Ehemaliger Zufluchtsort für Arme und Kranke

Wullersdorf dürfte insbesondere Freunden von Alfred Komareks Polt-Romanen als Originalschauplatz mit der malerischen Greißlerei Habesam wohlbekannt sein.
Wullersdorf ArmenhausCholeraspital (c) Nadja Meister IMG 0773
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Wullersdorf dürfte insbesondere Freunden von Alfred Komareks Polt-Romanen als Originalschauplatz mit der malerischen Greißlerei Habesam wohlbekannt sein.

Unweit von diesem noch heute existierenden Geschäftslokal befindet sich das Armenhaus, oder wie es später genannt wurde „Choleraspital“, aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine auf der Fassade angebrachte Gedenktafel weist darauf hin, wobei seinerzeit unter Spital kein Krankenhaus verstanden wurde, sondern eine Art gewöhnliche anspruchslose Herberge.

Das bereits in der Kuenringerepoche besiedelte Gebiet um Wullersdorf gelangte im Mittelalter in den Besitz des Stiftes Melk und die vom Stift entsandten Pfarrer waren lange Zeit gleichzeitig Verwalter der hier befindlichen Gutshöfe. Die Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen erforderte seinerzeit eine erkleckliche Anzahl von Beschäftigten. Wenn diese, sei es aufgrund ihres Alters, oder durch Krankheiten eingeschränkt, ihre Arbeit nicht mehr verrichten konnten, war ihr Lebensabend häufig durch Armut geprägt. Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Versorgung der Bettler und Armen überall in Europa auf den Landtagen und bei den Stadträten als Problem wahrgenommen. Aus diesem Anlass wurden länderweise viele Verordnungen und Gesetze erlassen, und mit den Infektionsordnungen verschärft sich der Ton in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Ein Gemeindehaus entsteht
Hier in Wullersdorf wollte man dieser Entwicklung mit einer – heute würde man es Sozialeinrichtung nennen – begegnen, und so erfolgte am 25. August 1762 die Grundsteinlegung eines dafür spezialisierten Gebäudes. Ursprünglich als Wohnort für die nicht mehr arbeitsfähigen Dienstboten gedacht, wurden bald darauf auch die sogenannten „Marktarmen“ der Gemeinde aufgenommen. Wissenswert dazu ist, dass vor 1800 nur kleine elitäre Gruppen, wie etwa der Adel, ein Alter von mehr als 40 Jahren erreichten. Um 1820 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa nur 36 Jahre. Gerade einmal 2,6 Prozent der Bevölkerung wurden über 65 Jahre alt. Es verwundert daher nicht, dass eine Chronik aus dem 19 Jh. berichtet: „Wahre Arme hat es zu keiner Zeit im Ort Wullersdorf viele gegeben, selten stieg ihre Anzahl auf sechs Individuen. Ihre Wohnung erhalten sie im Gemeinde-Hause, ihren Lebensunterhalt aber aus den alle Sonnabend angestellten Brot-, Mehl- und Geldsammlungen. Der Armenvater (einer der Gemeinderäte) bestimmte hiezu einen der noch rüstigen Armen. Dieser bringt das Gesammelte zu ihm, wo es den Armen zu gleichen Teilen übergeben wird.“

Bewegte Geschichte
Die ebenerdige Urform des zunächst als Gemeinde-, dann Armen- und später als Cholerahaus bezeichneten Gebäudes wurde auf einem unterhalb der Kirche gelegenen Hang aus ungebrannten Lehmziegeln (Grünlingen) errichtet. Mit Genehmigung der Herrschaft, haben es die Bürger des Marktes selbst gebaut.

Bei Bränden in den Jahren 1796 und 1822 (Großbrand von Wullersdorf) wurde das Gebäude teilweise zerstört. Möglicherweise wurden bei den jeweiligen Wiederherstellungen auch Teile der noch heute erkennbaren Veränderungen wie z. B. der Einbau größerer Fenster vorgenommen und 1830 wurden zusätzlich zwei neue Kammern angebaut.
In den Jahren 1830/1831 wurden im Haus weitere 21 Betten für Cholerakranke aufgestellt. Vermutlich hatte der Bau schon damals die Größe der heutigen Grundfläche erreicht. Die Cholera kam aber erst 1836. Groteskerweise war der erste Tote der Totengräber Johann Schwarz. Innerhalb von 110 Tagen starben im gesamten Pfarrgebiet 131 Menschen. Mit ein wenig Fantasie können sich Museumsbesucher aufgrund der im Erdgeschoß ausgestellten Objekte ein Bild von der damaligen Unterbringung Seuchenkranker und der einschlägigen Krankenpflege machen.
1893 wurde das Haus aufgestockt, sodass es im Großen und Ganzen die heutige Form erhielt. Dabei musste das an der nordseitigen Außenwand gelegene Fenster zugemauert werden.

