Teil 1: Solararchitektur ist keine Utopie

 

Serie:  
Niedrigenergie  
und Passiv-  
Häuser  

Der Autor dieses Beitrages heißt Walter Unterrainer.
Er wurde 1952 in Innsbruck geboren, wo er auch sein Architekturstudium absolvierte.
Seit 1980 ist er selbstständiger Planer
mit Bürositz in Feldkirch/Vorarlberg

 

 
 

Gedanken des Vorarlberger
Architekten Walter Unterrainer.

Der Entwurf reagiert auf die Maßstäblichkeit der ländlichen Umgebung, auf die Volumetrie der umgebenden Bauernhöfe mit ihren Wirtschaftsgebäuden und insbesondere auf die gegebene Topografie. Das unbehandelte Lärchenholz der Fassade steht in Dialog zu den verwitterten Holzschindelfassaden der Bauernhäuser, ohne die historische Bauweise zu kopieren. Die Gebäude sind klar geformt und verzichten trotz selbstbewusster Erscheinung auf Aufdringlichkeiten und modische Gesten - energieeffizientes Bauen in einem Bergdorf ohne verlogene Alpin- oder Ökoromantik. Die Wohnanlage kommt ohne konventionelles Heizungssystem aus.

Die Gaspreise werden empfindlich steigen, die Rohölpreise sind auf einem Höchststand seit vielen Jahren - dies war Anfang Februar eine Meldung in den österreichischen Medien. Das Ozonloch über Nordeuropa wird größer, war zeitgleich eine andere Meldung. Immer wieder werden notwendige Reduzierungen des Schadstoffausstosses in den industrialisierten Ländern beschlossen, um gleichzeitig periodisch festzustellen, dass die Erreichung solcher Umweltziele weiter denn je in der Ferne liegt . . .

Faktum ist, dass der Anteil der Kleinverbraucher ca. 25 Prozent am österreichischen Co2-Ausstoß ausmacht (in etwa gleich dem Verkehr), dabei ist der Ausstoß durch Kraft- und Heizwerke nicht eingerechnet. Weiteres Faktum ist , dass davon der Löwenanteil von ca. 80% Prozent zu Lasten der „Erzeugung von Raumwärme“ geht. Was spricht also dagegen, dass nach wie vor eine geringe Zahl an Neubauten als Niedrig- bzw. Niedrigstenergiehäuser gebaut werden ?

Zum ersten ein allgemein hohes Maß fehlender Informationen bei den Konsumenten, gepaart mit Ignoranz und Vorurteilen in Fachkreisen, deren Aufrechterhaltung oft bequemer erscheint als ein kreatives, gesamtheitliches Umdenken beim Planen und bei der Produktion von Gebäuden. Zudem wird unter dem Begriff „Solararchitektur“ viel Unfug betrieben: Teure und kaum nutzbare „Wintergärten“ werden z. B. als hohe Energiesparpotentiale verkauft, die nie realisiert werden und in vielen Fällen bei ungünstigem Benutzerverhalten den Energieverbrauch sogar steigern können !

Vorurteil Nummer eins gegenüber der Niedrigstenergiearchitektur ist die angebliche Unfinanzierbarkeit solcher Projekte, die angeblich hohen Mehrkosten bei der Errichtung.

Die Kosten sind dieselben

Als wir vor 12 Jahren die erste Solarschule Österreichs in Dafins/Vorarlberg als Pionierprojekt planten, betrugen die energiebedingten Mehrkosten des Gebäudes noch 14% der Gesamtbaukosten bei ca. 75% der Energieeinsparung im Vergleich zum selben Gebäude in konventioneller Bauweise. Es ist offenkundig, dass mit solchen Mehrkosten bei damaligen und gegenwärtigen Energiepreisen nur experimentelle Pilotprojekte entstehen konnten.

Seit diesen Anfängen ist allerdings viel geschehen, sei es in der Entwicklung der Glas- und Fenstertechnologie, in der Einführung und Weiterentwicklung kontrollierter Belüftungssysteme mit Wärmerückgewinnung, wie sie in Skandinavien schon lange im Einsatz sind, oder auch in der Anwendung von immer besseren Computersimulationen. Die Pionierprojekte boten den engagierten Beteiligten eine Fülle an Erfahrungen, die zu laufenden Optimierungen im energetischen und im Kostenbereich führten. Es ist zwar immer noch eine kleine Anzahl an Büros und Bauträgern (aber es gibt sie immerhin), die Häuser und Wohnanlagen mit bis zu 90% Einsparung des Heizenergiebedarfs im Vergleich zu „Standardneubauten“ anbieten. Dies aber heute nachweisbar zu denselben Baukosten und Verkaufpreisen.

