Teil 3 der Beitragsserie
TROCKENSTEINMAUERN
Das Bauen mit Stein hatte früher zwei Vorteile. Man könnte auch sagen, es war eine Notwendigkeit für den Menschen: Einerseits wurden Acker- oder Wiesenflächen von Steinen gesäubert und so fruchtbarer gemacht, andererseits entstanden aus diesen sogenannten Lese- oder Klaubsteinen nützliche Bauwerke. Den Großteil seiner Geschichte baute der Mensch also mit einem lokalen, natürlichen und dauerhaften Baustoff, nämlich Stein.
In Teil 2 dieser Serie ist der geringe Energieverbrauch beim Bauen mit Stein (etwa 10 % im Vergleich zu zementbasierten Baustoffen) beschrieben, im ersten Teil wurde die Lebensdauer von Naturstein mit bewittertem Beton verglichen (die ein Vielfaches bis zum Hundertfachen betragen kann). Kombinieren wir diese Fakten – nehmen wir an, dass die Trockensteinmauer im Garten (nur) sieben oder acht Mal so lange hält wie eine Betonmauer. Berücksichtigen wir, dass das Entfernen und Entsorgen von Baureststoffen auch Energie verbraucht. Bei 10 % Energieverbrauch für einen Lebenszyklus verbraucht die Trockensteinmauer bei einer Haltbarkeit von z.B. 500–700 Jahren nur noch 1 % der Energie, die für das (mehrmalige) Bauen mit Mörtel (und jeweils vorige Entsorgen) erforderlich wäre. Zu Recht kann man das Trockensteinmauern als die nachhaltigste Bauweise aus mineralischem Material bezeichnen.
So gesehen ist eine Trockensteinmauer auch sehr billig – vorausgesetzt, Sie stellen dem Arbeitsaufwand bzw. den Kosten für die Herstellung die lange Haltbarkeit gegenüber. Was ist auf 500 Jahre gerechnet günstiger: ein Mal eine Steinmauer oder sieben Mal eine andere Art der Böschungsbefestigung inklusive sechsmaliger Entsorgung?
„Die Bauwirtschaft ist verantwortlich für 75 % der Abfälle in Österreich“, lautet die Bildunterschrift unter dem Diagramm des Umweltbundesamtes über das Abfallaufkommen 2022 im Statusbericht Abfallwirtschaft. Davon ausnehmen können wir die Trockensteinmauer, deren Material ist ohne aufwendige Aufbereitung 100 % wiederverwendbar und erfordert keinerlei Entsorgung.
„100% Naturmaterial, low energy, zero waste, 100% recycelbar” verwenden wir bei den Kursen der Trockensteinmauernschule als Werbebotschaft für dieses nachhaltige Handwerk, um diese Fakten kurz und einprägsam zu vermitteln.
Vielleicht sind diese Vorteile einer Trockensteinmauer langfristig wichtiger als die ihn ihr lebende große Biodiversität. „Ökologische Wunderwerke“ titelte der zweite Teil, der die Unterschiede hinsichtlich Temperatur, Licht und Feuchtigkeit in der Mauer beschrieb. Dass Stein durch die Rückstrahlung und Wärmespeicherung einen positiven Effekt auf die Reife von Kräutern, Gemüse oder Wein in unmittelbarer Nähe einer Trockensteinmauer hat, ist hinlänglich bekannt. In heißen Sommern ist das nicht immer ein Vorteil, aber eine längere Nutzung eigener Früchte im Garten ergibt sich daraus jedenfalls. In Kremser Weingärten betrug der Unterschied zu Böschungen zum selben Zeitpunkt hinsichtlich der Temperatur bis zu fünf Grad Celsius und hinsichtlich der Reife ein Zuckergrad mehr in der Traube zur Reifezeit.
Weniger bekannt ist, dass Trockensteinmauern auch eine kühlende Wirkung im unmittelbaren Nahbereich im Vergleich zu Betonmauern haben. In Spanien wurden vor der Trockensteinmauer zwei Grad weniger gemessen als vor einer Sichtbetonmauer. Die Gründe sind einfach. Die unregelmäßigere Oberfläche des Steins und der Fugenanteil reflektieren die Sonneneinstrahlung etwas geringer und diffuser. Die Spalten und Ritzen lassen bei Luftbewegungen die kühlere, feuchtere Luft von in nur die Tier- und Pflanzenwelt Vorteile von den vielfältigen Bedingungen in der Mauer, sondern auch der Mensch: erstens durch den kleinklimatischen Effekt im eigenen Bereich, zweitens durch die Umweltvorteile für des globale Klima.
