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GESTALTE(N) Ausgabe 153

GESTALTE(N) 16 * inter einem schlichten Tor, das den Blick auf einen weitläufigen Park öffnet, verbirgt sich in Hinterbrühl eines der außerge- wöhnlichsten Zeugnisse des österreichischen Jugendstils im Bereich des privaten Bauens. Joseph Maria Olbrich, der bereits als junger Architekt mit der Wiener Secession 1897 ein Meisterwerk schuf, gestaltete für den Industriellen Max Friedmann 1898 bis 1899 eine Villa als Gesamtkunstwerk. Den Rohbau hatte Ludwig Schöne, ein wichtiger Vertreter des Historismus, errichtet. Mit Olbrich, der in den Jahren zuvor für Otto Wagner tätig gewesen war, wurde das Landhaus zu einer Preziose, die umfassend dem Leitgedanken der Verschmelzung von Kunst und Leben geweiht ist. Ein Haus wie dieses ähnelt einem eigenständigen Organismus und bedarf im Erhalt besonderer Pflege. Mit großer Hingabe wird das repräsentative Bauwerk seit mehreren Jahrzehnten von seinem kunst- sinnigen Besitzer Dr. Erich Kotzab, der für sein Projekt keine wie auch immer gearteten Mühen scheut, restauriert und instandgehalten. Als dessen Onkel in den 1950er Jahren die Villa, nachdem aus ihr die sowjetische Besatzung, konkret die Offiziere der Motorradstaffel, wieder ausgezogen und sie von der ansässigen Bevölkerung um einen Großteils ihrer Möblierung gebracht worden war, erwarb, war sie bereits zum Abriss vorgesehen. Erst mit der Übernahme durch den heutigen Hausherrn begann 1990 die stilgetreue Rekonstruktion. Raumpoet Joseph Maria Olbrich Der bedeutende Kunstkritiker Ludwig Hevesi sah in seinem Zeitge- nossen Olbrich einen „Raumpoeten”: „Schon seine Grundrisse lesen sich übersichtlich und intim zugleich wie ein Gedicht in Strophen.” In einem einleitenden Aufsatz zu „Ideen von Olbrich” von 1904 heißt es weiter: „Er gliedert den Innenraum durch Einbauten aller Art, durch Untertheilungen, Ecklösungen, Nischenbildungen […] Über- haupt ist ihm die Farbe eine starke Helferin […] Seine Kunst, die Hölzer zu tönen und zu schleifen, die Wände zu bemalen und zu mustern, die Gläser zu färben und zu bleien, hat kein Ende.” Florale Ornamentik Max Friedmann, der mit seinem Bruder Louis Philipp nicht nur die väterliche Firma für technische Teile bei der Herstellung von Dampflokomotiven erbte, sondern mit diesem gemeinsam durch die Schilderungen Arthur Schnitzlers in der Literatur des Fin-de-siècle Eingang fand, überließ seinem Architekten freie Hand, jeden einzelnen Raum – vom Boudoir der Hausherrin in Kirschrot bis zu den wohl exklusivsten Dienstbotenzimmern der gesamten Monarchie – eine eigenständige Gestalt zu geben. Florale Ornamente schmücken allerorts die Wände. Luftige Birkenhaine entfalten sich im Schlaf- gemach, in dem ein violetter Engelskopf mit langen Schwingen beidseits der Fenster über den Schlaf seiner Bewohner wacht. Im Wechsel des Materials wird der weiße Vorhang des himmlischen Wesens zu seinem Gewand und auch auf einer anderen Etage setzt sich ein Bild aus unterschiedlichen Werkstoffen zusammen: An der Tür zum Dienstbotenbereich erwächst eine Baumkrone in bleige- rahmter Verglasung aus dem geschnitzten Stamm. Und auch im eleganten Stiegenhaus tri man auf meisterhae Holzbearbeitung von Franz Zelezny: Aufwändig gestaltete Rosengruppen wurden aus der massiven Eiche modelliert. Florale Motive nehmen auch bei der Fassade eine tragende Rolle ein. Die bereits per se abwechslungsreiche Gestaltung der Fenster- öffnungen wird durch Blütenschmuck verstärkt. Über der mit Schnitzereien versehenen Eingangstür wächst eine stilisierte Baum- krone von Adolf Böhm. Das Gedicht „Blütenreife” des Hugo von Hoffmannsthal vermag die Stimmung jener Epoche wiedergeben: „Die Blüten schlafen am Baume / In schwüler, flüsternder Nacht / Sie trinken in duftigem Träume / Die flimmernde, feuchte Pracht / Sie trinken den lauen Regen, / Den glitzernden Mondenschein”. Zum Gebäude gehört ein Pumpenhaus, das sich ikonographisch ganz der Sphäre des Wassers verschrieben hat: Nixen und Korallen sind als Fassadenmalerei von Theodor Gottlieb Kempf-Hartkampf anzutreffen, Metallfische begegnen sich am Eingangstor und das Dach selbst formt eine Wasserwelle. Im Jahr der Fertigstellung des Landhauses in Hinterbrühl realisierte Joseph Maria Olbrich ein weiteres Baudenkmal in Niederösterreich: das Haus Stöhr in St. Pölten. Ab 1900 war Joseph Maria Olbricht, der im Alter von nur 40 Jahren verstarb, nur mehr in Deutschland beruflich engagiert. Theresia Hauenfels H

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