Eine erste Nennung des Dorfes Engelstein – „Engelgoz“ – findet sich bereits im Jahr 1234, und wer annimmt, der Name würde sich von „Engel“ ableiten, irrt, denn es war viel mehr ein Herr Engilgoz, seines Zeichens Lehensmann der Kuenringer, der einst hier weilte. Es gibt Vermutungen, dass es früher nur einen einfachen Wachturm an dieser Stelle gab. Urkundlich erwähnt wird eine „Burg Engelstein“ erst viel später, um 1417, man nimmt jedoch an, dass sie deutlich älter ist. Über die Jahrhunderte stellten sich die Mauern wehrhaft gegen jegliche Angriffe, begünstigt auch durch die strategisch vorteilhafte Lage der Burg: Auf einen Granit-Felssporn gebaut, schützen sie an drei Seiten mehrere untereinander verbundene Teiche, der ungeschützten Ostseite hat man im Laufe der Jahre eine ausgedehnte Außenburg vorgelagert. An die „Vorburg“ schließt ein weiterer Hof mit zahlreichen Wirtschaftsgebäuden an, dessen charmanten Mittelpunkt eine alte Linde bildet. Ganze 16 Besitzer zählte dieses über die Zeit stark gewachsene Areal seit der ersten Erwähnung, bis 1966 die Familie Meinl es übernahm und bis heute pfleglich beschützt.
In einem Bericht eines Defensivplanes des Landes aus 1559 wird die Burg zur „Kreidefeuerstelle“ (Signalort bei Gefahr und Fluchtort für die Bevölkerung) bestimmt. Engelstein war also schon damals „zimblich mit geschitz und pulver“ versehen. Um einem befürchteten Angriff der Türken erfolgreich widerstehen zu können, hat man damals bereits vorausschauend die Vorbauten quasi als „Außenburg“ im Osten des Wehrbaues errichtet.
Vergänglicher Charme
Kunstsinnige und wohlhabende Besitzer, die Herren von Prag, investierten Ende des 16. Jahrhunderts viel Geld in die „standesgemäße“ Ausstattung der mittelalterlichen Burg. Ihnen verdankt sie die Neugestaltung eines damals im Renaissancestil ausgestatteten Rittersaals mit farbigen Glasfenstern, einer prachtvollen Kassettendecke mit Intarsien und imposanten Holzportieren. Heute zeugen von dieser Zeit im Rittersaal nur mehr ein paar erhaltene Renaissance-Fenster. Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Ausstattung an Schloss Enzersfeld verkauft und ist heute dort zu bewundern.
Selbstverständlich hat die Zeit deutliche Spuren an Burg Engelstein, die heute unter Denkmalschutz steht, hinterlassen. Der Sgraffitoschmuck an den Wänden der Außenmauern, der heute schon etwas verblasst ist, weist auf eine einst reiche und malerische Ausstattung hin und auch die noch erhaltenen Freskenmalereien in einigen Räumen gehen wohl auf die Herren von Prag zurück. Nach wie vor gut erhalten sind die Fresken mit Landschaftsmotiven im sogenannten „Theatersaal“, die wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert stammen. Auch die Muster der blau bemalten Wände in einigen Zimmern und kunstvoll geschnitzte Holzvertäfelungen an den Türen im ehemaligen Waffensaal lassen heute den einstigen Reichtum der Vorbesitzer ein wenig erahnen.
Bewegte Geschichte
Die Burg selbst ist heute, hinter dichtem Gebüsch und Bäumen versteckt, von der Straße aus kaum zu bemerken. Erst aus der Nähe zeigt sie sich – wie direkt aus dem Felsen wachsend – in ihrer ganzen Mächtig- und Wehrhaftigkeit. In ihrer über 600 Jahre alten Geschichte trotzte Burg Engelstein so manchem Krieg und Unheil.
Im Zuge des Deißigjährigen Krieges stürmten und plünderten kaiserliche Truppen die Burg, 1910 vernichtete ein Brand den gesamten Dachstuhl. Die Renovierungskosten brachten die damaligen Besitzer Geusau in finanzielle Schwierigkeiten, der Erlös des Verkaufs der prachtvollen Kassettendecke des Rittersaales an Schloss Enzersfeld war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, der Ausbruch des Krieges 1914 tat das Seine und brachte schließlich den damals landwirtschaftlichen Betrieb komplett zum Stillstand. 1938 waren deutsche Soldaten in der Burg einquartiert, 1945 Russen und Flüchtlinge. Alle Ereignisse hinterließen ihre entsprechenden Spuren, die Burg ging durch viele Besitzer-Hände und landete schließlich 1964 in jenen der Familie Meinl.
