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NÖ Gestalte(n) Ausgabe 140

55GESTALTE(N) FACHARTIKEL * In beiden Fällen sind die ursprünglichen Beweggründe verschwunden und die Farben erlangten Tradition. Eine weitere Tücke steckt in der „Farbblind- heit“ unseres Erinnerungsvermögens. Keinem noch so geschulten Profi gelingt es, eine ge- sehene Farbe nach wenigen Augenblicken auf einer Auswahlkarte richtig wiederzuerkennen. Auch die idente Farbe in anderem Licht erscheint uns anders. Als Experiment nehmen siemaldiewunderschönenitalienischenOcker- sandeausdemSüdenmitnachHause,esbleiben simple Lehmtöne, wie auch die leuchtenden Muscheln an Glanz verloren haben. Nur weil der Fassadenanstrich die letzte Schicht ist, muss diese nicht das Allerletzte sein, besonders wenn es um historische Bauten geht. Farbwahrnehmung unterliegt eben vielen Einflüssen. Das kann dazu führen, dass sich selbst hartnäckige EU-Gegner, aber auch Prediger des Regionalismus, an einer in leuchtendem Rot strahlenden Dorapelle erfreuen, die aus der Erinnerung an das Kirchlein der letzten Rosamunde Pilcher Folge stammt. Nur weil der Fassadenanstrich die letzte Schicht ist, muss diese nicht das Allerletzte sein, besonders, wenn es um historische Bauten geht. Es gibt Hersteller, die eine historische Farbkollektion anbieten, aber auch noch Malermeister, die profunde Materialkenntnisse haben. So liegt es, wie so o, an uns, auch um Rat zu fragen. Das Wunschauto ist ausgesucht, jetzt geht’s um Ausstattung und Farbe. Jede ist möglich? Im Standardpreis die üblichen vier, mit Auf- preis einige mehr. Wer will schon die Farbe von gestern, die Modefarbe, sei sie auch noch so scheußlich, zeigt, das Auto ist neu. Trend- expertenundMarktforscherhabenschonlängst entschieden, bevor Sie zur Auswahl schreiten und glauben es wäre Ihre Entscheidung. Also ab in den Baumarkt, dort winkt die große Freiheit. Der Fassadenanstrich, ursprünglich einjährlicherSchutzderOberfläche–Griechen- landurlauber erfreuen sich noch heute an den österlich gekalkten Häusern – ist längst ver- schwunden. Unsere Forderung nach Haltbar- keit und Fleckenfreiheit haben Kalk- und Mi- neralfarben durch Silikat und Silikon- anstriche verdrängt. Diese kennen nur mehr zwei Zustände: perfekt oder kaputt. Jedes sichtbare Altern wird ausgeschieden. Erinnert an die Dogmen der Kosmetik? Größtenteils werden jedoch gar keine Farbanstriche ver- wendet sondern eingefärbte Putze, noch halt- barer und geringer im Aufwand, weil weniger Arbeitsschritte. Jetzt sind wir endlich bei der Autolackierung, wenige Hersteller bieten jährlich aktuelle Farbpaletten an. Anilinfarben, der Name rührt vom arabischen „an-nil“, was so viel blau heißt, gibt’s seit 150 Jahren. Diese, aus Steinkohleteer synthetisch von BASF und Agfa gewonnen Farben, haben unsere Umwelt nachhaltig verändert. Zuvor war die Farbwelt durch organische Pflanzen- farben, das indigogefärbte Denim Blau für Jeans, durch mineralische, aus Sanden ge- wonnen Farben und hochgradige Gie wie Schweinfurter Grün, Zinnober oder Bleiweiss bestimmt. Trendexperten und Marktforscher haben schon längst entschieden, bevor Sie zur Auswahl schreiten (...) Geläufig ist uns Schönbrunner Gelb, eine mi- neralische Farbe aus einem rumänischen Steinbruch. Musste doch das ursprünglich in Rosa und Blau strahlende Barockschloss, nach dem Gebot der Sparsamkeit, mit der billigsten, im Habsburgerreich verfügbaren Farbe neu gestrichen werden. Ähnliches gilt für die Zinnoberanstriche. Als giiger Holz- schutz an Balkenköpfen wurden diese zu einem für Skandinavien bestimmenden Rot. Oberflächlich betrachtet Die Tücken bei der Auswahl von Fassadenfarben von Architekt DI Friedrich H. Mascher

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