Interagieren mit der Stadt
Zwei Volksschulen sind hier nun zusammengeführt, die sich zuvor an unterschiedlichen Standorten im Ortszentrum befunden haben. Gemeinsam mit der allgemeinen Sonderschule für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, einer Musikschule und einer Dreifach-Turnhalle bilden sie nun den Bildungscampus Hollabrunn. Schule endet hier nicht mit dem Unterricht: Durch ganztägige Betreuung, Sport- und Musikangebote sowie eine schulische Nachmittagsbetreuung verbringen viele Kinder ihren gesamten Tag am Campus – selbstständig und ohne zusätzlichen Aufwand für ihre Eltern oder andere Betreuungspersonen. Sport und Freizeitaktivitäten wirken dabei als verbindende Elemente zwischen Schule und Stadt. Die Turnhalle wird von Vereinen mitgenutzt, die umliegenden Sportanlagen – etwa Volleyball- und Tennisplätze, Eislaufbahn – erweitern das schulische Angebot und binden den Campus ins Stadtleben ein.
Auf in die Lerneinheit
Organisiert sind die hier zusammengebrachten Schulen in fünf sogenannte Cluster: altersgemischte Lerneinheiten mit um einen Lichthof gruppierten Klassenräumen, Gemeinschaftszonen und einem Outdoorbereich. Ein Cluster der Volksschule umfasst vier Klassen, je eine pro Schulstufe, mit gemeinsamer Garderobe, einen Marktplatz als kollektive Lernzone und eine Terrasse als Außenraum.
Das Rückgrat der einzelnen Lerneinheiten bildet ein verbindender Gang, der alle fünf miteinander verknüpft. Etwa in der Mitte liegt die Aula, als zentraler Eingangsbereich, Treffpunkt und Veranstaltungsort für die Schulgemeinschaft. Von beinahe jedem Punkt des Ganges ergibt sich ein Blick nach draußen – entweder in grün bepflanzte Lichthöfe oder in einen der sich mit der näheren Umgebung verbindenden Schulhöfe. „Unserem Entwurf liegt eine klare Struktur zugrunde, sodass die Zuordnungen zu den Unterrichtsclustern gut wahrnehmbar sind“, beschreibt Architekt Ernst Maurer die intuitive Orientierung durch das Gebäude.
Räume flexibel nutzen
Die Architektur bildet eine lernfördernde Umgebung, die auf Offenheit und Flexibilität ausgelegt ist. Die Möblierung der Lernräume ist modular und ermöglicht verschiedenste Unterrichtsformen – frontal, digital verschränkt, in unterschiedlichen Gruppengrößen, über mehrere Räume hinweg, drinnen und draußen. Für Lehrpersonen eröffnet das neue didaktische Möglichkeiten in unterschiedlichen räumlichen Settings, die im Schulalltag erprobt und weiterentwickelt werden. Ebenso ist auch das architektonische Konzept des Campus auf Erweiterbarkeit ausgelegt: Ein zusätzlicher, derzeit ungenutzter Cluster steht als Reserve zur Verfügung, sollte der Platzbedarf in Zukunft steigen.
Lernen vom Campus
Der Campus entstand aus einem offenen EU-weiten Wettbewerb. Der Entwurf vom Architekturbüro Maurer & Partner hob sich dabei durch einen entscheidenden Aspekt hervor: Das gesamte Gebäude kommt mit nur einem Aufzug aus, was funktional und wirtschaftlich überzeugte. Auch in technischer Hinsicht ist der Campus ein Lernort: Großteils mit Photovoltaik betrieben nutzt er Wärmepumpen zur Heizung und Kühlung, die Beleuchtung funktioniert mittels Bewegungsmeldern, das Mittagessen wird tagesaktuell per App bestellt, eine praxisnahe Einführung in zeitgemäße Gebäudetechnik und digitale Alltagsorganisation. Der Campus veranschaulicht das Prinzip der Energiegemeinschaft, als Teil der lokalen Energiegemeinschaft bezieht der Campus daraus Energie und speist in den Sommermonaten auch überschüssige Energie zurück. Außerdem ist der Campus weitgehend aus Holz gebaut und macht dieses naturnahe Material erfahrbar: über Geruch, Haptik, Raumklima und Atmosphäre. Das Gebäude selbst wird zum Lehrmittel, die technische Ausstattung und auch die Architektur des Campus werden zu einem Teil des Bildungsprozesses.
Schule weiterdenken
Nach dem ersten Schuljahr in Betrieb zeigt das positive Feedback der Nutzerinnen und Nutzer, wie die räumliche Qualität den Schulalltag verändert. Gleichzeitig bleibt der Campus ein Ort der Entwicklung: Er wird laufend an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst, etwa in Bezug auf Temperatur oder Nutzungsmöglichkeiten. Einen Bildungsbau vorausschauend zu gestalten heißt heute: anpassungsfähig, digital versiert und kollaborativ zu denken. Die Campusräume sind flächendeckend mit WLAN und ausreichend Stromanschlüssen versorgt, flexibel nutzbar und im Krisenfall unabhängig funktionsfähig. „Unser Ziel war ein Schulgebäude, das den Anforderungen der kommenden Jahrzehnte gerecht wird oder sich entsprechend weiterentwickeln lässt.“, erklärt Stephan Smutny-Katschnig, Baudirektor der Stadt Hollabrunn. Wie Bildung sich zukünftig verändert, ist schwer vorherzusehen, der Schulcampus Hollabrunn bietet dafür ein flexibles und durchdachtes Fundament.