Umbauten und Anpassungen
Die exakte Entwicklung der Baugeschichte festzustellen, ist schwierig, da entsprechende Unterlagen fehlen. Wir greifen auf die Informationen des Wullersdorfer Heimatforschers Johann Six zurück, der sich sehr um die Geschichte des Cholerahauses verdient gemacht hat.
Die beiden Zimmer im Erdgeschoß an der Nordseite scheinen zum ältesten Teil des Gebäudes zu gehören. Über dem Bruchsteinmauerwerk wurde mit dunklem Quaderstuck gemauert, während die kleinen, ebenfalls getrockneten Lehmziegel-Grünlinge jüngeren Datums sein dürften. Bei der Aufstockung wurden gerade Decken (Dippelbäume) eingebaut, nur an einer Stelle des Hauses finden sich Reste eines Gewölbes.
In der neueren Zeit, respektive den 1960er-Jahren, wurden nördlich des Hauses sechs Kammern als Stauraum für die Einwohner des Hauses errichtet. Neben der Verwendung als Vorratslager für Holz und Kohlen wurden damals auch Ställe für Kleinvieh wie Hühner und Kaninchen darin untergebracht. An der Nordwand, westlich des Stiegenhauses, wurden außerdem eine Senkgrube und darüber drei einfache Aborte gebaut. Heute sind diese stillgelegt und die Senkgrube ist geräumt. Davor gab es nur ein Plumpsklo am Abhang des Kirchenhügels. Es war ein Holzhäuschen mit einer vorgelagerten Senkgrube.
Bei den Restaurierungsarbeiten ab 2012 war im oberen Bereich zunächst nur das Ausbessern des Putzes vorgesehen. Es fiel dann aber die Entscheidung, den ganzen bestehenden Mischputz abzunehmen und das Haus wieder zur Gänze mit Lehm zu verputzen. Das Baumaterial im Erdgeschoß besteht, wie bereits erwähnt, aus Grünlingen und Quaderstuck. Nur im Bereich der Maueranker, beim Gesimse und den späteren Zubauten finden sich gebrannte Ziegel. Auch der Stiegenhausaufgang in den oberen Stock wurde mit gebrannten Ziegeln gemauert, im Obergeschoß auch der Türbereich beim Eingang in den Gang und an der Nordwand der Bereich über den später errichteten Anbauten. Eine sichtbare, zugemauerte Türöffnung war möglicherweise für den Materialtransport in der Bauphase des Obergeschoßes verwendet worden.

Begleiten Sie uns auf einen Rundgang
Selbst in neuerer Zeit, nämlich bis 2012, diente das Gebäude der Gemeinde noch als Armenhaus. Danach konnte es durch einen großzügigen Sponsor in originaler Bauweise und mit passenden Baustoffen wie z. B. Lehmputz saniert und als Museum adaptiert werden.
Geführt von Klaus Ernst, Obmann des Wullersdorfer Geschichtsvereins, betreten wir das Innere durch den jetzt an der Rückseite gelegenen Eingang, von dem eine Treppe in das Obergeschoß führt. Hier wurde ein Teil der Räumlichkeiten durch Entkernung, Umbau und Sanierung des Dachstuhls in eine gemütliche Veranstaltungshalle verwandelt, in der regelmäßig z. B. Kinderturnen, Tanzveranstaltungen, Vorträge und Seminare und auch „Die lange Nacht der Museen“ stattfinden. Weiters gibt es hier auch Ausstellungsräume, ein Büro, das Archiv, sowie eine Teeküche. Die interessanten Ausstellungsräume, enthalten u. a. eine historische Tischlerwerkstätte, eine Schusterwerkstatt und eine Schulklasse. Im Erdgeschoß sind einige der kleinen Wohneinheiten, wie sie ursprünglich für das Armenhaus errichtet wurden, erhalten. Weiters befinden sich hier diverse Medizinaleinrichtungen aus der Zeit der Choleraepidemie und sogar eine Gefängniszelle. Betrachtet man all dies, so mag so manches aus heutiger Sicht roh und unzureichend erscheinen, es gilt jedoch zu bedenken, dass es sich dabei erst um die Anfänge einer sozialen Entwicklung handelt, die vor gar nicht so langer Zeit begonnen hat.

Weitere Informationen erhalten Sie beim: Wullersdorfer Geschichtsverein, Hauptplatz 25, 2041 Wullersdorf, Tel.: 0676/3875800.

Autor: Jürgen Niederdöckl
Fotos: Nadja Meister