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Vom Wohnen in der Arbeitersiedlung Der Wandel vom „Ganzen Haus“, einer alle Lebensvollzüge in einem ge- meinsamen Haushalt einschließenden Selbstversorgungseinheit, hin zum „modernen Wohnen“ in der Kleinfamilie vollzog sich als stetiger Prozess, parallel zu den Veränderungen von der Agrar- zur Industriege- sellschaft. Neben ehemals landwirtschaftlich geprägten Siedlungsformen entwickelten sich an den Industriestandorten eigene Arbeitersiedlungen als in sich geschlossene Ensembles. In Niederösterreich ging der AufschwunginderTextilindustrieEndedes 18. Jahrhunderts mit vermehrter Ansiedlung im Wiener Becken einher. Im Traisental hatte sich Ende des 18. Jahrhunderts eine eisenver- arbeitende Industrie niedergelassen, die rund um die Werke in St.Aegyd, Hohenberg und Furthof Wohnhäuser für ihre Arbeiter errichtete. Das Waldviertel wiederum hat eine lange Tradition in der Verarbeitung von Rohstoffen für die textilerzeugende Industrie. Im 19. Jahrhundert wurde die Schaffung von Wohnraum für die Klein- familie gesellschaftspolitisches und soziales Thema. Die Aufgabe wurde vorwiegend von Fabrikbesitzern und Unternehmern wahrgenommen, welche sich damit einerseits die Ansiedlung von Fachkräften aus dem Ausland, aber auch die Abhängigkeit der Arbeitskräfte sicherten. Häufig wurdeandieBauweisekeinerleiästhetischerQualitätsansprucherhoben. Angelehnt an die jeweils regional typische Bauweise entstanden sehr ein- fache Häuser, die auf notwendige Räume und Ausstattung reduziert waren. Die Wohnungen wurden an die Arbeiterinnen und Arbeiter vermietet oder als Teil des Lohnes zur Verfügung gestellt. Entspricht dem Wohnbedürfnis einer Familie im beginnenden 21. Jahr- hundert eine Wohnnutzfläche von mindestens 120 m2, so mussten damals ebenerdige Häuser mit cirka 40 m2 das Wohnbedürfnis von zwei Familien abdecken. In einer gemeinsamen Küche wurde gekocht und gegessen. Ein 16 m2 großes Zimmer musste als Wohn- und Schlafraum ausreichen. Eine Sitzbank hinter dem Haus, ein schmaler Grünstreifen, der gepflasterte Hinterhof und im besten Fall noch ein kleiner Schreber- garten für Gemüseanbau erfüllten in Werksiedlungen die Funktionen von gemeinschaftlich genutztem Freiraum. Dennoch zeichnen manche Schilderungen ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner ein durchaus romantisches Bild vom Leben in der Sied- lung und drücken den hohen Grad an Identifikation mit der Siedlung und der Fabrik aus. Bedingt durch die Kleinheit der Wohnungen, waren viele Tätigkeiten nach draußen verlagert. Die Kinder spielten im Hinter- hofoderaufderStraße,hinterdemHaushingdieWäschezumTrocknen, GESTALTE(N)46 Seit jeher suchen Menschen ein Leben in Gemeinschaft. Erzwangen frühere Epochen die Solidargemeinschaft, um das Überleben sicher zu stellen, so sind heutige Gemeinschaftsprojekte von verschiedenen Motiven eines freiwilligen Miteinanders getragen. Die neue Themenserie sucht nach Ideen, Konzepten und gelungenen Beispielen gemeinschaftlichen Bauens und Wohnens. Im ersten Teil wird ein historisch bedeutsames Bauensemble der niederösterreichischen Industrie- und Baugeschichte vorgestellt: DIE NADELBURG BEI LICHTENWÖRTH TEIL1: Leben im geschlossenen Ensemble WOHNEN UND (IN) GEMEINSCHAFT Edeltraud Haselsteiner F A C H A R T I K E L Originalplan der Gesamtanlage „Nadelburg“ Photographie:ArchivNadelburgmuseum,Portraitprivat

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