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Noe Ausgabe 143

Über Jahrhunderte hinweg verstand man das Heranwachsen von Kindern zum Erwachsenen ausschließlich als biologischen Prozess des Wachstums. Von außen einwirkende Faktoren wie soziale und räumliche Umgebung, selbst Erziehung, hatten nur subsidiär Bedeutung. Es war Anfang der 1920er-Jahre, als erstmals in der Psychologie und Pädagogik eine „Atmosphäre der Kindorientiertheit“ Einzug hielt. Begünstigt oder getragen wurde diese Entwicklung von namhaen Entwicklungspsy- chologinnen wie Charlotte Bühler (1893-1974), die in Wien einen neuen Forschungszweig etablierte, der das Kind in den Mittelpunkt stellte. Methoden wurden entwickelt, die erlaubten, den Entwicklungsstand von Kindern systematisch zu beobachten und diagnostizieren. Etwa zeitgleich setzten bedeutende Reformpädagogen oder -pädagoginnen, wie Maria Montessori (1870-1952), für die Schule neue Maßstäbe einer kindzen- trierten Pädagogik. Nach dem abrupten Ende dieser Entwicklung durch die Vertreibung jüdischer Intellektueller im Jahr 1938 gelang erst in den 1970er-Jahren eine neuerliche Wendung, die schlussendlich zu einer Abkehr von Er- ziehungsmethoden der „schwarzen Pädagogik“ führte und auf das Ende der Praktiken der Einschüchterung, Bestrafung und körperlichen “Züchtigung“ abzielten. Publikationen wie Alice Millers „Das Drama des begabten Kindes“ (1979) oder „Am Anfang war Erziehung“ (1980) sind Ausdruck einer neu sensibilisierten gesellschalichen Atmosphäre, die Gewalt gegen Kinder öffentlich thematisiert und ablehnt. Neu hinzu kam zudem ein Vertrauen in die eigenständige Entwicklung von Kindern und damit verbunden der Anspruch an Raum zur eigene Entfaltung. Diese gesellschaliche Trendumkehr wurde auch von der Architektur aufge- griffen und leitete zu neuen „Wohnkonzepten mit Kindern“. Ein heraus- ragendes Pilotprojekt mit internationaler Anerkennung ist hierzu die Wohnhausanlage in Wien 21, Jeneweingasse „Wohnen mit Kindern“ die 1984 von Architekt Ottokar Uhl umgesetzt wurde. Das Projekt fußt auf der Initiative von 16 jungen Familien, die gemeinsam mit dem Architekten Ottokar Uhl in einem demokratischen Planungsverfahren eine dezidiert „kinderfreundliche“ Wohnhausanlage entwarfen. Sie bemängelten die in vieler Hinsicht unzureichende Wohn- situation für Kinder in Großstädten: „Zu wenig Spielmöglichkeit in der Wohnung, im Nachbarschasbereich und in den wohnungsnahen Freiflächen – zu große Hellhörigkeit der Wohnungen, zu kleine Kinderzimmer – zu geringe Anpassbarkeit der Wohnung an die jeweilige Familiensituation und Lebensform – zu wenig Kontaktmöglichkeit mit gleichaltrigen Kindern – zu wenig Möglichkeit für Nachbarschashilfe der Eltern – zu unterschiedliche Interessen verschiedener Altersgruppen, die häufig Konflikte zu Lasten der Kinder auslösen.“ (Groh 1987, 1) Zugleich lag der Idee zum gemeinschalichen Wohnen eine bewusste Abkehr vom „Einfamilienhaus am Stadtrand“ zugrunde. Im Dezember 1979 erfolgte der gemeinsame Grundstückskauf. Nach einem intensiven GESTALTE(N)54 „Das Kind, das ein Heim betritt, muss sozusagen dessen deutliches Bild im Gedächtnis haben, muss Genugtuung empfinden können, jedes einzelne Stück und dessen Standort zu kennen. Von diesem sicheren und beruhigenden Bewusstsein aus entwickelt sich das geistige Besitzrecht des Kindes auf die Umgebung, in der es leben muss, und in diesem Sinne ist diese tatsächlich zu seinem persönlichen Eigentum geworden.“ (MONTESSORI 1928, S.25) TEIL2: Wohnen mit Kindern WOHNEN UND (IN) GEMEINSCHAFT Edeltraud Haselsteiner F A C H A R T I K E L

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