EIN HAUS ERINNERT AN HILDEGARD VON BINGEN

Mitten in Wiener Neustadt befindet sich ein malerisches Gebäude, dessen älteste Teile aus dem Mittelalter stammen. In den Jahren 1994 bis 2020 war hier die sogenannte Gesundheitsschule Hildegard von Bingen und seit damals ist das Haus unter dieser Bezeichnung bekannt. Die heutigen Besitzer Anita und August Lechner haben das Haus 2020 in erstklassigem Zustand erworben. Dennoch gibt es bei einem 800 Jahre alten Gebäude immer wieder da und dort etwas zu reparieren oder zu verbessern, wie uns August Lechner versichert.
Historisches Gebäude mit antiker Fassade, großen Holztüren, mehreren Fenstern, Pflanzen in Töpfen am Eingang und einem Schild, das „Fine alte Eltn“ zeigt. Abendstimmung.
Historische Apotheke mit beschrifteten Holzschubladen, alten Glasflaschen auf der Theke und einer Periodentafel im Hintergrund, alles in einem gut erhaltenen, traditionellen Innenraum.

Mitten in Wiener Neustadt befindet sich ein malerisches Gebäude, dessen älteste Teile aus dem Mittelalter stammen. In den Jahren 1994 bis 2020 war hier die sogenannte Gesundheitsschule Hildegard von Bingen und seit damals ist das Haus unter dieser Bezeichnung bekannt.

Die Benediktinerin Hildegard von Bingen war eine bedeutende natur- und heilkundige Universalgelehrte, außerdem Dichterin und Komponistin. Sie lebte in den Jahren 1098 bis 1179, also noch vor der Stadtgründung Wiener Neustadts, und hat mit dem prominenten Stadtrat Kristoff Wulfing, der das Haus 1484 erstmals ins Gewehrbuch der Stadt eintragen lies, nichts gemein. Wulfing war ein Genannter, Stadtrat, Bergrichter, Hafnermeister und in der Kaiserstadt ein bedeutender Mann seiner Gilde. Er stammte auch nicht aus Bingen, sondern aus dem schönen Ort Aufkirchen im Südtiroler Pustertal. Im Folgenden können Sie uns auf eine interessante Reise durch die historischen Räumlichkeiten seines Hauses begleiten und dabei den Charme dieser erstaunlichen Epoche entdecken.

Das zweitältestes Haus der Stadt
Die Grobstruktur des im historischen Zentrum Wiener Neustadts gelegenen, denkmalgeschützten Patrizierhauses in der Lederergasse 8, besteht aus einem Vorderhaus, einem Hofflügel und einem aus späterer Zeit stammenden Hinterhaus. Seine Ursprünge liegen weit zurück und lassen sich im nördlichen und südlichen Teil des Baukörpers bis auf die Romanik rückdatieren. Indizien dafür sind die Mauerstärke und eine gut ablesbare Parzellteilung. Hingegen wurde der Bau, wie er sich heute darstellt, auf den frühmittelalterlichen Außenmauern des seinerzeit durch einen Brand zerstörten Hauses errichtet.

Betritt man das Haus durch das von einem steinernen Rundbogen umsäumte Tor, so gelangt man in die 15 Meter (!) lange Flurhalle, an deren rechter Seite eine 300 Jahre alte Holztreppe ins Obergeschoß führt. Weiters gibt es hier Abgänge in den Keller bzw. das Souterrain, in dem sich während der klösterlichen Nutzung des Gebäudes (ab 1588 bis ins 18 Jhd.) das Refektorium befand. Heute wird dieser ehemalige Speisesaal als Raum für Therapiesitzungen genutzt.

An der gegenüber dem Tor gelegenen Schmalseite der Eingangshalle geht es durch einen Hof – früher war im hinteren Gebäudetrakt ein Pferdestall. Hier im Erdgeschoß befindet sich eine perfekt eingerichtete, schöne Apotheke aus dem 19. Jahrhundert – heute ein Kräuter- und Teeladen namens „Hildegards Refugium“.

Beim ersten Umbau im 12. und 13. Jahrhundert und der damit einhergehenden Anpassung an den Geschmack der Gotik erhielt das Haus eine Aufstockung sowie hochwertige und künstlerisch schön verarbeitete Gewölbe mit Putzgraten, Stuckelementen, Türlaibungen und farblichen Putzen.

In der darauf folgenden Renaissancezeit wurde der Arkadengang errichtet und die Fassade mit ihrer horizontalen Gliederung umgestaltet. Beim gemeinsamen Rundgang weist der Hausherr insbesondere auf die leicht gerundeten Grate und Putzstäbe der Gewölbe im Obergeschoß hin, mit denen sich die Renaissancebaumeister von den kantigen Formen der Gotik, wie sie z.B. im heutigen Schlafzimmer als Reste von Spitzgraten erhalten sind, abgrenzen wollten.

