EINE FEUERLÖSCHZENTRALE MIT BEWEGTER VERGANGENHEIT

Blumau-Neurißhof ist eine Gemeinde im niederösterreichischen Industrieviertel. Diese Region, die den südöstlichen Teil Niederösterreichs umfasst, war im ausklingenden 19. Jh. ein wichtiger Wirtschaftsraum des prosperierenden Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Es nimmt nicht wunder, dass die Geschichte der Feuerwehr in Blumau daher eng mit der Geschichte der ehemaligen Pulverfabrik verbunden ist. Als Berufsfeuerwehr wurde sie offiziell 1916 zum Schutz der örtlichen Betriebsanlagen gegründet. Umbau- und Renovierungsarbeiten an den nicht zur FFW gehörenden Gebäudebereichen wurden vom Liegenschaftseigentümer, einer Wohnbaugenossenschaft, durchgeführt und so zeigt sich die Feuerwehrzentrale Blumau heute ringsum von ihrer besten Seite.
Historische Feuerwache mit Feuerwehrfahrzeugen und Beobachtungsturm, beschriftet „Feuerschutzzentrale“, umgeben von Zaun und Bäumen, fotografiert im Jahr 1925.
Ein großes, historisches Gebäude mit roten Dachziegeln, grünem Fensterläden und einem markanten Turm, Vorderansicht, teilweise bewölkter Himmel.

Blumau-Neurißhof ist eine Gemeinde im niederösterreichischen Industrieviertel. Diese Region, die den südöstlichen Teil Niederösterreichs umfasst, war im ausklingenden 19. Jh. ein wichtiger Wirtschaftsraum des prosperierenden Kaiserreichs Österreich-Ungarn.

Im Wiener Becken zwischen Schönau an der Triesting, Sollenau, Günselsdorf, Teesdorf, Pottendorf und Tattendorf wurde ab 1890 eine große Pulverfabrik errichtet, die im Ersten Weltkrieg zu einem der wichtigsten Rüstungsbetriebe der k. u. k. Monarchie avancierte. Am Höhepunkt der Produktion umfasste das Werksgebiet etwa 340 ha. Das ganze Zentrum der Munitions- und Sprengstoffrüstung war innerhalb einer rechteckigen Fläche mit einer Ausdehnung von circa 20 Kilometern in Nord-Süd-Richtung und 10 Kilometern in West-Ost-Richtung zwischen Bad Vöslau und Wiener Neustadt angesiedelt. Die Zehntausenden Beschäftigten der Rüstungswerke rekrutierten sich aus allen Teilen der Monarchie und waren in riesigen Barackenstädten am Rande der Werke untergebracht.

Entstanden als Berufsfeuerwehr
Es nimmt nicht wunder, dass die Geschichte der Feuerwehr in Blumau daher eng mit der Geschichte der ehemaligen Pulverfabrik verbunden ist. Als Berufsfeuerwehr wurde sie offiziell 1916 zum Schutz der örtlichen Betriebsanlagen gegründet, es existierte aber zu dieser Zeit bereits ein professioneller Vorläufer, wie zahlreiche Recherchen ergaben. Für Mannschaft und Gerät wurde seinerzeit ein monumentales Gebäude im Heimatstil errichtet, der ab den 1870er-Jahren im Raum der Monarchie zunehmend Verbreitung fand, und u. a. mit Fachwerkelementen, Buckelquadern, Schnitzereien und Fensterläden auf ländliche bzw. regionale Architekturformen und Stilmittel zurückgreift.

Das unter Denkmalschutz stehende Bauwerk mit fünf Garagen (vier davon werden bis heute von der FFW genutzt) ist zweigeschoßig und baut auf einem u-förmigen Grundriss auf. Die Straßenfassade ist in Südrichtung gewandt. An der rechten Seite dieser Fassade befindet sich ein etwa 25 m hoher Turm. Gegenüber ist eine Arkadenreihe, mit dahinterliegenden Eingängen zum Dienstzimmer des Kommandanten und dem ehemaligen Telegrafenbüro, wie die im Original erhaltenen Beschriftungen ausweisen. Aus einem zeitgenössischen Plan geht hervor, dass als ursprüngliche Gebäudebezeichnung und Schriftzug an der Fassadenfront „Kaiser Karl Feuerlöschzentrale“ vorgesehen war. Davon blieb schlussendlich nur das letzte Wort erhalten, da die Erinnerung an das Kaiserreich und den verlorenen Krieg mit seinen katastrophalen Folgen nach 1918 nicht mehr opportun erschien.

Mit seiner Strukturierung, den Torbögen und den Fensterläden ähnelt das Gebäude der ebenfalls in diesen Jahren errichteten Hauptfeuerwache Mariahilf, die auf dem Areal des ehemaligen Schlachthofs in Wien Gumpendorf erbaut wurde. Das legt die Vermutung nahe, dass der dort tätige Architekt Johann Rothmüller auch in Blumau an der Planung beteiligt war. Im Obergeschoß des zweistöckigen Traktes mit den Garagen waren zunächst Dienstwohnungen und Mannschaftsräume untergebracht, von denen aus die darunterliegenden Remisen über Rutschstangen erschlossen wurden. Sie dienten dazu, um im Alarmfall von höher gelegenen Stockwerken schnell in das Erdgeschoß zu den Einsatzfahrzeugen zu gelangen. Für die Fahrzeuge sind fünf rundbogige Einfahrtstore vorgesehen, die auf den straßenseitigen Hof münden.