Highlight Burgkapelle
Die der Burg vorgelagerte Vorburg ist heute der Wohnbereich der Familie Meinl. Ein kleines Juwel dieser Anlage ist die Schlosskapelle, die der hl. Maria gewidmet ist. Ein Barockaltar umschließt die steinerne, gotische Marienstatue, die einstmals im Schlosshof in einer Nische gestanden sein soll und hier in der renovierten Kapelle ihren neuen, geschützten Platz fand. Diese Mutter-Gottes-Statue haben die heutigen Besitzer mit großem Aufwand und mit Unterstützung des Denkmalamtes fachgerecht restaurieren lassen.
Von damals zu heute
1966 erwarb Erich Meinl das Anwesen, das nach dem überraschenden Tod seines Sohnes Andreas an seine Schwiegertochter Mariella überging, die das Anwesen bis heute bewirtschaftet und leitet. Vor welchem Hintergrund traf man in den 1960er-Jahren die Entscheidung, ein solch arbeits- und kostenintensives Projekt zu erwerben? Die Erklärung dafür ist simpel: „Meine Schwiegereltern waren Alt-
österreicher, die Familie meiner Schwiegermutter besaß in Böhmen einen großen Hof. Nachdem sie alles verloren hatten, konnten sie erst 1948 Tschechien verlassen. Sie wollten etwas in einer Gegend erwerben, die dem Böhmerwald ähnlich ist und wo es auch Platz für 4 Kinder gab. Irgendwann kamen sie dann offensichtlich in diese Gegend. Sie saßen gemeinsam im Hof auf der Bank um die alte Linde, haben sich in diesen Ort verliebt und wollten das Areal sofort kaufen“, erklärt Mariella Meinl. Zum Verkauf stand die Burg erst Jahre später und Erich Meinl und seine Frau erfüllten sich 1966 schließlich mutig ihren Traum. Denn gekauft hatten sie sich neben dem Areal auch eine Menge Arbeit. Es gab viel Wald, eine große Landwirtschaft, Kühe, Pferde und auch Schweine. Die Familie lebte damals teilweise auch noch in Wien, es gab zwar Mitarbeiter, jedoch nicht genügend für die Dimension der Aufgaben. Alles musste betreut, bewirtschaftet und erhalten werden. Einiges wurde verpachtet, aber dennoch mussten alle Familienmitglieder mithelfen, die Kinder neben ihrer Ausbildung, der Vater neben seinem Stoffhandel in Wien. Das Ehepaar Andreas und Mariella Meinl zog schließlich nach seinen jeweiligen Studien nach Schloss Engelstein, Andreas eröffnete seine Tierarztpraxis, Mariella ihre Praxis für Physiotherapie und Feldenkrais. Wohn- und Arbeitsbereiche waren und sind nach wie vor in den Räumlichkeiten der Vorburg und in Teilen des ehemaligen Wirtschaftstraktes.
Herausfordernde Verantwortung
Als die Eltern von Andreas Meinl Mitte der 1990er-Jahre starben, übernahmen sie beide die Burg mit all ihren Aufgaben. Seit einem tragischen Unfall ihres Mannes im Jahr 2005, der eine schwere neurologische Erkrankung zur Folge hatte, lag nicht nur dessen Pflege, sondern auch die ganze Verantwortung für das Anwesen bei Mariella Meinl. Als Andreas Meinl 2018 starb, ging die Burg an sie. Die Familien der Geschwister ihres Mannes nutzen heute jeweils separate Bereiche der Vorburg und jede Familie kümmert sich um die Erhaltung ihrer Räumlichkeiten selbst. Landwirtschaft und Teichwirtschaft wurden verpachtet, Teile des Wirtschaftstraktes sind vermietet.
„Ich achte darauf, dass zumindest das Dach überall so einigermaßen in Ordnung ist. Aus dem Dorf und auch von der Feuerwehr bekomme immer sehr kompetente Hilfe, vor allem, wenn wetterbedingt etwas beschädigt wurde. Man spürt, dass die Leute hier bestrebt sind, dass die Burg zumindest erhalten bleibt“, so Mariella Meinl über die engagierte Nachbarschaftshilfe im Dorf.
Den ehemaligen Kuhstall hat die freiwillige Feuerwehr in den letzten Jahren restauriert und in „Heurigenatmosphäre“ renoviert. Hier finden zwei Mal im Jahr die Feuerwehrfeste statt, indoor und somit wetterunabhängig.
Öffentlich zugänglich ist das alte Burgareal nur einmal im Jahr zum „Tag der offenen Türe“, der jedes Jahr zu Mariä Himmelfahrt, am 15. August, stattfindet. An diesem Tag gibt es eine Andacht in der Burgkapelle und im Renaissance-Rittersaal in der Burg eine wechselnde Kunstausstellung. Durch die Burg führt an diesem Tag ein Mitglied der Besitzerfamilie – sehr spannende Burg-Geschichten inklusive.