In nächster Nähe der Pfarrkirche am südöstlichen Ausgang des Ortes befindet sich der sogenannte Freihof. Diese bereits aus dem Mittelalter stammende Bezeichnung, steht für einen Hof innerhalb eines kommunalen Gebildes, das einem Adligen oder Geistlichen gehörte und direkt dem Landesfürsten unterstellt war. Solche Anwesen waren von lokalen Abgaben befreit und unterlagen auch nicht der niederen Gerichtsbarkeit (Dorfgericht), sondern unmittelbar jener des Grundherrn. Die adligen Eigentümer waren seinerzeit Mitglieder des Landstandes und hatte bis 1848 Anspruch auf einen Sitz im Landtag.
Gründung und kleine Geschichte
Im konkreten Fall erwarb 1623 ein treuer Parteigänger Kaiser Ferdinands II., der Oberst Ernst Freiherr von Kollonitsch, das Haueranwesen in Unternalb. Aufgrund seiner zahlreichen Verdienste, u.a., dass er mit seinem Kavallerieregiment Retz von der Türkenbelagerung befreite, wurden seinem Gut die Eigenschaften eines Freihofes vom Kaiser zugesprochen.
Von den später wechselnden Eigentümern sind die Familien Kayserhaimb und Minetti, ihre Grabdenkmäler befinden sich in der Pfarrkirche zu Unternalb, erwähnt und im 19. Jh. wohnten im Freihof der prominente Landschaftsmaler Ranzoni, sowie ein Verwalter der Göttweiger Probstei.
Seit 1981 ist der „Freihof“ im Besitz der Familie Angerer. Die Musiker Paul und sein Sohn Christoph Angerer gründeten 1982 das Concilium musicum Wien, um Werke des 18. Jahrhunderts zu musizieren. Und hier schließt sich der Kreis, denn heute dient der Unternalberner Freihof nicht nur als wohlgestaltetes Familiendomizil, sondern ist auch ein Ort für feine Konzerte aus dem Œ uvre fast vergessener Komponisten und selten gespielter Werke der großen Klassiker.
Ein Haueranwesen mit barocken Aus- und Zubauten
Betrachtet man den hier vorliegenden Grundriss, so handelt es sich um einen sogenannten Zwerch- oder Hakenhof, der im östlichen und südöstlichen Österreich eine weitverbreitete Form des Bauernhofes darstellt. Der altdeutsche Ausdruck „zwerch“ bedeutet quer. Charakteristisch dafür ist daher ein zur Straßenseite quer verlaufender Gebäudetrakt, der zusammen mit dem Straßenhaus ein L-förmiges Gebilde ergibt. Artspezifisch ist auch der Laubengang bzw. eine Steinarkaden-Kolonnade entlang des Quergebäudes. Diese war ursprünglich als Wetterschutz beim Zugang zu den Wirtschaftsgebäuden und Ställen gedacht und entwickelte sich erst später zum Aufenthaltsbereich im Sommer. Der Laubengang im Freihof, enthält eine architektonische Besonderheit im Deckenbereich, da dieser als Kreuzgewölbe ausgebaut ist. Vor den Arkaden ranken sich Weinreben empor und die Wände des Ganges sind mit allerlei historischen Sammlungsobjekten der Besitzer geschmückt.
Das straßenseitige Wohngebäude ist zweigeschoßig angelegt. Auf den Außengittern dieses barocken Haupthauses sind die Initialen „J.P.W“ des bereits erwähnten Verwalters der Göttweiger Probstei von Unternalb Johann Paul Wimmer in Metall verewigt. Im Untergeschoß befinden sich eine großzügige Küche, Sanitär-, Wohn- und Bibliotheksräume. Allenthalben findet sich der Besucher vor Zeugnissen sakraler und weltlicher Kunst wieder, sowie vor einer erklecklichen Anzahl von Musikinstrumenten, die auf die Leidenschaft der Eigentümerfamilie hinweisen. Imposant und gut in das Gesamtbild mit so manchem Blickfang, geschnitzten Kommoden, bemalten Bauernschränken und historischen Gebrauchsgegenständen passend, sind auch die an den Wänden des Stiegenaufganges angebrachten Stationen eines Kreuzweges sowie Heiligenstatuen und andere Erinnerungsstücke. In vielen Räumen sind auch noch die originalen Holzdecken erhalten.
Vom Getreidespeicher zur Konzerthalle
An den Wänden eines Durchgangs, der zum Garten führt, erinnern Ausstellungsstücke wie Säbel und Armbrüste an frühere martialische Zeiten. Tritt man sodann aus diesem Gang ins Freie, so erblickt man den gegenüber liegenden barocken Schüttkasten, der in einer Putzfassade mit 1710 datiert ist.
Besonderheiten an der Außenfassade sind die Fenster mit einer Putzfaschenrahmung, auch Fasche oder Gewände genannt. Bei dieser speziellen Rahmung ist der Übergang zwischen Fenster und Mauerwerk durch eine hervorgehobene Putzfläche (Fasche) betont.
Das Innere des einstmals Getreide und Feldfrüchte beherbergenden Gebäudes besteht aus zwei Geschoßen, die einerseits aufgrund der dort befindlichen Gegenstände einen gewissen Museumscharakter aufweisen, andererseits aber mit Hilfe zahlreicher Stühle rasch in einen einfachen Konzertsaal verwandelt werden können. Das rustikale Ambiente bietet dabei einen trefflichen Kontrast zu den feinsinnigen musikalischen Darbietungen. Alljährlich in der warmen Jahreszeit finden hier die sogenannten Serenaden im Schüttkasten statt, eine etablierte Konzertreihe, die klassische Musik in den historischen Freihof der Familie Angerer bringt.
Dass auch in früherer Zeiten die Bewohner des Freihofes einen besonderen Geschmack hatten, beweist u.a. ein zwischen Hauptgebäude und Schüttkasten gelegenes Aussichtstürmchen mit Pyramidenhelm. Es stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts und enthält ein kleines Zimmer mit großer Aussicht ins Retzerland, das über eine Freitreppe erschlossen wird.
Herr Angerer, heute präsentiert sich ihr Anwesen in sehr schönem Zustand. Wie waren die Gebäude seinerzeit, als sie von ihrer Familie übernommen wurden?
„Die Substanz war grundsätzlich gut, allerdings ziemlich abgewohnt, so dass gleich mit der Renovierung begonnen werden musste. Beispielsweise war der Schüttkasten lange Zeit als Lagerraum genutzt worden und so hieß es zunächst das alles zu entrümpeln“
Was wurde davon abgesehen verändert bzw. modernisiert?
„Die Erneuerung der Gebäudetechnik stand an, wir ließen die Heizung modernisieren und eine Wärmepumpenanlage einbauen. Aber das ist jetzt auch schon wieder geraume Zeit her, und so stehen sicher bald wieder Verbesserungen ins Haus.“
Danke schön, dass sie unseren Lesern einen Einblick in ihr Wohnumfeld gewährt haben.
Nähere Informationen zu den Serenaden im Schüttkasten: www.concilium.at