(Siedlung, Teil 8)
Der öffentliche Raum

 

DI Richard Zeitlhuber

 

 

Architekt DI Richard Zeitlhuber:
Der Autor ist selbstständiger Architekt
und freiberuflicher Berater
von „NÖ gestalten“

 

 

 

 

Des Architekten ureigenste Arbeit ist die Beschäftigung mit dem Raum, seinen Qualitäten, seinen Dimensionen, seinen Auswirkungen auf den Menschen, den ihn definierenden Flächen, seinen Farben, seinen Lichtverhältnissen und vieles mehr.

Raum ist nicht nur Innenraum, Raum ist vielfältig, er kann privat oder öffentlich, repräsentativ oder intim sein, es gibt Hohlräume, Lufträume und Zwischenräume, auch Ballungsräume, geographische Großräume und vieles mehr.
Der öffentliche Raum ist jener, der im Regelfall für jedermann zugänglich ist und von Gebäudeflächen oder Bepflanzung begrenzt ist. So entstehen Plätze und Straßen.

Wenn wir an reizvolle Plätze denken, haben wir meist solche in historischen Stadtzentren, vornehmlich im Mittelmeerraum, vor Augen, vielen von uns fällt dazu Siena, Venedig, Florenz, Rom oder Lissabon ein. Was ist das Anziehende dieser Orte, warum sind wir hingerissen von diesen öffentlichen Räumen?
Betrachten wir es rein geometrisch, so ist die Geschlossenheit und die angenehme Proportion des Raumes die Ursache der hohen Qualität, erst danach kommt die Gestaltung der Fassaden, der jeweilige Materialeinsatz, die Lichtwirkung oder das Reagieren auf die Topographie. Wenn der Campo in Siena Baulücken aufzuweisen hätte, viele breite Straßeneinmündungen zu verkraften hätte und die Fassaden verschieden hoch wären, könnten die Häuser an sich noch so prunkvolle Schauseiten haben, die einzigartige Wirkung wäre „beim Teufel“. Und dieser „Teufel“ heißt Zwischenraum.

Warum faszinieren uns alte Gassen, warum gehen wir gerne in den alten Stadtzentren spazieren, nehmen oft den längeren Weg zum Ziel, um ein besseres Raumerlebnis zu genießen?
Es ist die Geschlossenheit der Bebauung, die geschlossene öffentliche Räume entstehen lässt, es ist sicher nicht eine vorgeschriebene Formensprache, eine umgesetzte Ortsbildverordnung. Wenn wir durch die Wiener Innenstadt wandern, sehen wir nicht nur Fassaden von Palais sondern daneben auch unförmige, oft „verpfuschte“ Bauten, die aber den Gesamteindruck eines Ensembles nicht stören. Es ist also die kompakte nicht zu oft unterbrochene Agglomeration von Fassadenflächen, welche die interessanten öffentlichen Raumgebilde entstehen lässt, bzw. die Voraussetzung dafür schafft.

Und aus genau diesem Grund gehen wir alle, wenn wir in Italien sind, nicht in den Einfamilienhaussiedlungen am Stadtrand spazieren, wo es ob der offenen Bauweise genauso wie bei uns keinen öffentlichen Raum sondern nur öffentliche Zwischenräume gibt, sondern im historischen Zentrum, abgesehen von allen anderen Annehmlichkeiten, die Stadtzentren mit sich bringen, Gelati und Pizza eingeschlossen.