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19GESTALTE(N) Bürgerwerkstätten zusammen. Da wird entschieden, was wir machen. Dann bleibt letztlich nur mehr die Frage der Finanzierung. Es hat sich aber gezeigt, dass das Kostenbewusstsein bei den Menschen ungeheuer angestiegen ist und sehr effi- zient vorgegangen wird. Wir haben auf diese Weise einen Dorfladen zustande ge- bracht, wir haben eine Bücherei. Das sind Treffpunkte in kleinen örtlichen Gemein- den, wo die Menschen hingehen und sich austauschen. Ein anderes Beispiel betrifft das Begleit- grün auf den Straßen, Grünflächen, die für die Gemeinde teuer und für den Bauhof pflegeintensiv sind. Dann ist die Mitarbei- terin der Koordinationsstelle los marschiert und hat gesagt: „Pass auf! Ich schaue, dass ich Patenschaften werbe.“ Patenschaften immer für ca. 80 – 100 Meter für so einen Grünstreifen. Und sie hat nach einem Tag ungefähr 25 Patenschaften gehabt. Jetzt werden unsere insgesamt 70 Paten einmal im Jahr zu einem „Patenessen“ eingeladen. Plötzlich wird ein Ehrenamt wieder ein Ehrenamt, plötzlich ist es eine Ehre, für das Gemeinwohl da zu sein. Sie sind also mittlerweile davon überzeugt, nicht mehr auf die Kompetenzen, das Wissen und das Engagement ihrer Gemeindebürger verzichten zu können? Ja, auf jeden Fall. Wenn sie mich aber vor 24 Jahren gefragt hätten, ob Bürger- beteiligung funktioniert, hätte ich gesagt, – kann gar nicht funktionieren. Die Menschen sind viel zu egoistisch. Heute weiß ich, die Menschen machen mit und sind mit Leidenschaft dabei. Danke für das Interview Damit haben wir einen Grundstückvorrat geschaffen, der uns in die Lage versetzt, ortsplanerische Entwicklungen zu betreiben und mit Kauf oder mit Tausch den Grund zu bekommen, den wir brauchen – und das klappt hervorragend. Wir haben auch untersuchen lassen, wie sich dieses bodenpolitische Modell familien- politisch auswirkt. In Familien, die Häuser auf frei erwerblichen Grund gebaut haben – so etwas gibt es ja, weil ja das letzte Drittel am freien Markt verkauft wird – gibt es eine durchschnittliche Kinderanzahl von 1,2. In Familien, die auf Erbbaugründen der Ge- meinde gebaut haben, gibt es eine durch- schnittliche Kinderanzahl von 2,8. Seit dem ist auch der Pfarrer von Weyarn überzeugt, dass dies eine tief christliche Sozialpolitik ist. Wie sieht die Situation der Landwirte in Weyarn aus? Meistens ist es so, dass wenn die Bauern im Alter den Hof übergeben wollen, keiner von ihren Kindern mehr da ist. Dann haben wir oft das Problem, dass in diesen Bauernhöfen Städter ihre Zweitwohnsitze konzipieren. Das bedeutet aber für uns, dass wir bei der Ortsplanung auch Sozial- strukturen berücksichtigen müssen. Wir haben es dann geschafft, dass wir in einem Bereich, in dem 10 Bauernhöfe eine kleine, dorfähnliche Struktur gebildet haben, für die Kinder am Hof zusätzlich einen ge- werblichen Betrieb bauen durften. Jetzt haben wir in diesem Dorf eine Zimmerei, eine Schreinerei, ein Dorfcafé und einen Kunstschlosser – und in diesem Dorf wird das Leben weitergehen. Das heißt, auch solche soziale Aspekte kann man mit Bodenpolitik steuern. Bodenpolitik ist überhaupt die Grundlage dafür, um gestalten zu können. Welche Auswirkungen hatte Ihre Politik bei der Gemeindeentwicklung? Die Ausgangssituation Anfang der 90er Jahre war schlichtweg katastrophal. Mit steigenden Grundstückspreisen sind viele junge Menschen abgewandert. Aufgrund der neuen Bodenpolitik wird jetzt aber nicht mehr spekuliert und ich brauche auch nicht mehr überzeugen, das ist toll. Aber all das ist aus der Resignation entstanden. Wie haben Sie das geschafft? Das Erste ist das WOLLEN. Zweitens: Wir brauchten Geduld für die Bestandsauf- nahme, um herauszufinden, wo liegen unsere Potentiale. Was haben wir für Res- sourcen? Wer sind wir denn überhaupt? Und wenn wir das gemacht haben, dann brauchen wir Leitbilder. Und wenn man die einmal hat, muss man diese als Handlungs- auftrag begreifen und sie umsetzen, sonst sagen die Leute, der redet ja nur. Wir haben Bürgerwerkstätten, um die Men- schen hinter ihren Thujenhecken hervor- zuholen, damit sie begreifen, dass ihr Leben nicht am Vorgarten endet, sondern das ganze Dorf dazu gehört. Und dazu ge- hört, dass wir den Menschen die Möglich- keit geben, tatsächlich mitzumachen. Sie bekommen ein Budget, sie haben einen Spre- cher zu wählen und ein Protokoll zu schrei- ben. Dieses Protokoll haben sie an die Koordinationsstelle zu schicken. Wer betreut diese Koordinationsstelle? Wir haben eine Halbtagskraft, die nichts anderes tut, als diesen Prozess zu koordi- nieren und die Planungsergebnisse für die Steuerungs- und Entscheidungsgremien aufzubereiten. Zweimal im Jahr setzt sich der Gemeinderat mit den Vertretern der *

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