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Noe Ausgabe 143

BAUJUWELE IN NIEDERÖSTERREICH Am Ferdinand-Porsche-Ring von Wiener Neustadt blitzt zwischen den Bäumen eine Kirche auf: mit einem romanisch anmutenden Turm, der ein bisschen an einen Bergfried erinnert. Als der Sakral- bau errichtet wurde, war es noch nicht lange selbstverständlich, dass evangelische Kirchen einen Turm tragen dürfen. Die Bethäuser, die mit dem Toleranzpatent von 1781 durch Joseph II. und der Legalisierung des Protestantismus in den Habsburgischen Ländern zur Ausübung der Religion genutzt wurden, mussten noch ohne aus- kommen. Das Bauwerk stammt aus dem Jahre 1911. Der Historismus hatte als stilistisches Flaggschiff des langen 19. Jahrhunderts noch einmal seinen Anker ausgeworfen. Einflüsse der erneuernden Bewegung des Jugendstils manifestierten sich im großen Christus- Relief der Bildhauer Jung und Russ sowie am Schmuck der Fenster der Tauapelle. Die Architekten waren Siegfried eiss und Hans Jaksch, die kurz davor ihre Ateliergemeinscha, die 54 Jahre dauern sollte, gegründet hatten. eiss & Jaksch haben in Österreich Architekturgeschichte geschrieben. Das erste Hochhaus von Wien, in der Herrengasse 6–8, direkt gegenüber dem Palais Niederösterreich, geht auf ihr Konto und wurde 1932 fertig gestellt. In Wiener Neustadt aber war ihr allererstes gemeinsames Werk entstanden: der Posthof von 1907, gefolgt vom Wasserturm 1908. Aber auch später noch haben eiss & Jaksch Spuren ihrer Baukunst in der Garnisonstadt hinterlassen: in Form einer Artilleriekaserne, der Fliegerkaserne, einer Turn- schule, eines Hotelumbaus sowie von Wohnbauten. Die evangelische Kirche von Wiener Neustadt war der Auakt zu einer ganzen Reihe von Sakralbauten des Duos. Der Kunsthistoriker Alexander Grabner setzte sich in seiner Diplomarbeit mit den Entwürfen und Realisie- rungen von eiss & Jaksch in diesem Bereich intensiv auseinander. Nur zwei Jahre nach Wiener Neustadt wurde 1913 die Kirche von Traiskirchen geweiht. Gemeinsam ist den beiden Bauten das mittel- alterliche Formenrepertoire. Gerade im Industrieviertel entstanden – stärker als im übrigen Niederösterreich – evangelische Kirchen. Einer der Gründe dürfte die Ansiedlung protestantischer Arbeiter und Arbeiterinnen aus Deutschland ab dem 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung gewesen sein. Vor der Gegenreformation war Niederösterreich stark evangelisch geprägt gewesen. Neun von zehn Adeligen bekannten sich um 1580 zu den Lehren Martin Luthers. Die beiden Architekten gehörten selbst dem protestantischen Glauben an. Hans Jaksch (1879–1970) stammte aus Nordböhmen, Siegfried eiss (1882–1963) aus Pressburg. Die evangelische Gemeinde schrieb 1908 einen Wettbewerb für den Neubau einer Kirche aus. Es galt, die Integration des bestehenden Pfarrhauses und der Schule beim Neubau zu berücksichtigen. Keiner der 44 Bewerber erhielt für seine Entwürfe den ersten Preis. Den zweiten Platz nahmen zum einen Rudolf Perco/Wilhelm Baumgarten ein, zum anderen Theiss & Jaksch, die letztlich mit ihrem „Projekt Wittenberg“ den Aurag erhielten. Seine Ideen zum Bau von Kirchen hielt eiss in einem Vortrag fest: „Sie muß in allen Teilen schlicht, ehrlich und weihevoll sein. Der Hauptnachdruck muß auf das Innere gelegt werden“. Als zeitgemäßen Versammlungsraum planten die Architekten für Wiener Neustadt einen einschiffigen Saal mit Tonnenwölbung in Monierbauweise. In konsequenter Umsetzung des Dresdner Kirchenbautages von 1906 entstand erstmalig in Österreich eine räumliche Annäherung von Altar und Kanzel an die Gemeinde: im eingezogenen Chor der Altar, achsial davor die Kanzel. Man wollte vermeiden, dass der Altarraum zum Sanktuarium werde. Der Innen- raum fiel der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Altarwand und Taufkapelle wurden bei der Generalsanierung von 1983/84 neu gestaltet. 2010/11 erfolgte eine Sanierung durch Gerd Zachmann. Der Turm musste wegen schwerer Bombentreffer zu Kriegszeiten wiederaufgebaut werden. 1951 flach ausgeführt, fand er erst 1981 zu seiner ursprünglichen Pyramidenform zurück. Der formale Bezug des Turms zu den Türmen der Wiener Neustädter Burg, die heute den repräsentativen Sitz der Militärakademie darstellt, ist nicht nur an den Einfassungen der Kanten ablesbar. Historisches Detail am Rande: Ferdinand I., der aktiv Rekatholisierung betrieb, musste sich 1521 bei der Machtübernahme in den Erblanden auf eben jene Burg zurückziehen - wegen Widerstände der protestantischen Stände. Theresia Hauenfels * DIE EVANGELISCHE KIRCHE IN WIENER NEUSTADT GESTALTE(N)10 Photographie,UweHauenfels von den Architekten Theiss & Jaksch „Sie muß in allen Teilen schlicht, ehrlich und weihevoll sein“

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