AM ORIGINAL-SCHAUPLATZ

Bei einer Fahrt durch das südliche Niederösterreich erreichen wir an einem herrlichen Spätsommertag Payerbach, Reichenau und bald darauf die Prein, die sich malerisch vor den alpinen Hängen und Wänden der Raxalpe ausbreitet. Bei Nummer 23 von der Hauptstraße abzweigend, gelangt man nach Passieren eines Schlagbaums über eine schmale, gewundene Zufahrtsstraße ans Ziel. Hier heißt es zunächst innezuhalten und das beeindruckende Landschaftspanorama zu genießen.

Den Blick dem Riegelhof selbst zugewandt, findet man sich dann vor einem großzügigen Landhaus aus dem Jahre 1903 wieder. Errichten ließ es Heimitos Vater, Wilhelm von Doderer als Sommerfrische-Domizil für die Familie und Begegnungsort für Freunde und Künstler. Obwohl Ritter von Doderer einer der erfolgreichsten Bauunternehmer seiner Zeit war, erhielt sein Schwager Baron Max von Ferstel, Sohn des berühmten Ringstraßenarchitekten Heinrich von Ferstel, den Auftrag. Er selbst war zu dieser Zeit mit dem Bau der Karawankenbahn ganz in Anspruch genommen. Nach Fertigstellung im August 1903 verbrachte dann die Familie Doderer jährlich mindestens zwei Sommermonate hier in ihrem Anwesen am Fuße der Rax.

Außen Blickfang, innen schlicht
Mit seinen Erkern, Balkons, Veranden, verschiedenen Fensterformen, der mächtigen Dachlandschaft mit Kaminen und Glockentürmchen und der herrlichen, mit Schnitzereien verzierten, dunkelbraunen Holzfassade ist der Riegelhof bis heute eine außerordentlich attraktive Erscheinung. Im Inneren war er aber ursprünglich eher komfortarm eingerichtet. Unter anderem weil der Bauherr seine Kinder nicht zu sehr verwöhnen wollte. Zentralheizung, längst Usus bei Gebäuden dieser Kategorie, wurde daher seinerzeit keine eingebaut, stattdessen heizte man mit ausladenden Kachelöfen. Schließlich gab‘s im eigenen Wald ja Holz in Hülle und Fülle. Lange Zeit hat sich an dieser bewußt gewählten Einfachheit wenig geändert. So wurde etwa erst 1989, nach dem Tode von Heimitos Schwester, Astri v. Stummer, Trinkwasser ins Haus eingeleitet. Bis dahin musste man dieses aus der vis-a-vis gelegegenen Brunnenstube holen, und auch elektrisches Licht wurde erst recht spät installiert.

Zu Besuch im Schriftsteller-Atelier
Stilvoll sind sie allesamt, die Räume hier mit ihrer originalen Zirbenholzmöbelierung, den Lustern, dicken Teppichen, Jagdtrophäen und allerhand Versatzstücken aus der Welt von gestern. Den absoluten Höhepunkt in dieser an Blickfängen reichen Umgebung bildet aber die Dachkammer, die Heimito von Doderer zu seinem Refugium auserkoren hatte. Das ehemalige Atelier ist der hellste Raum mit dem besten Ausblick auf die umliegende alpine Landschaft. Eine Fundgrube für Menschen, mit einem Faible fürs Nostalgische, für literarische Doderer-LiebhaberInnen eine Pilgerstätte. Es entsteht der Eindruck, als ob der Dichter nur für einen kurzen Augenblick den Raum verlassen hätte, um alsbald wiederzukehren und an seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Hier die Schreibunterlage, da das Tintenfass und die Federn mit denen er bis 1966 seine markante Handschrift zu Papier brachte. Selbstverständlich sind auch die Rauchutensilien des passionierten Pfeifenrauchers an ihrem angestammten Platz. Alles ist da, im Schrank die ländlich rustikale, der Umgebung angepasste Kleidung, die Wanderausstattung und die Bögen mit dem Köcher samt Pfeilen hängen an der Wand. Ein wenig gespenstisch allemal, als wäre irgendwann die
Zeit angehalten worden.

Ein Hauch von Sommerfrische anno 1903
Als „Ort des Gelingens“ bezeichnet der Jurist, Betriebswirt und neue Eigentümer Dominik Wallner bei unserer Führung durch Haus und Gelände den Riegelhof. Gemeint ist, dass hier sowohl ein Kulturdenkmal gepflegt wird, als jüngst ein Platz für aktuelle spannende Ereignisse und interessante Begegnungen geschaffen wurde. 2017 hat er zusammen mit Johannes Marek den Verein „Freunde des Riegelhofes“ ins Leben gerufen, um den Sommersitz der von Doderers zu erhalten und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sanft wird versucht, das Einmalige dieses Ortes zu konservieren und dennoch, die für Menschen von heute adäquaten  Standards zu bieten.

Mit den „Freunden des Riegelhofes“ zogen auch neue Ideen am historischen Ort ein. Heute bietet er von Juni bis Oktober ein erlesenes Ambiente für 10 bis 12 ausgewählte Logiergäste. Sei es für die Renaissance der Sommerfrische, als stilvoller Platz für Hochzeiten oder Schauplatz besonderer Kulturevents. Zum Charme von einst mit seinen musealen Räumen und Einrichtungen gesellen sich jetzt sechs geräumige Schlafzimmer, das großzügige Speisezimmer, die Küche, ein Musiksalon, die Bibliothek sowie ein tolles Kinderzimmer mit einem Bett in dem sechs (!) Kinder schlafen, spielen und herumtoben können. Zum Baden begibt man sich entweder wie anno dazumal in das Badehaus nebenan, oder sucht den in einer Nische des Hauptgebäudes neu eingerichteten Sanitärraum auf. Wer neumodischen Schnickschnack oder gar Hightech sucht, ist sicher an anderen Adressen besser aufgehoben, was man hier stattdessen findet, ist Solidität, Entschleunigung und Ruhe.

Insgesamt umfasst das Anwesen rund 13 Hektar mit Wald und Wiese und einem vielfältigen, bunten Permakulturgarten, in dem dank ineinander übergreifender Gartenzonen immer irgendwo etwas geerntet werden kann. Auch das so genannte „Batzenhäusl“ – das ursprünglichen Haus des Riegelbauern, das 1902 abgetragen und etwas oberhalb des heutigen Hauptgebäudes wiederaufgebaut wurde, existiert weiterhin und lässt sich trefflich als Kinderhaus oder Barraum bei Gartenfesten nutzen. In Nachbarschaft des oben erwähnten Badehauses gibt es auch einen Stauteich, der an heißen Tagen für Abkühlung sorgt. Der Riegelhof und dessen Umgebung hat Heimito von Doderer wesentlich geprägt. Immer wieder kehrt er in seinen Werken an die Plätze seiner Kindheit zurück.
Wenn nun auch Ihr Interesse daran erwacht ist, müssen sie nicht unbedingt im Riegelhof logieren, denn die „Freunde des Riegelhofes“ veranstalten auch Führungen und freuen sich auf Ihren Besuch.