unterbringung in Pavillons ermög- lichte zudem mehr Differenzierung bei der Behandlung. Weiters gab es zur „Open-door-Behandlung“ ein Pflegerdorf, wo die PatientInnen bei Familien untergebracht waren. Im Werkstättenhaus fanden die InsassInnen als therapeutische Maßnahme ebenso Beschäigung wie im Garten bzw. dem weitläufigen Park. Anlässlich der Eröffnung am 2. Juli 1902, die der Kaiser selbst vornahm, berichtete dieser in einem Brief: „Ich brachte zwei Stunden in Mauer-Öhling zu, das ein sehr schönes, in schönem Walde gelegenes, mit allen Erfindungen der Neuzeit ausgestattetes Etablissement ist … Alles zum Besten der Narren. Es muss zweifellos ein Hochgenuss sein, dort eingesperrt zu sein.“ Zur Straße hin zeigt ein dreigeschoßiges Direktionsgebäude, auch innen reichlich secessionistisch ausgestattet, sein stattliches Antlitz. Streng axialsymmetrisch setzt sich die Linie zum Gesellschashaus bis hin zum Küchentrakt fort. Die Gruppierung der Pavillons wie auch der Wohnhäuser für Ärzte und Beamte unterliegt rationellen Überlegungen. Der Planer der Anlage, Carlo von Boog (1854-1905), war ab 1882 im Dienst des Landes Niederösterreich tätig und erwarb sich im Bereich des Wasser-, Brücken- und Straßenbaus ein hohes Ansehen. Sein Bestreben nach hoher Funktionalität manifestiert sich in Mauer-Öhling nicht nur im städtebaulichen Denken und den durchdachten Grundrissen der einzelnen Häuser, sondern auch in der speziellen Wahl von Beton als Werkstoff. Carlo von Boog meldete für seine Kassettendecken sogar ein eigenes Patent an. Selbst die Ornamente wurden vorwiegend in Gussbeton ausgeführt, eine deutlich kostengünstigere Alternative zur aufwändigen Handarbeit in Stuck. Der ornamentale Dekor, bei dem Kastanienblätter eine Sonderstellung einnehmen, geht neuesten Forschungen zufolge vor allem auf Boogs Mitarbeiter Erich Gschöpf (1874-1933) zurück. Die Fassaden sind kontrastreich gestaltet, in einem spannenden Wechsel von Sichtziegel und weiß verputzten Flächen. Grün kommt als Schmuckfarbe hinzu: bei den Fensterrahmen wie auch bei den in Metall gehaltenen Lampen und Gittern. Florale Motive blühen – unbeeindruckt von Witterung und Jahreszeit – auf dieser Spielwiese des „Ver Sacrum“ und zieren u. a. auch die Glasfenster des Festsaals, in dem auch heute noch regelmäßig Konzerte stattfinden. Dieses Gesellschashaus ist mit einer eigenen, verschließbaren Kapelle aus- gestattet. Ebenfalls am Gelände befindet sich eine kubisch gehaltene Aufbahrungskapelle. Die Koppelung von Krankenhaus und Kirche ist in einem weiteren Bauwerk, das durch Carlo von Boog geplant wurde, von großer Bedeutung: auf den Wiener Steinhofgründen. Kurz nach der Fertigstellung von Mauer-Öhling mit dem Entwurf beauragt, widerfuhr Boog, dass sein großes Vorbild Otto Wagner sich bewarb künstlerisch mitzuwirken und ihn schließlich sogar aus dem Projekt drängte. Dass nicht in Vergessenheit geriet, wo die berühmte Anlage am Steinhof ihre Wurzeln hat und welchen Stellenwert das Jugendstil-Ensemble von Mauer-Öhling weit über das Mostviertel hinaus einnimmt, verdanken wir engagierten Autoren wie Peter Kunerth. eresia Hauenfels * MAUER-ÖHLINGJugendstil Architektur von Carlo von Boog

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