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GESTALTE(N)52 Herr Hochstädt, Sie kommen ursprünglich aus der Lausitz in Deutschland. Was hat Sie nach Ybbsitz gebracht? Nun, als ausgelernter Geselle bin ich nach alter Tradition auf die Walz gegangen, um weiter dazuzulernen. Ybbsitz war schon immer eine Hochburg der Eisenverarbeitung und ist heute noch eine als Schmiedezentrum bekannte Ge- meinde.DamusstDuhin,habeichmirgedacht. Und gut war es. Denn ich habe hier meine Frau kennengelernt – und bin geblieben. Welche Eigenschaften und Fähigkeiten sollte man mitbringen, um den Beruf des Schmieds zu ergreifen? Zuerst, wie bei allen Berufen, Aufgeschlos- senheit und die Liebe zur Sache. Auch als Schmied wird man nicht geboren und muss vieles lernen. Aber man sollte schon kreativ arbeiten wollen und ein gewisses Vorstel- lungvermögen haben. Und natürlich: Man sollte gerne mit den Händen arbeiten. Die menschlichen Hände sind das genialste Werkzeug, das die Natur je hervorgebracht hat. Als Schmied muss man aber den gesam- ten Prozess beherrschen. Zuerst eine Idee Welche Chancen sehen Sie denn künftig für das Schmiedehandwerk? Wir leben in einer Massenartikelgesellschaft, in der fast alles schon in Serie hergestellt wird. Alles wird immer austauschbarer, eintöniger, gleicher. Da entsteht ganz von selbst bei den Menschen der verstärkte Wunsch nach Indi- vidualität. Eben nicht den Zaun oder das Tor zu haben wie der Nachbar, sondern eines das ausdrückt, wer man selbst ist. Als Schmied macht man nicht nur noch echte, qualitätsvolle Handarbeit, man kann faktisch jeden Kundenwunsch auch um- setzen. Die meisten Menschen denken bei Schmiedearbeiten ja einfach an aufwendige Rankenmotive, so à la Schloss Schönbrunn. Aber genau das wird heute meist maschinell gemacht. Es wäre sonst zu teuer. Natürlich wir man als Schmied immer wieder für detailgetreue Restaurierungen herangezogen, schmiedet noch Nägel für alte Bauernhäuser und so was. Aber die Zukunft ist es eher, neue, ganz moderne Designs herstellen. Eben einfach alles, was gewünscht wird. Apropos Rankenmotive, gerade haben Sie ein einfaches Blatt in Arbeit. Können Sie uns anhand dieses Werkstücks die Herstellung erklären? Nun, zuerst muss man im Gefühl haben, wie viel Material man dafür brauchen wird. So- viel Ausgangsmaterial nimmt man sich her und legt es in den Ofen, um es umzuformen. Man kann sich das wie Knete oder Ton vor- stellen – nur dass die Masse natürlich zu heiß wird, um sie mit den Händen zu bearbeiten. Man greift sie also nur mit Werkzeugen an und bearbeitet sie auch mittels Werkzeugen. Das nennt man dann Freiformschmieden. Prinzipiell unterscheidet man ja zwischen Freiformschmieden und Gesenkschmieden. Bei zweiterem wird das Material haben, diese zu Papier bringen und dann in Metall umsetzen. Meist macht man auch noch ein Modell im Kleinen, für sich selbst, aber auch, damit sich der Kunde das fertige Stück besser vorstellen kann. Die große Faszination dabei: Man macht vieles zum allerersten Mal. Dann steht nach dem Entwurf immer zuerst die Frage im Raum: Welche Werkzeuge brauche ich dafür jetzt? Oft muss man sich diese nämlich vorher komplett neu überlegen und dann auch selbst herstellen. Es ist also durchaus ein anspruchsvoller Beruf. Sie sind mit Leib und Seele Schmied. Setzen Sie sich auch persönlich ein, um die Stellung der Schmiede wieder zu stärken und das Schmiedehandwerk zu forcieren? Ja. Ich vertrete als Fachbeirat Ybbsitz im Ring der Europäischen Schmiedestädte. Das ist eine länderübergreifende Initiative mit dem Ziel, die regionale Vielfalt des Schmiede- handwerks und der Metallgestaltung in der globalen Einheit Europas auf allen Ebenen zu fördern. Mit 2010 wurde das Schmieden in Ybbsitz in die UNESCO-Liste Immaterielles Kulturerbe in Österreich aufgenommen. Aber im Ring geht es vor allem auch darum, über den Tellerrand zu schauen, sich gegen- seitig zu befruchten und voneinander zu lernen. Ich hatte zum Beispiel schon Praktikanten aus Finnland hier. Man kann sagen, wir versuchen, die für manche abstrakte Idee eines gemeinsamen Europas in die Realität umzusetzen. Denn umso besser und selbstbewusster die Schmiede auf breiter Basis werden, umso mehr Bewusst- seinsbildung und Akzeptanz in der Bevölke- rung wird es geben. Viele glauben ja, der Beruf ist schon ausgestorben. Da wollen wir ein kräftiges Lebenszeichen geben und auch zeigen, was ein Schmied heute alles leisten kann. INTERVIEW MIT THOMAS HOCHSTÄDT

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