BAROCKES SCHMUCKSTÜCK IN SOMMEREIN

Als der Architekt DI Karl Pelnöcker Anfang der 1960er-Jahre im Zuge einer landwirtschaftlichen Kommassierung nach Sommerein kam, entdeckte er das damals schon seit zwei Jahrzehnten leer stehende Haus Nr. 24, heute Schloßstraße 21, und fand sogleich Gefallen daran. 1962 erwarb er das ruinöse barocke Gebäude von der NÖ Siedlungsgesellschaft und begann in Windeseile die Renovierung. Der geneigte Betrachter wird an der Straßenfassade eine Anzahl von Besonderheiten entdecken. So sticht zunächst ein Flacherker mit Volutendekor am Kragstein und zwei kleinen „Spionfenstern“ ins Auge. Bei der Restaurierung wurden auch verschiedenartig profilierte Fenstergesimse aus den Bauruinen des Ortes gerettet und an dieser Stelle neu platziert.
Historisches, zweistöckiges Gebäude mit verzierten Fensterrahmen, dekorativen Stuckelementen sowie Satteldach und mehreren Schornsteinen, umgeben von Sträuchern unter blauem Himmel mit Wolken.
Sommerein Hampel Haus (c) Nadja Meister IMG 4824

Diesmal führt unsere Entdeckungsreise an die niederösterreichische Seite des Leithagebirges. Hier hat ein Kenner mit viel Begeisterung und Herzblut historische Bausubstanz vor dem Untergang gerettet und zu einem imposanten Ensemble vereint.

Sommerein ist eine Marktgemeinde im Bezirk Bruck an der Leitha, der zum Industrieviertel gehört. Mit den angrenzenden Orten Götzendorf, Mannersdorf, Kaisersteinbruch, etc. liegt es am Rande eines heute noch etwa 41 Quadratkilometer umfassenden Truppenübungsplatzes. Das Sperrgebiet umfasst auch rund 100 historische Steinbrüche, wie z. B. den „Blauen Bruch“, deren Material u. a. für den Bau des Schlosses Schönbrunn und des Wiener Musikvereins diente. Im NS-Staat und der Kriegszeit wurden viele Bewohner der obigen Ortschaften abgesiedelt und oft mussten ihre Liegenschaften militärischen Einrichtungen weichen. Im Zuge dieser Entwicklung verfielen auch architektonisch wertvolle Gebäude aus früheren Epochen wie etwa das Hampel-Haus, mit dem wir uns hier näher beschäftigen wollen.

Auferstehung eines Baujuwels
Als der Architekt DI Karl Pelnöcker Anfang der 1960er-Jahre im Zuge einer landwirtschaftlichen Kommassierung nach Sommerein kam, entdeckte er das damals schon seit zwei Jahrzehnten leer stehende Haus Nr. 24, heute Schloßstraße 21, und fand sogleich Gefallen daran. 1962 erwarb er das ruinöse barocke Gebäude von der NÖ Siedlungsgesellschaft und begann in Windeseile die Renovierung. Wenige Jahre später waren die Arbeiten am ehemaligen Hampel-Haus bereits so weit gediehen, dass es von da an als Wohnsitz für die Familie genutzt werden konnte. 1972 wurde es unter Denkmalschutz gestellt.

Bestand und Erneuerung
Vor dem teilweisen Verfall, wies das Hampel-Haus einen u-förmigen Grundriss auf, wobei das Hauptgebäude zweigeschoßig und zur Schloßstraße hin ausgerichtet ist. Zum Verbund gehörten ursprünglich zwei parallel geführte, von einem länglichen Innenhof getrennte Nebentrakte. Davon ist heute nur noch der aus Straßensicht links an das Hauptgebäude anschließende Bereich erhalten. Spuren seines Gegenübers existieren nur noch in Form von Fotografien aus den späten 1920er-Jahren. An seiner statt bewachen heute sechs Granitsäulen aus Ottenschlag den mit Steinplatten aus benachbarten Abbruchhäusern gepflasterten Hof. Sie tragen eine Pergola, unter der sich Weinreben ranken. Wo sich die Rückwand des verschwundenen Längstraktes befand, schließt heute eine Backsteinmauer mit einem bemerkenswerten Seiteneingang das Anwesen ab. Dabei handelt es sich um ein dekoratives, vom Metallkünstler Franz Schwarz angefertigtes Kupfertürl, das einen springenden Hund zeigt und von einem Steingewände (aus dem abgerissenen Wohlfahrt-Haus) umfasst, sowie mit einem stilisierten korinthischen Kapitell bekrönt wird.

Im mittleren Teil des Anwesens befindet sich ein großer Stadel mit T-förmigem Grundriss, in dem früher das Vieh und landwirtschaftliche Geräte untergebracht waren. Er trennt den Hof vom dahinter liegenden Obstgarten.

Zitate und Überreste benachbarter Bauten
Der geneigte Betrachter wird an der Straßenfassade eine Anzahl von Besonderheiten entdecken. So sticht zunächst ein Flacherker mit Volutendekor am Kragstein und zwei kleinen „Spionfenstern“ ins Auge. Bei der Restaurierung wurden auch verschiedenartig profilierte Fenstergesimse aus den Bauruinen des Ortes gerettet und an dieser Stelle neu platziert. Reste einer Sgraffitodekoration wurden zu Vorlagen für die im Zuge der Renovierung neu erstandenen imposanten Bänder aus stilisierten Delfinen und Mäandern, die Karl Pelnöcker selbst anfertigte.

