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GESTALTE(N) Ausgabe 149

er dem Heiligen Herzen Jesu näher kommen möchte, muss mitunter Höhenmeter überwinden. In Paris gilt es den Montmartre zu besteigen, um die strahlend weiße Kirche Sacré Cœur zu besichtigen. In Pressbaum führt ein saner Aufstieg über die Klostergasse zum Ziel. Als weltoffenes Haus des Frauenordens der Gesellscha vom Heiligen Herzen Jesu mit großem Wohlwollen des Kaiserhauses errichtet, hat sich seit 1894 das niederösterreichische Sacré Cœur – wie auch der Sitz am Wiener Rennweg – der Ausbildung junger Menschen verschrieben. Aktuell beherbergt der Gebäudekomplex Kindergarten, Volksschule, Neue Mittelschule, Gymnasium, Bildungsanstalt/Kolleg für Kindergartenpädagogik, Übergangsklasse sowie Hort und Internat. In seinem historischen Überblick, der auf der website der Privat- schule nachgelesen werden kann, verweist Manfred Schwingshandl auf die schöne Lage im Grünen, die Ende des 19. Jahrhunderts bei der Standortwahl eine wichtige Rolle eingenommen hatte: durchaus im Sinne besserer gesundheitlicher Voraussetzungen im Gegensatz zum Leben in der Großstadt. Ein Planer des Späthistorismus Architekt Richard Jordan (1847–1922) übernahm die ehrenvolle Aufgabe, die weitläufige Anlage zu planen und zu gestalten. Als Spezialist für Sakralbauten errichte bzw. renovierte er in Österreich- Ungarn zahlreiche Kirchen und Klöster. Für seine Rekonstruktion der Wiener Neustädter Liebfrauenkirche wurde er von Franz Joseph I. ausgezeichnet. Als ehrenamtlicher Konservator für Niederösterreich wurde er 1897 in die „Zentralkommission für Denkmalpflege“ aufgenommen. „Für den Saalraum der als unverputzter Rohziegel- bau errichteten Klosterkirche samt Kloster von Pressbaum (1891/94) orientierte sich Jordan an Lösungen der englischen Gotik“, heißt es im Architektenlexikon des AzW, das den Architekten „zu den bekanntesten und viel beschäigten späthistoristischen Vertretern der sogenannten „Schmidt-Schule“ zählt.“ Die Baugeschichte des Sacré Cœurs verlief – ganz im Gegensatz zu jener in Paris, die sich von 1875 bis 1919 erstreckte, in Pressbaum überaus zügig. Zwischen dem ersten Spatenstich im Mai 1891 und der Einweihung des Klosters vergingen gerade einmal vierzehn Monate. In den darauffolgenden Jahren wurden der dazugehörige Bauernhof sowie das Wirtschaftsgebäude errichtet und zuletzt im Mai 1894 die Kirche eingeweiht. Perpendicular Style - „senkrechter Stil“ Vorbild war, so nachzulesen im DEHIO, der Perpendicular Style, der u.a. bei Londons Westminster Hall zum Einsatz kam. Die Betonung der senkrechten Linien ist dabei ein wichtiges Merkmal, aber auch die Verwendung von Backstein als Baumaterial. Die dicht bewachsene Sichtziegelfassade des Sacré Cœurs ruht auf einem Sockelgeschoß, das in Steinquadern ausgeführt wurde. Der Schmuck des monolithi- schen viergeschoßigen Baukörpers ist zurückhaltend. Nur jenes Segment, in dem die Klosterkirche untergebracht ist, kontrastiert durch eine kleinteiligere plastische Durchformung. Über dem Portal erwartet eine lebensgroße Christusfigur mit hervorgehobenem Herzen die Gemeinschaft der Gläubigen. Betritt man den Raum, wird man von der kravollen Ausgestaltung in eine sakrale Sphäre gehoben. Farbe und Ornament überlagern einander wie bei einem vielstimmigen Kanon. Die Spitz- und rund- bogigen Maßwerkfenster erstrahlen im intensiven Spektrum der Gläser. Der Altarraum ist zur Gänze ausgemalt. Den Saalraum ziert zu beiden Seiten die Darstellung von Heiligen, die der Hofmaler Josef Rott auf Goldgrund setzte und die von hölzernen Spitzbogen- arkaden eingefasst sind. Das Gestühl darunter verläu zweireihig. Die historistische Architektur, die im Stil der Neogotik ausgeführt ist, überzeugte 2015 als Drehort eines Fernsehfilms über Kaiser Maximilian I., der auf ORF, ZDF und TV5 ausgestrahlt werden wird. Theresia Hauenfels W 18 GESTALTE(N)GESTALTE(N) *

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