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Gestalte(n) Ausgabe 145

Ein Jugendstil-Ensemble, das man in dieser Dichte außerhalb einer großen Stadt nicht erwarten würde, prägt die Franz-Keim-Gasse, die genau an der Grenze zwischen den Ortschaen Brunn am Gebirge und Maria Enzersdorf liegt. Architekt Sepp Hubatsch, der 1873 in Siebenbürgen geboren wurde, war Gestalter und Bauherr in einer Person. Seine Frau stammte aus Maria Enzersdorf und so ergab es sich, dass sich der Otto-Wagner-Schüler in der Region ansiedelte, das Grundstück erwarb und ab 1902 durch die sukzessive Erschließung der Parzellen die überaus bemerkenswerte Reihenhaussiedlung schuf. „Unmittelbar von der Kirche aus geht die Kirchengasse, die dann Franz-Keim-Gasse heißt. Rechts ist eine überwältigende Reihe von herrlichen Jugendstilhäusern – die rechte Seite gehört noch bis weit hinauf zu Brunn am Gebirge, links ist Maria Enzersdorf“, schrieb der berühmte eaterkritiker und Schristeller Hans Weigel über seinen Wohnort, wie man im Buch „Die Gegend hier herum ist herrlich“von Senta Baumgartner und Othmar Pruckner nachlesen kann. Auf den ersten Blick fällt der markante Dekor der Fassaden der insge- samt zehn zusammenhängenden Häuser auf. Sonnenblumenwolken bauschen sich um Fenster, eine Tür wird selbst zur Blüte, Engel bilden Ketten. Die religiöse Ausprägung wird weiters verstärkt durch eine Muttergottes, die zu Haus Nr. 8 gehört, wie auch durch die Spruch- bänder, die bei den Abschlussgesimsen stehen: „Baumeister, sei wer Du auch bist: Bauherr Gott gab Dir´s Gemüth“ oder „Wie die Leute leben: so klingen ihnen einst die Glocken“. Sepp Hubatsch war in dieser Zeit auch mit dem Ausbau des Missionshauses St. Gabriel in Maria Enzersdorf befasst. Ebenfalls von Architekt Sepp Hubatsch stammt das „Mädchenlyzeum“ in Mödling. Die viergeschoßigen Häuser von Brunn am Gebirge, die vertikal durch vier Fensterachsen gegliedert sind, wurden für jeweils zwei Familien ausgerichtet. Eine Besonderheit stellt die gleichmäßige Linie der Dachlandscha dar, wie der Kunsthistoriker und Landeskonservator Werner Kitlitschka über „Historismus & Jugenstil in Niederösterreich“ 1984 schreibt: „Und obwohl die Franz-Keim-Gasse leicht ansteigt, sind die Häuser alle gleich groß – ein Kuriosum, das aus dem Ausgleich des Höhenunterschieds zwischen den Häusern durch Souterrain- geschosse resultiert. Den Abschluss der Häuser bilden schön verzierte Abschlussgesimse, hinter denen sich Flachdächer verbergen.“ Die Form der Abschlussgesimse zeigen „die für die Wiener Secession typische, weit auskragende Form, die den Baukörper (hier die Fassade) wie ein Deckel abschließt. Sie sind aus Plattenelementen zwischen Eisenträgern gebildet und entspringen den Mauerflächen über Zier- leisten“, erklärt Roland L. Schachel in seinem Aufsatz über die Jugend- stil-Reihenhäuser 1971 in der Zeitschri „Alte und moderne Kunst“. Die Baugeschichte des außergewöhnlichen Ensembles erfolgte in mehreren Etappen, wobei alle Parzellen gleich groß angelegt waren. Die erste Dreiergruppe (Häuser Nr. 4 , 6, 8) entstand ab 1902. Roland L. Schachel bewertet diese als besonders geglückt, da die Gestaltung in sich homogener sei. In den Jahren 1906 bis 1908 wurde eine weitere Dreiergruppe realisiert, in Folge wurden die Häuser in der Numme- rierung 16 bis 22 errichtet und 1912 die Bebauung zum Abschluss gebracht. Erst im zweiten und dritten Bauabschnitt kamen Balkone zum Einsatz und eine horizontale Gliederung trat stärker in den Vordergrund. Der Wandel im Werk des Architekten, der selbst in der Anlage lebte und die Häuser der Reihe nach verkaue, wird so deutlich nachvollziehbar. Im Besitz von Sepp Hubatsch war bis 1932 das Haus Nr.14, im Haus Nr.16 verbrachte er bis 1935 seine letzten Lebensjahre. Es wurde bis 1936 von der Witwe des Architekten bewohnt. Die Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner der Jugendstil- häuser scheint von Beginn an groß gewesen zu sein. Erst in den 1950er Jahren zeichnete sich mit einem Generationswechsel auch ein Besitzer- wechsel ab. Die Anlage ist in sehr gutem Zustand. Gold strahlt auf Weiß: „Legt mit Gott den Grundstein: zieht von selbst das Glück ein.“ Theresia Hauenfels 16 GESTALTE(N) *

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