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NÖ Gestalte(n) Ausgabe 140

BAUJUWELE IN NIEDERÖSTERREICH / MAUER-ÖHLING GESTALTE(N)22 Bereits 1988 ist Ihre erste Publikation zur Nervenklinik Mauer-Öhling erschienen. Haben Sie eine persönliche Beziehung zu dieser bedeutenden Jugendstilanlage? Im Alter von 16 Jahren bin ich durch die beruf- liche Tätigkeit meines Vaters von Wien nach Mauer übersiedelt und habe dort einige Jahre im Direktionsgebäude gewohnt. Die gesamte Anlage war zu dieser Zeit durch die bis 1955 andauernde russische Besatzung noch stark devastiert, aber es waren die vielen leerstehen- den Gebäude und auch die damals verwilderte Parkanlage für uns Jugendliche natürlich von großem Interesse. Wie sehr haben Sie sich vor Ort engagiert? Nach meinem Studium bin ich wieder nach Öhling zurückgekehrt. Ich wurde dann Bürger- meister von Oed-Öhling und auch Obmann des Kulturbundes Mostviertel. Durch meine Funk- tion als Landesbaudirektor konnte ich zudem einiges bewirken. Leider war es nicht mehr möglich das Verputzen von Sichtziegelfassaden einzelner Pavillons zu verhindern; das war vor meiner Zeit. Aber es gab damals eben überhaupt noch zu wenig Verständnis für die Architektur des Jugendstils; sogar das Bundesdenkmalamt hatte sich zu diesem Zeitpunkt für dieses Architekturjuwel noch nicht engagiert. Bei der Recherche haben Sie ja sehr intensive Forschungsarbeit betrieben. Auauend auf den Unterlagen für mein erstes Buch, das ich mit Frau Dr. Koller-Glück her- ausgeben dure, war die Forschungsarbeit für mein Doktoratsstudium sehr umfassend. So konnten die ersten Einreichpläne der Anlage samt Verhandlungsschrien, die im Keller der Bezirkshauptmannscha Amstetten abgelegt waren, entdeckt werden. Im Landesarchiv konnten unter anderem in zahlreiche Pläne und Dokumente, z.B. den Personal- und den Sterbe- akt von Boog, Einsicht genommen werden. Ich konnte mit Boogs Großneffen Kontakt auf- nehmen. Sie schilderten, wie sehr Carlo von Boog Otto Wagner als großes Idol gesehen hatte und wie er sich von diesem nach dessen Inter- vention bei der Planung für Steinhof enttäuscht abgewandt hatte und an dieser Enttäuschung eigentlich zugrunde gegangen ist. Boog soll kurz vor seinem Tod im Familienkreis noch festgehalten haben: „Man hat mir meine Ideen gestohlen.“ Fand Boog die verdiente Anerkennung? Es ist nicht unbedingt allgemein bekannt, dass eigentlich er die Anlage der Anstalt am Steinhof geplant hat. Boog war auch in Mauer-Öhling lange einfach vergessen, sein Name wurde nur in der damaligen Fachpresse und in den Schluss- berichten von Mauer-Öhling und Steinhof besonders lobend hervorgehoben. Nicht einmal auf der Gedenktafel im Vestibül des Direktions- gebäudesscheintseinNameauf.EineForschungs- arbeit ist aber nie völlig abgeschlossen, so hat sich auch dieses ema für mein neues Buch noch weiterentwickelt. Ich würde heute aber Boog nicht mehr allein als Architekt bezeichnen, er war vielmehr auch Projektmanager und -steuerer, der sich um besondere Wirtscha- lichkeit beim Bauen bemüht hatte. Bei seinem eigenen Haus, der Villa Betonia, erkennt man deutlich, dass seine Stärke auch in der Technik lag, was durch seine innovativen Bau- details und Patente bewiesen ist. Sein umfas- sendes Wirken und Können lässt sich am besten unterdemetwasantiquierten,aberumfassenden Begriff des „Baukünstlers“ einordnen. Von Boog selbst stammt jedenfalls das städtebauliche Konzept von Mauer-Öhling und auch die – von Wagner abgeleitete – Proportionierung und Grundrisslösung der Bauten, die auch in Stein- hof vollständig übernommen wurde. In gestalte- rischer Hinsicht federführend war aber jedenfalls Erich Gschöpf, dem wir vor allem die wunderbaren floralen und vegetabilen Details und Ornamente verdanken. Hervorzuheben ist die äußerst kurze Bauzeit von nur drei Jahren, in der die Anlage von Mauer-Öhling errichtet worden ist. Man erkennt daran auch deutlich die rasche Entwicklung vom Historismus zum Jugendstil.BeigenauerBetrachtungderPlanungen erkennt man sogar deutlich, in welcher Reihen- folge die Gebäude errichtet wurden. INTERVIEW mit Peter Kunerth*

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