Erweiterung Weingut Jordan in Groß-Reipersdorf

Wein und Architektur haben durchaus etwas gemeinsam: Sie sind Ausdruck von Kultur. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist das Weingut Jordan in Groß-Reipersdorf. Hier trifft eine über 165 Jahre alte Familientradition auf eine sehr gegenwärtige Winzerhandschrift.
Modernes Gebäude mit Holzverkleidung und beleuchteter Fassade bei Dämmerung, umgeben von gepflegter Bepflanzung und einer Mauer mit dem Schriftzug „Jordan“.
Moderne Küche mit dunklen Schränken, Essbereich mit Holztisch und Stühlen, Holzvertäfelung, Sessel und Weingläser auf einem kleinen Tisch, warme Beleuchtung.

WEIN-BAU-KULTUR | Erweiterung des Weinguts Jordan

Wein und Architektur haben durchaus etwas gemeinsam: Sie sind Ausdruck von Kultur. Dass sich Weinkultur nicht nur durch urige Weinstuben, sondern mit allen Sinnen erlebbar machen lässt, haben inzwischen zahlreiche Weingüter erkannt. Ein besonders eindrückliches Beispiel dafür ist das Weingut Jordan in Groß-Reipersdorf. Hier trifft eine über 165 Jahre alte Familientradition auf eine sehr gegenwärtige Winzerhandschrift.

Am nordwestlichen Rand des Weinviertels, an den Ausläufern des Manhartsberges, liegt Pulkau, ein Weinbaustädtchen, dessen Geschichte sich bis ins Jahr 1080 zurückverfolgen lässt. Wenige Kilometer südlich davon, in Groß-Reipersdorf, einem Angerdorf der Gemeinde Pulkau, hat das Weingut seinen Sitz. Hier wird seit 1858 Wein gemacht, heute in vierter Generation. Simone Hiller-Jordan hat den Betrieb 2010 von ihren Eltern übernommen. Ihr Mann Johannes stieß 2012 dazu. Seither führen die beiden das Weingut gemeinsam. Diese Kontinuität ist für sie mehr als eine Familientradition. Es ist eine wertschätzende Haltung gegenüber der Vorarbeit früherer Generationen, verbunden mit dem Anspruch, dass jede Generation ihren eigenen Schritt setzt. Warum, erklärt die Winzerin so: „Weingüter entstehen nicht von heute auf morgen, sie werden von Generationen zu dem gemacht, was sie heute sind.“

Wein trifft Design
Auch baulich entwickelt die Familie ihr Erbe stetig weiter. Einen wesentlichen Schritt setzte sie bereits kurz nach der Betriebsübernahme. Sie erwarb das Nachbargrundstück mit einem alten Zwerchhof, der direkt neben dem Hof der Großeltern lag. Diese Entscheidung sollte sich später als richtungsweisend für die Weiterentwicklung des Weinguts erweisen. Auf der zugekauften Parzelle entstand 2013 zunächst ein von Architekt Thomas Tauber geplanter, repräsentativer Verkostungsraum samt zugehörigen Produktions- und Lagerhallen. Er zeigt sich als kompakter Baukörper mit hohem, verglastem Giebel.

Im gleichen Zug wurde auch die Eingangssituation neu gestaltet, mit einem großen Schiebetor aus Holzlamellen, das sich im geöffneten Zustand unauffällig hinter einer Betonwand verbirgt. In diese Wand ist der Name des Weinguts eingelassen, derselbe rote Schriftzug, der auch als Logo des Weinguts dient. Dahinter liegt, leicht erhöht, eine Terrasse, auf der bei Schönwetter Weinverkostungen im Innenhof stattfinden. Die damaligen Material- und Stilentscheidungen waren prägend, da sich an ihnen die weitere Planung orientierte.

Behutsame Erweiterung
Im Frühjahr 2025 folgte der nächste große Schritt. Vor allem die Sektproduktion hatte in den vergangenen Jahren deutlich zugelegt und damit den Bedarf an zusätzlichen Lagerflächen erhöht. Die beiden schmalen Parzellen wurden zu einer größeren zusammengelegt und boten dem wachsenden Betrieb erstmals ausreichend Raum. Dahinter stand die bewusste Entscheidung, die Gegebenheiten im Ort zu nutzen, statt an den Ortsrand auszuweichen: Als Landwirte sehen die Winzer den Verbrauch der Ressource Boden durch Versiegelung kritisch und wollten bewusst im Ort bleiben, um den Ortskern belebt zu halten und keine neuen Flächen zu versiegeln. Unter den alten Nebengebäuden, die zuletzt ausgedient hatten, war auch das Haus der Großeltern, das in den letzten fünfzehn Jahren leer gestanden war. An ihre Stelle trat ein neues, speziell temperiertes Lagergebäude für Sekt und Wein, ergänzt um ein Trockenlager für Kartons und Flaschen, ein Expedit für Anlieferungen und Abholungen sowie einen zusätzlichen Verkostungsraum.

Damit ist das Weingut nun für die qualitative Weiterentwicklung der Sektproduktion und die Anforderungen der Zukunft gerüstet.

Die Vorgaben an die Planung waren klar formuliert: Der Neubau sollte sich in das gewachsene Ensemble einfügen, die Materialien des Bestands aufgreifen und mit seiner zeitgemäßen Formensprache in das Ortsbild passen. Errichtet wurde das Bauwerk in einer Kombination aus Massiv- und Leichtbauweise, mit einer Dachkonstruktion aus Leimholzbindern. Das straßenseitige Gebäude orientiert sich in Form und Höhe bewusst am vormaligen Bestandsgebäude, allen voran im traufenständigen Satteldach, das parallel zur Straßenflucht verläuft. Ausgeführt ist dieser Gebäudeteil mit weißer Putzfassade sowie vorgesetzter Holz- und Steinfassade. Das Steildach ist mit grauer Blechdeckung gedeckt, die Flachdachanteile wurden begrünt.

Die massiven, gut gedämmten Betonelemente des Baukörpers werden bewusst als Kühlkörper genutzt, wodurch sich der Energiebedarf für die Kühlung in den Nachtstunden auf nahezu null senken lässt. Photovoltaikmodule auf dem Dach decken den verbleibenden Kühlbedarf des Betriebs zur Gänze.

Das eigentliche Highlight zeigt sich jedoch erst im Innenhof, wo die schräg verlaufende Holzfassade aus vorvergrauter Lärche in ein Vordach übergeht, ehe sie sich mit dem Dach verschneidet. An einem Knickpunkt im Grundriss dreht sich die schräg verlaufende Lattung und ergibt so ein chevronartiges Muster.

Für diese Fassade waren viel Fingerspitzengefühl und höchste Präzision erforderlich, damit Lamelle auf Lamelle, Fuge auf Fuge exakt trifft. Im Inneren der Lagerhallen prägen rohe Materialien, wie geflügelter Betonboden, Stahlbetonwände und Fichtenholz-Dreischichtplatten, den Raum.

So wie guter Wein Zeit braucht, um seinen Charakter zu entfalten, ist auch das Weingut Jordan über Generationen zu dem geworden, was es heute ist. Wer hier zu Gast ist, erlebt daher nicht nur eine ausgezeichnete Weinverkostung, sondern vor allem eine besondere Atmosphäre, die sich in der Architektur fortsetzt.

Eigentümer: Ing.in Simone und Mag. Johannes Hiller-Jordan
Planung: ENDLOS Architektur | BM Ing. Patrick Gruber GmbH
Umsetzung: Rauscher Bau & Holzbau Frank

Autorin: DIin Barbara Calas-Reiberger
Fotos: Wolfgang Spekner