Im massiven Rundbogenportal befindet sich ein Schlussstein-Maskaron mit 1670 datiert. Dieser war einst am ehemaligen Sommereiner Pfarrhof angebracht. Die beiden, an der südlichen Gebäudeecke eingesetzten Reliefsteine, weisen sehr anschaulich auf ihre einstige Verwendung als Grabschmuck hin. Wirft man dann einen Blick um diese Ecke, so kann man in der Rundbogennische auf der Südseite des Gebäudes eine von der Fischerbrauerei Bruck an der Leitha stammende barocke Marienfigur mit Kind ersehen.

Rundgang im Inneren
Karl Pelnöckers Tochter Ava führt durch die Räume des mit historischen Möbeln, Bildern und vielen persönlichen Erinnerungen ausgestatteten Anwesens. Landwirtschaftliche Gerätschaften, Werkzeuge, Heiligenfiguren und Vitrinen mit Sammlerstücken ergänzen das Inventar. Bei der Renovierung wurde auch auf viele kleine Details, wie z. B. passende Türdrücker und Schlösser aus den vergangenen Jahrhunderten geachtet.

Nebenbei erfahren wir, dass hier früher das Gewerbe der Seifensiederei ausgeübt wurde. Auf diese Zeit geht auch die Bezeichnung „Hampel-Haus“ zurück, weil im 18. Jahrhundert ein gewisser Adam Joseph Hampel, Seifensieder und Marktrichter, der dieses Gebäude mit seiner Familie bewohnte. Wir folgen der Hausherrin aus der niedrigen, gewölbten Einfahrt über eine Treppe aus Sommereiner Stein in den oberen Stock. Hier befinden sich die mit Gemälden, Ikonen und Teppichen reichlich geschmückten Wohn- und Schlafräume. Als Deckenkonstruktionen sind sowohl Gewölbe als auch auf massiven geschnitzten Tramhölzern ruhende Holzdecken verbaut. Außerdem gibt es hier auch eine sogenannte Schwarze Kuchl im Originalzustand. Darin wurde einst auf dem offenen Holzfeuer gekocht, und der abziehende Rauch diente zum Selchen der im Kaminabzug an einer „Speckkrone“ aufgehängten Fleischwaren. Das niedrige Überlager des Türstocks verhinderte, dass der Rauch in die angrenzenden Räume gelangte.

Innenhof, Seitentrakt und Stadl
Wieder im Hof angelangt, fällt sofort ein ca. drei Meter langer, aus einem Block gehauener Steintrog auf. Er trägt eine eingemeißelte Inschrift 17 ML (Martin Ludschitz) 73 und das Christus-Monogramm. Nun sehen wir uns den renovierten Seitentrakt genauer an. Durch ein schmales Rundbogentor gelangt man in den tonnengewölbten Keller mit einem gestampften Lehmboden. Die angenehm kühle Umgebung ist ideal, um das im Herbst geerntete Gemüse bis ins Frühjahr zu lagern. Hier befindet sich auch eine mächtige Weinpresse auf ihrem tonnenschweren Steinfundament und ein Pressstein mit Monogramm I.W.F. 1773, für den Inhaber Johann Wohlfahrt aus der Nachbarschaft.

Zu ebener Erde kann man den alten Hausbrunnen bestaunen. Er ist mit einem aus Stein gehauenen Brunnenkranz und einer halbrunden Ausgussöffnung ausgestattet. Will man Wasser schöpfen, so wird der an einem Seil angebrachte Kübel mittels Zugrad in den etwa sechs Meter tiefen, gemauerten Schacht hinabgelassen. Der neben der Brunnenstube gelegene Raum war ursprünglich ein Pferdestall, wurde 1937 aufgestockt und beherbergt heute eine Werkstätte.

Interessante Um- und Einbauten betreffen auch den Stadel. Beispielsweise sind Fassadenelemente des historischen „Jägerhauses“ aus Kaisersteinbruch eingefügt. Außerdem wurden in die Mauern sechs Fenstergewände aus Kaiserstein eingelassen. Milan Generalic, ein Künstler der kroatischen Naiven Malerei, hat drei Blindfenster mit Motiven vom Neusiedler See gestaltet. Über dem im Innenraum umlaufenden profilierten Gesims mit Zahnkranz thront ein tonnenschwerer steinerner Aufsatz im Empire-Stil mit einer dekorativen Blumengirlande. Aus einem Mannersdorfer Abrisshaus stammt die Kassetten-Decke mit dem Monogramm 17 MP 96 (Mathias Pillitsch), das Gewände des Korbtores, aus der Burg in Hof am Leithaberg. Die massive Eichentür mit Blätterdekor ist eine Arbeit von Meister Anton Trebitsch aus 1975 und für die Einfahrt in der Feldgasse wurde das Torgewände des Nachbarhauses von Matthias Zotter verwendet, wie man noch an der Inschrift MZ 1853 ablesen kann.

Frage: „Frau Pelnöcker: Was verbindet Sie mit diesem jahrhundertealten Haus, was ist das Besondere?“
Ava Pelnöcker: „Die Liebe zu alten Mauern wurde mir quasi in die Wiege gelegt. Ich sehe mich als Teil einer viele Generationen umfassenden Reihe von Bewohnern, die dieses Haus seit 1700 mit Leben erfüllt haben. Das verpflichtet, was die Instandhaltung anlangt, erfüllt mich aber auch mit Stolz und Dankbarkeit. Wohnen im Denkmal bedeutet aber auch, dass man bereit sein muss, in mancher Hinsicht auf modernen Wohnkomfort zu verzichten.“

Autor: Jürgen Niederdöckl
Fotos: Nadja Meister