Dass dieses Haus außergewöhnlich ist, sieht man auf den ersten Blick. In einem Guss aus Sichtbeton, wirkt es wie eine Skulptur. Seine westliche Längsseite ist leicht abgeschrägt, das Satteldach verzogen, jede Öffnung bewusst gesetzt. Diese Architektur schöpft aus dem spezifischen Ort und dem Gestaltungswillen ihrer Planer.
Das beginnt schon beim Eingang. Man geht nicht geradlinig auf die Tür zu, sondern an einer Wand entlang, die auf eine schräge Betonscheibe stößt. Voilà, ein Vorplatz. Eine Vierteldrehung – und man ist da.
Das 1.000 m² große Grundstück grenzt im Nordwesten direkt an die Gleise der Badner Bahn. Umgeben von der typisch dispersen Bebauung des Speckgürtels, liegt es bei der Station „Pfaffstätten Rennplatz“, hinter der sein graues Dach zwischen den Bäumen hervorlugt. Wie ein Fels steht der monolithische Baukörper da, eine fixe Konstante im beweglichen Blick aus dem Waggonfenster. „Die Lage war etwas unglücklich“, sagt der leitende Architekt Joni Kaçani, der mit Didier Balisat das Büro Balisst Kaçani führt und in Zusammenarbeit mit Jann Erhard das Haus entwarf. „Stünde das Haus in der Mitte des Grundstücks, bliebe vom Garten kaum etwas übrig“, so Kaçani. Deshalb rückten die beiden Architekten den etwa siebeneinhalb mal vierzehn Meter großen Baukörper der Länge nach möglichst nah an die nordwestliche Grundgrenze zu den Geleisen.
„Es sollte den Charakter eines Infrastrukturbauwerks der Bahn haben – wie ein Stellwerk“, sagt Kaçani. Zur Bahn hin gibt es nur zwei fixverglaste Öffnungen mit Lüftungsflügeln. Letztere sind so orientiert, dass man die Bahn gut sieht, aber kaum hört. Die 55 Zentimeter starke Betonwand schirmt den Lärm hervorragend ab. Das Haus besteht – abgesehen von Fensterglas, Stahlrahmen und Blechdach – fast nur aus Beton: Stahlbeton, wo er statisch nötig ist, Dämmbeton zum Dämmen, die Decken sind aus Stahlbeton, deren Oberfläche geschliffen ist. Genug für einen Boden.
Weil das Haus direkt an den Gleisen steht, bestimmen deren Vorschriften seine Geometrie: Zwölf Meter Abstand von der Mittelachse der Schienen, der rechte Winkel darauf ergibt die Schräge der Wandscheibe vor dem Eingang. „Alles hinterlässt einen Abdruck“, sagt Kaçani. „Ich wollte diese Knicke für das Alltägliche bespielen.“
Die schräge Wand setzt sich im Inneren fort, definiert Garderobe, Durchgang und den Keil, der sich aus der Mittelwand ins Wohnzimmer buchtet. Der fulminante Einraum nimmt die ganze gartenseitige Haushälfte ein, sein Volumen reicht bis zum zehn Meter hohen First hinauf. Ein Dachflächenfenster stellt eine Verbindung zum Himmel her, eine 2,1 Meter hohe Verglasung mit Hebeschiebetür öffnet den Raum über seine gesamte Länge zum Garten.
Herausforderung für das Handwerk
„Das Bauen war das Schwierigste“, sagt Kaçani. „Man musste erst Handwerker finden, die das ausführen konnten.“ Er fertigte eigens ein Modell an, das alle Schalungsetappen veranschaulichte, damit sich die Firmen die komplexe Geometrie vorstellen konnten. Kaçani plante das Haus für seine Eltern. „Ich wollte das Gefühl von leeren Zimmern vermeiden“, sagt er. „Wir haben ihm vollkommen freie Hand gelassen“, sagen die beiden mit dem Resultat mehr als zufriedenen Bewohner.
Zwei Stiegen, deren Verlauf von der Schräge der Bahnkurve beeinflusst ist, teilt das Raumvolumen. Eine Treppe erschließt autonom einen vertikalen Gästetrakt. Dessen zwei Zimmer haben je einen Schreib-, Arbeits- und Meditationsplatz am Fenster, das die Wandstärke zur Nische adelt und eine eigene Sphäre erzeugt. Alle Türen sind aus grau lasierter Seekiefer und kommen ohne Zargen aus.
Auf der anderen Seite der Mittelwand liegen Küche und Bad im Erdgeschoß. Erstere wird von einem scharfkantigen, sehr reduzierten Edelstahlblock geprägt, auch das Interieur hat Kaçani entworfen. Die Küche öffnet sich mit einem französischen Fenster ins Freie, dort steht ein Tisch von Josef Hoffmann aus dem Dorotheum, die Stühle von Aldo Jacober wurden im Internet entdeckt und restauriert. Hier ist alles handverlesen. „Wir beratschlagen uns immer mit Joni, wenn wir etwas Neues kaufen“, so die Eltern.
Die zweite Treppe führt über die Garderobe ins Schlafzimmer. Dort holt ein schräges Dachflächenfenster den Himmel ins Bett. „Wir haben kein Problem mit dem Stiegensteigen“, so die Bauherren. Das ist bei diesem Haus schon fast eine Voraussetzung. Der Beton speichert Wärme nachhaltig und gibt sie nur langsam wieder ab, alle Wände und Decken sind betonkernaktiviert. „Im Sommer ist es frisch, im Winter ist es warm. In unserem Wohnzimmer haben wir wirklich das Gefühl, frei zu sein“, schwärmen die Eltern. „Es ist herrlich, in diesem Haus zu wohnen.“