Der Schlauchturm
Der fünfgeschoßige Turm an der rechten Flanke des Gebäudes ist ein markantes Zeichen des Feuerwehrhauses und erlangte bei der Brandbekämpfung auf dem Gelände der Pulverfabrik (siehe unten) eine zentrale Rolle. Vom obersten Geschoß aus konnte sich die Einsatzleitung einen guten Überblick über das Gelände verschaffen.

Hauptsächlich diente er aber zum Trocknen von Druckschläuchen nach Einsätzen und Übungen. Als die Schläuche noch aus Hanf hergestellt wurden, war das besonders wichtig. Im Schlauchturm werden die Schläuche in der Mitte mit einem Flaschenzug aufgezogen. So hängen sie gerade und das nach dem Einsatz darin verbliebene Wasser kann vollständig herauslaufen. Anschließend können die Schläuche gut ablüften und damit zumindest äußerlich trocknen.

Die Katastrophe von 1922
Am frühen Nachmittag des 25. Mai obigen Jahres brach in der sogenannten „Betriebsinspektion I“ der Dynamit- und Dynamon-Fabrik ein Brand aus. Die Arbeiter unternahmen erste Löschversuche und alarmierten über die elektrische Fernmeldeanlage die Berufsfeuerwehr. Da in den Hydranten der Wasserdruck zu gering war, wurden in aller Eile mehrere Leitungen zum Löschteich gelegt. Noch während der Arbeit kam es zur ersten Explosion, wenig später folgten zwei weitere, viel heftigere Erschütterungen. Zwei Feuerwehrmänner waren auf der Stelle tot, der Kommandant wurde schwer verletzt und verstarb kurz darauf. „Die Aufbauten der Autospritze sowie des Rettungswagens wurden durch die Explosion zerfetzt, die Mannschaft lag verletzt unter den Trümmern“, hieß es im damaligen Einsatzbericht der Feuerwehr. Zeitzeugen berichten, dass die Druckwelle unzählige Industriegebäude, Häuser und Baracken zerstörte, manche von ihnen waren Hunderte Meter vom Unglücksort entfernt. Der Detonationsknall und die Erschütterung waren sogar bis nach Wien vernehmbar.

Auch an der Feuerwehrzentrale gab es beträchtliche Schäden. So etwa wurde das rückseitige Dach eingedrückt. Die Explosion forderte 25 Todesopfer, die meisten davon waren unbeteiligte Zivilpersonen, darunter auch einige Kinder.

Erst mithilfe der umliegenden Feuerwehren und mit Unterstützung durch die Wiener Berufsfeuerwehr, welche nach dem Eintreffen die Leitung der Löscharbeiten übernahm, konnte der Brand erfolgreich bekämpft und somit das Übergreifen auf weitere Gebäude der Fabriksanlage, in denen an die 30.000 Kilogramm Dynamit sowie 8.000 Kilogramm Nitroglyzerin gelagert waren, verhindert werden.

Umformierung der Werksfeuerwehr und neuere Geschichte
Im geschrumpften Österreich der späten 20er-Jahre produzierte die Pulverfabrik nur mehr geringfügig und so gab es auch kaum Bedarf an einer ständig verfügbaren Feuerwehreinheit. Einige Quellen nennen daher das Jahr 1926 als jenes, in dem die Werksfeuerwehr in eine freiwillige Feuerwehr (FFW) umgewandelt wurde. Diese überdauerte die schwierigen Zeiten der Zwischenkriegsjahre und den Anschluss an das Dritte Reich ebenso, wie den Zweiten Weltkrieg und die darauffolgenden Besatzungsjahre. Beim Abzug der Besatzer wurden Fahrzeuge und Materialien konfisziert und in deren Heimat mitgenommen. Von den drei seinerzeit hochmodernen Gräf-&-Stift-D609-Feuerwehrwägen blieb aber glücklicherweise einer bis heute als technischer Zeitzeuge erhalten, weil sein Motor damals nicht und nicht anspringen wollte.

Große Änderungen an der Feuerwehrzentrale betrafen hauptsächlich das Obergeschoß, das ja nicht mehr für die Unterbringung der Mannschaften benötigt wurde. Die ehemaligen Diensträume wurden irgendwann zu Wohnungen umgebaut und die Deckendurchbrüche sowie die Rutschstangen zum Erdgeschoß entfernt. Bis auf eine Garage blieben hier die Räume der FFW erhalten und lange Zeit weitgehend unverändert, z. B. mit großen Feststofföfen als einziger Heizmöglichkeit. Erst im Jahr 2005 wurde mit ausführlichen Umbauarbeiten begonnen und damit ein lange geplantes Vorhaben in die Realität umgesetzt. Die Tatsache, dass es bis dahin nicht einmal Duschen gab und der Mannschaftsraum schon aus allen Nähten platzte, machte eine Veränderung dieser Räumlichkeiten unumgänglich. Beim Umbau wurden auch die Kellerräume unter der Feuerwehr adaptiert und in einen Schulungsraum, eine Teeküche, einen Lagerraum sowie Sanitärräume mit Duschen und Waschmöglichkeiten umgewandelt. Dabei wurden viele der anstehenden Tätigkeiten, wie z. B. Maurer- und Malerarbeiten von den Kameraden der FFW Blumau in ihrer Freizeit erledigt.

Umbau- und Renovierungsarbeiten an den nicht zur FFW gehörenden Gebäudebereichen wurden vom Liegenschaftseigentümer, einer Wohnbaugenossenschaft, durchgeführt und so zeigt sich die Feuerwehrzentrale Blumau heute ringsum von ihrer besten Seite.

Autor: Jürgen Niederdöckl
Fotos: Nadja Meister