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BAUJUWELE IN NIEDERÖSTERREICH Die traditionsreiche Eisenstadt Waidhofen/Ybbs birgt ein interessantes Beispiel für eine frühe Stahlbetonkonstruktion: die Zeller Hochbrücke aus dem Jahr 1898. Von hier aus hat man einen der schönsten Blicke auf Stadt und Fluss, aber auch das Bauwerk selbst ist eine ausführliche Betrachtung wert. Die Baufälligkeit der alten Holzbrücke machte es Ende des 19. Jahr- hunderts notwendig, eine neue, hochwassersichere Verbindung zwischen den beiden Ufern zu schaffen. Immer wieder hatten die Fluten die wichtige Querungsmöglichkeit in Mitleidenschaft gezogen, so auch beim großen Hochwasser von 1897. Zell, von Leopold Fürst Montecuccoli 1690 zum Markt erhoben, war damals noch eigenständig und wurde erst 1972 durch Eingemeindung zu einem Ortsteil Waid- hofens. So war es auch der Zeller Bürgermeister Dr. Alexander Moyses, der nach einem Beschluss des Gemeindeausschusses die neue Brücke errichten ließ: um die stolze Summe von 68 280 Gulden, auf heutige Verhältnisse umgerechnet 641 832 Euro. Der niederösterreichische Landesausschuss subventionierte das Bauvorhaben mit etwas mehr als zehn Prozent der Gesamtkosten. Fünf Jahre lang zahlten die Querenden Maut, um die durch Darlehen vorfinanzierte Errichtung zu amortisieren. Bevor mit dem Bauen begonnen werden konnte, mussten zwei Häuser am rechten Ufer weichen und Felsen gesprengt werden. Der vier Meter starker Strompfeiler und die landseitigen Widerlager erhielten eine Steinverkleidung. Die zwei unterschiedlich langen Betonbögen basieren auf einer Konstruktion, die vom Gärtner Joseph Monier (1823 –1906) in Frankreich – ursprünglich für Pflanzkästen für transportable Orangenbäumchen – entwickelt worden war. Monier wurde mit dem Einsatz von Zement, Sand, Wasser und Drahteinlage zum Wegbereiter des Eisenbetons. Der Einsatz von Eisenbeton im Brückenbau manifestiert sich u. a. in der Kürze der Herstellungs- dauer, aber auch, wie im Handbuch von Carl Kersten, 1908, nach- zulesen, zeigt sich „ein besonderer Vorteil den steinernen infolge Wölbbrücken gegenüber“ darin, „daß man in Eisenbeton leichtere, gefälligere Formen schaffen kann, welche der vollendeten Ausnutzung der Festigkeitseigenschaften und der entsprechend geringeren Masse an Material schon in der Herstellung der Bogen ( ... ) weniger Kosten verursachen.“ Das segmentbogenförmige Moniergewölbe ist bei der Zeller Hoch- brücke asymmetrisch angelegt, der eine Bogen mit 44,60 Meter, der andere mit 21,40 Meter Länge. Die Fahrbahnbreite beträgt heute fünf Meter, ein schmaler Streifen auf jeder Seite wird als Gehsteig von den Fußgängern genutzt. Der „Bote von der Ybbs“ berichtete live von der Baustelle: „Die Arbeiten bei der Brücke, besonders das Ausgießen, lockten immer eine große Anzahl von Zuschauern an, denn eine Arbeit in diesem Genre ist nicht immer zu sehen, da die Bauten nach dem Systeme Monier erst in neuerer Zeit infolge der praktischen Seiten, die sie aufzuweisen haben, mehr in Schwung kommen. Jedenfalls wird die neue Brücke nicht nur ein langer- sehnter, praktischer Verbindungsweg zwischen den beiden Schwester- orten, sondern auch ein Schaustück architektonischer Kunst sein.“ Der Württemberger Bauunternehmer Gustav Adolf Wayss, Pionier im Eisen- und Stahlbetonbau, realisierte das Werk und erkor Waidho- fen zu seinem Alters-sitz, wo er 1917 als k&k Baumeister verstarb. Anlässlich der festlichen Eröffnung des Brückenbaus gratulierte der angesehene Waidhofner Bürgermeister Baron Plenker der Zeller Bevölkerung zu ihrem neuen, bequemen „Communicationsmittel“, kann man in Friedrichs Richters Aufsatz anlässlich des hundert- jährigen Bestehens der „Hohen Zeller Brücke“ nachlesen. Bis heute bewährt sich dieses ansehnliche Baudenkmal der Technik. Bei der Generalsanierung 1970 erfolgte eine Erneuerung des Brückengeländers. Das markante Bauwerk fand auch Niederschlag in der Kunst. So malte Sergius Pauser in den 1950er Jahren die Stadt mit „Blick gegen die Zeller Hochbrücke“. Und für den Film „Das ewige Lied“ mit Tobias Moretti wurde das Ensemble von Brücke und Fluss sogar zum Drehort. Theresia Hauenfels * DIE ZELLER HOCHBRÜCKE WAIDHOFEN/YBBS GESTALTE(N)14 Photographie,UweHauenfels

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