Gemeindeamt Waldegg

Das neue Gemeindeamt in Waldegg ist Teil einer räumlichen Neuordnung des Ortes. Die Architekturwerkstatt entwirft damit einen Ort, der Wege des Alltags zusammenführt und den Ortskern stärkt.
Modernes, zweistöckiges Gemeindeamt mit Holz- und Glasfassade, davor gepflegter Gehweg, im Hintergrund grüne bewaldete Hügel unter klarem, sonnigem Himmel.
Eingang eines modernen Gebäudes mit Holzfassade, Glastür und Schild „Waldegg 42“. Ein Briefkasten und ein gelbes Bank99-Plakat sind sichtbar.

ANKER IM ORT | Ein Verwaltungsgebäude stärkt den Ortskern

Das neue Gemeindeamt in Waldegg ist Teil einer räumlichen Neuordnung des Ortes. Seine Bedeutung liegt darin, alltägliche Funktionen an einem Ort zu bündeln und damit Wege des täglichen Lebens zusammenzuführen. Die Architekturwerkstatt entwirft damit einen Ort, der Wege des Alltags zusammenführt und den Ortskern stärkt.

Verwaltung erfahrbar machen
Der Neubau reagiert auf konkrete Defizite des früheren Gemeindeamtes. Dieses war im Erd- und Obergeschoß eines Gemeindebaus aus den frühen 1960er-Jahren untergebracht. Die dortige räumliche Situation wurde über die Jahre hin pragmatisch angepasst, aber nicht grundlegend neu gedacht. „Speziell für unsere Marktgemeinde ist, dass sie aus mehreren früher eigenständigen Ortschaften zusammengelegt wurde, die sich über 10 km entlang des Piestingtals erstrecken. Es gibt somit eigentlich kein gemeinsames gewachsenes Zentrum, das soll sich nun ändern.“, beschreibt Architekt Andres Heigl die Ausgangslage und Vision für das neue Gemeindeamt.

Im neuen Gebäude wird die örtliche Verwaltung anders organisiert und zugleich für die Bürgerinnen und Bürger einsehbar. Die Büros sind um eine zentrale Achse gruppiert, was Wege und Zuständigkeiten erkennbar macht.

Ein wesentlicher Grundgedanke war, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf derselben Ebene unterzubringen. Für den internen Austausch ist das eine räumliche Voraussetzung. Denn Information zirkuliert am besten über Nähe und kurze Wege. Die vorgelagerte Servicestelle für die Bürgerinnen und Bürger schließt direkt an die Büros an und bildet die Schnittstelle nach außen. Ergänzend sind eine Poststation und öffentliche Sanitäranlagen im Gebäude untergebracht. Die neue Organisation reagiert damit auf betriebliche Anforderungen und auch auf die Frage, wie Verwaltung im ländlichen Raum heute räumlich und sozial funktionieren kann.

Lokales Wissen einbringen
Architektur und lokaler Kontext sind hier eng miteinander verbunden: Waldegg besteht zu fast 80 Prozent aus Waldfläche. Als ortsspezifische Ressource liegt es daher nahe, mit Holz zu bauen. Das Gemeindeamt ist ein langes, schmales Haus mit Satteldach und klarer innerer Ordnung entlang einer zentralen Achse. Geplant wurde es als Holzhybridbau mit massivem Betonkern als Speichermasse vom Architekturbüro Architekturwerkstatt. Es ist selbst im Ort ansässig und bringt damit lokales Wissen in den Entwurfsprozess ein. Zugleich war den Architektinnen und Architektenen bekannt, für welche späteren Nutzerinnen und Nutzer hier geplant wurde – eine Konstellation, die keineswegs selbstverständlich ist. Die Mitarbeitenden der Gemeinde und konnten ihre Bedürfnisse und Erfahrungen in den Planungsprozess einbringen. „Der Planungsprozess war fast so, als würde man für das eigene Zuhause planen. Bei jeder Entscheidung waren wir eingebunden, gemeinsam haben wir das Raumkonzept entwickelt“, sagt Bürgermeisterin Katharina Trettler-Schiefer. Was an der bisherigen Bürosituation nicht funktionierte, konnte so aus konkreter Erfahrung benannt werden: fehlende Ablagen, ungünstige Zimmerabfolgen, mangelnde Übersicht sowie zu wenig Raum für Archiv und Austausch. Der Neubau entsteht damit nicht aus einem abstrakten Bild der Verwaltung, sondern aus lokalem Wissen über Arbeitsabläufe, institutionelle Routinen und soziale Beziehungen. Die Architektur schafft Raum für eine Form kommunaler Verwaltung im ländlichen Raum, die von kurzen Wegen zwischen den Mitarbeitenden und einem direkten Kontakt zwischen Verwaltung und Bevölkerung geprägt ist.

Ein lebendiges Ortszentrum formen Der Neubau des Gemeindeamts steht nicht alleine da, sondern ist Teil einer über Jahre verfolgten ortsbildenden Entwicklung. Über drei Generationen von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern hinweg wurden Voraussetzungen für eine stärkere Mitte geschaffen: die Verkehrsberuhigung vor der Berufsschule, die Ansiedlung eines Arztes im Ort und nun der Neubau des Gemeindeamts. „Menschen treffen sich dort, wo es die Gelegenheit dazu gibt. Wege zur Post oder zum Bankomaten haben alle gelegentlich zu erledigen. Wenn es sich dabei um einen einladenden Ort handelt, dann bleibt man länger, beginnt zu plaudern und Zeit zu verbringen. Vielleicht schaut man dann auch noch bei den umliegenden Angeboten wie Greißler, Friseurwagon oder Gastronomie vorbei“, schildert der Architekt ein mögliches Alltagsszenario.

Das Gemeindeamt sollte in der Nähe der Berufsschule positioniert sein. Als Standort wurde schließlich ein bestehender Parkplatz entlang der Hauptstraße gewählt , der sich direkt neben einem vorhandenen öffentlichen Platz befindet. Das ist entscheidend, denn beide funktionieren zusammen: Es entsteht ein Anker im Ort, der Verwaltungswege, Versorgung und Zusammenkommen verbindet. Das Gemeindeamt in Waldegg zeigt, wie ein zeitgemäßer Verwaltungsbau im ländlichen Raum im Zusammenspiel mit den Angeboten seiner Umgebung funktionieren kann.

Verwaltung wird hier räumlich anders erfahrbar und durch die zusätzlichen Nutzungen zu einem Ort, der für die Bürgerinnen und Bürger mehr ist als ein Ort, um Amtswege zu erledigen: Der Trauungssaal im Obergeschoß funktioniert unabhängig vom restlichen Verwaltungsbetrieb und ist über einen eigenen Eingang zugänglich. Hier finden auch andere Veranstaltungen statt, etwa Vorträge. Die öffentlich zugänglichen Sanitäranlagen im Gebäude sind essenziell für den öffentlichen Platz nebenan, wenn dort etwa ein Markt stattfindet. So wird das Gemeindeamt zu einem Baustein jener Mitte, die Waldegg als Gemeinde bislang nicht hatte – und zu einem Ort, an dem sich in Zukunft weitere Nutzungen, Begegnungen und Ideen entfalten können.

Eigentümer: Marktgemeinde Waldegg
Planung: Architekturwerkstatt | Architekt DI Andreas Heigl
Autorin: DI Alexandra Ullmann
Fotos: Wolfgang Spekner