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GESTALTE(N) Ausgabe 150

GESTALTE(N)52 wei mächtige graphitgraue Adler breiten ihre Flügel über eines der eindrucksvollsten Stadthäuser des Jugendstils in Nieder- österreich. Am Hauptplatz von Hollabrunn gelegen, zeigt sich das Geschäshaus mit seinem imposanten Auritt als Repräsentant einer Zeit, in der das österreichische Architekturgeschehen bleibende Werte hinterlassen hat. Die Errichtung des Hauses erfolgte 1898, und Otto Wagner (1841-1918) prägte diese Ära durch berühmte Bauten, aber auch seine Lehrtätigkeit an der Wiener Akademie. Sein Schüler Hugo Wanderley entwarf das Hollabrunner Stadthaus noch während des Studiums, das er 1896 begonnen hatte und 1899 abschloss. „Wanderley konzipierte für Hollabrunn in Auseinander- setzung mit dem Schaffen seines Lehrers eine formal besonders reich differenzierte kleinstädtische Jugendstilfassade von hohem künstleri- schem Rang“, würdigen Werner Kitlitschka und Peter Schubert in ihrem Buch über Fassadenschmuck um 1900 die Leistung. In dieser Phase der Stadtgeschichte Hollabrunns gab es einen regelrechten Bauboom, wie man in der Chronik des Ortes nachlesen kann, denn ab 1850 erfuhr die Stadt durch den neuen Sitz einer Bezirksverwaltungs- behörde, einen starken Aufschwung: „um 1900 waren rund 200 Gewerbebetriebe hier ansässig.“ Familie Schneider war einer dieser Kräe und die Firmengeschichte ist eng mit dem Haus Hauptplatz Nr. 13 verbunden. Geprägt wird der dreigeschoßige Bau durch eine Dreiteilung, die sowohl durch das Ver- hältnis zwischen dem vorspringenden Risalit und den Seitenelementen, als auch im Mittelteil in der Trias der Fensterachsen, die von runden, blau eingefassten Blendfenstern bekrönt werden, sichtbar wird. Das Besondere des Ortes bringt Mag. Franz Schneider, dessen Familie seit mehr als hundert Jahren am Standort ein Modeunternehmen führt, auf den Punkt: „Mich persönlich beeindruckt die Fassade vor allem durch die abwechslungsreiche Formensprache, markante Reliefs und florale Ornamente. Am besten gefallen mir dabei die vier Kopf- skulpturen direkt unter dem mächtigen Traufgesimse.“ Bei der gelungenen originalgetreuen Renovierung durch das ebenfalls in Hollabrunn ansässige Büro Architekten Maurer & Partner wurde gemeinsam mit der Restaurierungswerkstatt Zottmann aus Judendorf- Strassengel im Frühsommer 2015 die Front unter Beratung durch das Bundesdenkmalamt in seine ursprüngliche Farbigkeit zurückgeführt: eine extravagante Kombination, die gänzlich ohne Gold auskommt und dabei überaus mondän wirkt. Umso überraschender ist es , dass von dem so offenkundig großen archi- tektonischen Talent Hugo Wanderley, der 1871 geboren wurde, bei den Recherchen nur ein weiterer Ort seines Schaffens in Erscheinung tritt: Zwittau (tschechisch Svitavy), wo laut website der Stadt die Vollendung der Villa Langer, aber offenbar auch des Ottendorfer-Hauses auf ihn in Kontext mit seinem Vater , dem bekannten Brünner Professor Germano Wanderely, zurückzuführen ist. In einem Artikel von Vojtěch Trombik wird dieser als prägender Vertreter des späten Historismus charakteri- siert, „der gemeinsam mit Alois Prastorfer an der technischen Fach- schule in Brünn unterrichtete. Zu deren Schülern gehörten u.a. Leopold Bauer, Bohumír Čermák, Hubert Gessner, Josef Hoffmann, Adolf Loos und Alois Ludwig. Außer Loos setzten alle ihre Ausbildung im Atelier von Otto Wagner in Wien fort.“ Hugo Wanderley war dementsprechend nicht nur durch seinen Akademieprofessor, sondern auch vom familiären Hintergrund beeinflusst. Der Tod des begabten Architekten im Jahr 1904 setzte seiner Lauahn ein jähes Ende, über die näheren Umstände seines Schicksals schweigt das world wide web. Das Jahr 1904 nimmt auch in der Historie des Hollabrunner Stadthauses einen markante Rolle ein: Am 12. März übernahm das Spar- und Vorschuss Consortium die Liegenscha vom ursprünglichen Besitzer. Zu diesem Zeitpunkt führte der Urgroßvater des heutigen Besitzers bereits am Standort das Geschä mit Modewaren. Dessen Enkel, Dr. Schneider, durch den Vornamen Franz in einer Linie mit den bereits genannten Familienmitgliedern vereint, erwarb das Stadthaus von der Bank und gab das Erbe an die heutige Generation weiter, die ihren Schatz achtsam hütet. Theresia Hauenfels Z 52 GESTALTE(N) *

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