Die straßenseitige Fassade stammt aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Es sind aber an der linken Seite noch Teile einer Laibung erkennbar, die auf den mittelalterlichen Ausbau des Gebäudes mit seinen vermutlich sehr sparsamen Fensteröffnungen hinweisen.

Ab der Barockzeit bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde nur wenig verändert und hauptsächlich die Substanz modernisiert. Die gotische Raumstruktur blieb daher, wie die ebenfalls aus dem Mittelalter stammenden Handelsräume im Erdgeschoß und Keller, bis heute weitgehend unverändert.

Das Hinterhaus wurde Ende des 18. Jahrhunderts umgebaut und im Obergeschoß, in das man durch die bereits erwähnte steile Holztreppe gelangt, eine Verbindung vom Vorder- zum Hinterhaus errichtet. In der Folgezeit wurde der Zugang einzelner Zimmer durch Vermauern und Ausbrechen von Türen abgewandelt und das Gebäude mit leichten Trennwänden sowie einem Lichtschacht im zentralen fensterlosen Raum des Obergeschoßes ausgestattet. Hier neben der Halle, dem ehemaligen Empfangsraum, ist auch die große Küche angeordnet, mit ihrem mächtigen Brotbackofen und einem eingebauten Wasseranschluss aus dem frühen 19. Jahrhundert.

Aus neuerer Zeit
Im 20. Jahrhundert diente das Haus weiter Wohn- und Handelszwecken. Besonders die Kellerräume wurden Ende der 1940er-Jahre zu Lager- und Geschäftsräumen umgebaut. 1992 erwarb Dr. Alfred Pschill das Haus, um hier die Gesundheitsschule Hildegard von Bingen anzusiedeln. Er veranlasste in den folgenden zwei Jahren eine Kernsanierung und Renovierung nach alten Vorlagen. Dabei wurde viel der alten Bausubstanz ebenso wie zahlreiche Fresken und Stuckaturen freigelegt, die in verschiedensten Stilen übereinandergelegen waren. Auch wurde eine moderne Heizung eingebaut und der schon einmal nach dem Großbrand von 1834 erneuerte hölzerne Dachstuhl mit Stahlträgern verstärkt. Die alten Trambäume blieben dabei erhalten. Um das mittelalterliche Ambiente wiederherzustellen, wurde ein sanfter Rückbau durchgeführt und das Niveau des Hofes um über einen Meter gesenkt.

Beliebter Treffpunkt und Therapiezentrum
Die heutigen Besitzer Anita und August Lechner haben das Haus 2020 in erstklassigem Zustand erworben. Dennoch gibt es bei einem 800 Jahre alten Gebäude immer wieder da und dort etwas zu reparieren oder zu verbessern, wie uns August Lechner versichert. So hat er etwa in Eigenregie zwölf barocke Kastenfenster renoviert, alten Lack abgeschabt und anschließend mit Leinöl eingelassen. Beim Betrachten der Einrichtung aus Palisander im Herrenzimmer verrät er uns außerdem, wie man Holzbauteile und Möbel vor dem zerstörerischen Fraß des Bockkäfers behüten kann. „Eine Kiste mit frischen Eicheln in der Nähe der zu schützenden Holzteile aufgestellt, wirkt auf die Insektenlarven außerordentlich anziehend. Der Inhalt braucht dann nur von Zeit zu Zeit ausgetauscht werden.“

Aus zeitgemäßer Sicht ist auch die Ausstattung des Hauses mit einem nachhaltigen und ressourcenschonenden Heizungssystem erwähnenswert. Dabei handelt es sich um eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, mithilfe derer der Energiebedarf gegenüber der früheren Gasbrennwerttherme um rund 60 Prozent gesenkt werden konnte.

Heute beherbergt das Hildegard-von-Bingen-Haus zwei Ergotherapiepraxen, in denen Menschen auf ihrem Weg zu mehr Gesundheit und Lebensqualität unterstützt werden. Die verschiedenen therapeutischen Angebote finden hier in einer ruhigen, inspirierenden Umgebung statt, die Heilung und Wohlbefinden fördert.

Außerdem ist das Haus auch ein Zentrum für Veranstaltungen und Begegnungen. Es gibt diverse Räumlichkeiten für Therapien, Seminare, Veranstaltungen, Workshops und Konzerte. Die historische Atmosphäre kombiniert mit moderner Ausstattung schafft einen inspirierenden Raum, der sich flexibel an verschiedene Bedürfnisse anpassen lässt. Ein Besuch lohnt sich.

Autor: Jürgen Niederdöckl
Fotos: Nadja Meister