Die (klein)klimatischen und ökologischen Vorteile von Stein sind bei einer richtig gebauten Trockensteinmauer am größten. Daher Finger weg von Vlies, Mörtel und Bindemitteln jeder Art, kein kleiner Kies oder Schotter hinter der Mauer. Diese vermeintlichen Hilfen schaden der statischen Haltbarkeit, blockieren die Besiedelung durch Tiere und unterbrechen den Austausch der kleinklimatischen Bedingungen zwischen Außenbereich und Mauerinnerem. Dagegen die Bauregeln eisern (oder besser steinern), einhalten – allen voran eine Mauerdicke, die für die jeweilige Belastung durch Hangdruck und Wasser dimensioniert ist. Weitere technische „Schlagworte“ sind die Neigung der Steine im Lager über die gesamte Mauertiefe und der sich daraus ergebende Anzug der Mauer, das fachgerechte Auslegen des Mauerkörpers und von Hohlräumen, eine ausreichende Anzahl und Verteilung der Bindersteine, das Vermeiden von Stoßfugen. Und bevor man baut, muss die ausreichende Tragfähigkeit des Fundaments gewährleistet sein.
Das alles bei jedem Stein an jeder Stelle der Mauer gleichzeitig zu bedenken und auch richtig zu machen, erfordert Übung und für Geübte Zeit. Mehr als drei Tonnen Stein an einem Arbeitstag zu verlegen, ist für eine Fachkraft unmöglich. Im Gartenbau, wo auch die Optik, das „Gesicht“ der Mauer, bedeutsam ist, sind ein bis zwei Tonnen täglich realistisch. Eine Tonne Stein wiederum ergibt bei max. 1,40 m Mauerhöhe einen Quadratmeter Mauerfläche. Bei höheren Mauern oder bei zusätzlichen Elementen wie Stiegen oder Sitzbänken steigen Zeit- und Materialbedarf.
Jeder erinnert sich an die Rekordtemperaturen im heurigen Sommer. Wer das Glück hatte, in einem alten Steinhaus zu wohnen, freute sich über die angenehme Kühle ohne klimaschädliche Klimaanlage; alle anderen sehnten sich vermutlich danach.
Wer eine Trockensteinmauer neu baut oder alte Steinmauern erhält, dem ist diese mit allen ökologischen, nachhaltigen, optischen, kleinklimatischen und statischen Vorteilen auf (fast) ewig sein.
Eine kleine Auswahl der zahlreichen Handwerksregeln beim Trockensteinmauern. Was leicht aussieht, ist praktisch schwer. Viel Vorstellungskraft und Übung sind nötig, um aus einem großen Haufen unregelmäßiger Steine und nicht nur schöne, sondern auch dauerhaft stabile Mauer zu bauen.
Autor: Mag. Rainer Vogler, Weinbauschule Krems und Trockensteinmauernschule des Vereins Landimpulse
Infos: rainer.vogler@wbs-krems.at
Alter Keller, alte Steine, neue Mauer: Die Böschung zu dem Kellereingang im Weinviertel erforderte eine Abstützung. Die Eigentümer entschieden sich für eine Trockensteinmauer und verwendeten dazu Zogelsdorfer Sandstein von einem Abbruchhaus. Somit wurde Stein zu 100 % recycelt, der Transportweg war gering und die Optik passt ins historische Bild der Region.
Bei der Neugestaltung des Kirchenbergs in Glaubendorf wurde für die unterste Mauer Granit vom nächstgelegenen Steinbruch in Limberg und für die Mauern mit Stiegen, Sitzbänken und Ziernischen geschichteter Gneis aus dem Waldviertel verwendet.
Jahrzehntelang ein Steinhaufen am Waldrand, jetzt eine bunte Mauer vor dem Gut Altenberg in den Weinbergen des NÖ Landesweinguts Retz.
Ein Steinhaus bietet im Sommer angenehme Kühle ohne Klimaanlage.