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NÖ Gestalte(n) Ausgabe 140

42 GESTALTE(N) lle jene, die fernab eines Baches oder Flusses leben, sind mit der Thematik ‚Hochwasser‘ oder‚Schutzbauten gegen Hochwasser‘ noch nie persönlich in Berührung gekommen. Doch was bedeutet Hochwasserschutz, wie sieht dieser aus, was sind die Herausforderungen und was die Folgen? Im Regelfall wird nur für besiedelte Ortsgebiete ein Hochwasserschutz errichtet, da dort die möglichen Schäden am größten sind. Einen solchen gesicherten Raum nennt man Polder. Doch Abhalten des Hochwassers allein ist für den Schutz eines Polders zu wenig, da komplexe hydraulische Zusammenhänge bestehen. Hochwasser und Grundwasser verhalten sich wie kommunizierende Gefäße. Weitere Kriterien sind die Nieder- schlagswässer im Polder und die durch den Polder fließenden Gewässer. Nicht zuletzt muss auch die Kanalisation eines Ortes berücksichtigt werden. All diese emen müssen innerhalb eines Hochwasserschutz- projektes gelöst werden, um nicht den gegen den Fluss geschützten Polder vom Hinterland her zu fluten. Dieingenieur-technischenLösungenbeinhaltenUntergrundabdichtungen gegen das Ansteigen des Grundwasserspiegels im Polder, Drainagen, um mögliche Undichtheiten zu kompensieren und Pumpwerke, um Regenwasser, Fließgewässer und Kanalisation über den Wasserspiegel des Hochwassers zu heben. All diese Maßnahmen sind extrem kosten- intensiv, verbleiben aber letztlich im Untergrund unsichtbar verborgen. Jene Hochwasserschutzmaßnahmen, die sichtbar über der Oberfläche erkennbar bleiben, wie Spitzen eines Eisberges, können je nach Möglichkeit und Anforderung zum Beispiel als geschüttete Dämme, hohe Betonmauern, mobile Dammbalkensysteme oder als Mischformen dieser Varianten ausgebildet werden. Im Bereich der Altstadtpromenade von Ybbs war an ein ingenieur-technisches System aus einer linearen, 80 cm hohen Betonmauer mit einer (im Hochwasserfall) aufsetzbaren, mobilen Aluminiumdammbalkenwand gedacht. Die gestalterische Herausforderung dabei war, das grobe Erscheinungs- bild einer unstrukturierten Mauer lagemäßig, formal, optisch und haptisch zu modifizieren und mit den Anforderungen von Städtebau, Denkmalpflege, Orts- und Landschasbild so zu verbinden, dass aus dieser Verbindung Synergien zwischen dem ‚Davor‘, dem ‚Dahinter‘ und dem ‚Dazwischen‘ entstehen konnten. Da Ybbs neben Dürnstein die einzige Stadt an der Donau ist, die nicht durch eine Durchzugs- straße vom Strom getrennt wird, bestand hier die Möglichkeit, das historische Ensemble der stromseitigen Altstadthäuser durch eine neu gestaltete Promenade wieder mit dem Wasser zu verbinden. Die Hochwasserschutzmauer als horizontal die Platzabfolge begleitendes Element wurde sukzessive mit zum Wasser führenden Stiegen und Rampen unterbrochen und mit der Vertikalen des Pegelturms ergänzt. Im flussabwärts gelegenen Teil des Polders, am Ende der historischen Altstadt, wird die lineare Mauer spielerisch in eine Reihe von Gelände- modellierungen aufgenommen. So wird auch dieser Teil der alten Auenlandschaft als Naherholungsgebiet wieder angebunden und aufgewertet. Um die gänzlich unterschiedliche Situation diesseits der Mauer, im geschützten Polderbereich, und jenseits der Mauer zu visualisieren, lehnt sich auf der Polderinnenseite ein gläsern-fragiler Kiosk schwerelos an die mächtige, hohe Prallmauer. Gemeinsam mit der neuen Stiegenanlage stellt sich dieses Ensemble sichtbar dem Anprall des Hochwassers am flussaufwärts liegenden Beginn der Schutzanlage entgegen. Aus Gründen der Haptik und Optik wurde als Material für Hochbauten und Hochwasserschutzmauer ein spezieller, dunkel pigmentierter Sichtbeton gewählt, dessen Zuschlagstoff aus einem nahen Steinbruch stammt. Je nach Verwendungszweck wurde dieser so verortete Beton einer unterschiedlichen, strukturierenden Oberflächenbehandlung unterzogen. Mit der Realisierung des Hochwasserschutzes Ybbs gelang es, ein technisch-funktionales Bauwerk sensibel in eine historische Stadt- und Flusslandscha zu implantieren, mit dem gestalterischen Ansatz, dieses Projekt nicht als technisches Übel, sondern als historische Chance für Ybbs zu verstehen. A HOCHWASSERSCHUTZ YBBS AN DER DONAU Architektur Architekt DI Dr. Karl Langer Landschaftsplanung DI Georg Schumacher Preise für HWS Ybbs NÖ Kulturpreis 2012, Anerkennungspreis Architektur Vorbildliches Bauen in NÖ 2012 NÖ Baupreis 2012, Sonderpreis Bauherrnpreis 2012, Nominierung Photographie, Manfred Seidl (3), Hans Hornyik (10) * Nicht technisches Übel, sondern historische Chance.

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