Der Schlüssel dazu liegt neben allgemeinen Grundsätzen intelligenter und kostensparender Planung in der Möglichkeit, kompakte und hochgedämmte sogenannte Passivhäuser zu errichten, die bei insgesamt höherem Komfort ohne konventionelle Haustechnik auskommen. Die eingesparten Kosten für eine Zentralheizung, für Kamine, Tankraum, Öltanks oder Gasanschluss usw. können auf energiesparendste Bauteile wie höhere Dämmstärken, hochdämmende Verglasungen bzw. eine kontrollierte Belüftung usw. umgelegt werden. Gar nicht zu reden davon, wenn statt eines angeklebten Wintergartens die Wohnfläche erhöht wird und die Differenzkosten für eine insgesamt energetisch bessere Gebäudehülle verwendet werden kann . . .

Vorarlberg hat generell eine hohe Dichte an architektonisch bemerkenswerten Projekten, auf dem Gebiet der Niedrigstenergiearchitektur reicht die Palette der Vorzeigeobjekte vom Einfamilienhaus über Reihenhäuser bis hin zum Geschoßwohnungsbau. Die Bewohner solcher Objekte sind auch die besten Ansprechpartner zu Vorurteil Nummer zwei - die angeblichen Einschränkungen der Benutzer. Hier werden Horrorszenarien von nicht öffenbaren Fenstern, frierenden Bewohnern und dergleichen an die Wand gemalt.

Wesentlich mehr Komfort

Tatsache ist, dass ein seriös ausgeführtes Passivhaus wesentlich höhere Komfortbedingungen als jedes „Normalhaus“ hat: Durch erhöhte Wand- und Dachdämmungen und hochdämmende Gläser sind die inneren Oberflächentemperaturen ausgeglichener und komfortabler - die Häuser wirken im Winter wärmer und im Sommer kühler. Passivhäuser werden einer Dichtigkeitsprüfung und einer Thermografieaufnahme ausgesetzt. Neben dem Aufdecken von sonst unsichtbaren Baumängeln wird damit auch die Zugfreiheit garantiert. Und wer einmal in einem Haus mit kontrollierten Belüftungssystem gelebt hat, möchte den Komfort gefilterter Luft im Gebäude und die deutlich geringere Beeinträchtigung durch Raucher nicht mehr missen.

Wäre noch das dritte Vorurteil, dass Solararchitektur und Ortsbild selten zusammenpassen. Diese Diskussion ist von der allgemeinen Diskussion über baukulturelles Schaffen nicht zu trennen: Wenn sie auf dem Niveau geführt wird, dass Wohnhäuser im 21. Jh. zwingend Satteldach, Fenstersprossen, pseudoalpinen Balkon und dgl. haben müssten und Sonnenkollektoren das Ortsbild „verschandeln“, wird sie wenig fruchtbringend sein. Dabei ist solares Bauen nicht von vornherein gute Architektur - es gibt jede Menge unproportionierter, aufdringlicher, den Ort mißachtenden Solarbauten. Es gibt auch im solaren Bauen ein Negativspektrum von verlogener Ökoromantik einerseits bis hin zu aufdringlich und substanzlos designten „Ökospoilern“, es gibt solare Bauten, die hilflos südorientiert, aber ortsbaulich oder topografisch falsch auf ein Grundstück reagieren und kein Klischee des ökologischen Bauens auslassen. In dieser Diskussion sind die Architekten und die aufgeklärte Öffentlichkeit gefordert.

Wird die Umsetzung ökologischer Aspekte und Forderungen beim Bauen von Planern als Einengung bzw. Ballast für schnelllebiges „Design“ betrachtet - oder umgekehrt als Chance der Weiterentwicklung einer Form substantieller, selbstbewusster, vielfältiger, dem Ort und den Benutzern angepasster Architektur.

In Vorarlberg gibt es Gemeinden, deren Bürgermeister (die durchwegs der Mehrheitsfraktion angehören) auch gegen teilweise starke Widerstände aus dem Ort und ihrer eigenen Partei mutige Bauten bewilligt bzw. wie die Solarschule in Dafins politisch selbst initiiert haben. Es ist interessant zu verfolgen, dass sich dort Rückgrat und Überzeugungskultur auszahlen: Diese Gemeindeoberhäupter erhalten bei Wahlen Mehrheiten, von denen so mancher nach allen Richtungen vorsichtige Kollege nur träumen kann.

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Vorarlberg:
Solares Bauen mit Bezug zur Landschaft
Architekt: Walter Unterrainer
Bauherr: Ess/Ammann Batschuns

Auf nur 1440 m²  wurden in einem Berghof über Rankweil 6 verdichtete Wohneinheiten in Niedrigenergiebauweise zu je 126 m² Wohnfläche errichtet.