Abrupt endet die enge Zufahrtsstraße vor einer kleinen Brücke. Von nun an geht es nur mehr zu Fuß weiter, weil der letzte Starkregen einen Teil des Straßenbettes weggespült hat. Eben verwunschen… und irgendwie passend zur pittoresken, wie man jetzt schon von weitem erkennen kann, stark renovierungsbedürftigen Schlossanlage in dem kleinen Seitental der Schwarza. Das Ensemble besteht aus dem großen Hauptgebäude in einer Art Tudorarchitektur, die mit italienischen Elementen kombiniert wurde, einer zur Zufahrt hingewandten, freistehenden Kapelle und einem Gutshof mit den dazugehörigen Nebengebäuden aus dem 19. Jahrhundert. Der dreischiffige frühere Pferdestall, die Wagenremise und der dreigeschoßige ehemalige Getreidespeicher erinnern daran, dass der Gutsbetrieb dieser Anlage noch im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts floriert hat und das Anwesen bis in die 1950er-Jahre landwirtschaftlich genutzt wurde.
An den Hang gelehnt, etwas abseits, gibt es außerdem ein im alpenländischen Stil gehaltenes Landhaus, das heute dem Förster und seiner Familie als Wohnsitz dient.
Lange wechselhafte Geschichte
Was auf Besucher auf den ersten Blick wie ein historistischer Adelssitz anmutet, war ursprünglich ein mittelalterlicher Gutshof. Die wenigen erhaltenen Unterlagen weisen auf die Gründung des Ansitzes durch eine Familie Görtschacher im 13. Jahrhundert hin. Nach dem Verkauf der Südwestlich der zwischen Schwarzatal und Schneeberg, am Fuße des „Gahns“ gelegenen beschaulichen Gemeinde Prigglitz befindet sich das mit weitläufigen Parkanlagen umgebene Anwesen St. Christof mit einer malerischen Schlossanlage im klassizistischen Stil.
Herrschaft Görtschach an den Landesfürsten gelangte das Anwesen an einen Zweig der Familie Königsberg und ging später in die Herrschaften Seebenstein und Pergen über. Zu dieser Zeit im 17 Jhd. setzte sich auch die Bezeichnung St. Christof an Stelle von Görtschach durch. Im 19. Jhd. begann ein rasanter Besitzwechsel. So zählten u.a. der Bankier Baron Georg Simon von Sina, Hieronymus Fürst Montfort, der Bleistiftfabrikant Ludwig Hardtmuth, Adolf Hanke Edler von Hankenberg und Johann Ritter von Schimke zu den Eigentümern. Ab 1850 ließ die Familie Schimke auf dem Grundriss des bestehenden Hauptgebäudes ein schlossähnliches Gebäude errichten und mit zwei kurzen Flügeln erweitern.
Das Hauptportal wurde in einen dieser Anbauten, den südwestlichen Flügel verlegt. Stilgerecht wurde das neu erstandene Tudorschlösschen mit einem Park im englischen Stil umgeben.
In den 1970er-Jahren wechselte das Anwesen erneut die Besitzer und im Jahr 2014 kaufte die Familie Draxler den Besitz. Als letzte Bewohnerin des Hauptgebäudes gilt übrigens die bekannte, auf Stillleben und biedermeierliche Landschaftsbilder spezialisierte, Malerin Stefanie von Trauttweiller. Seit den 1980er-Jahren steht das „Schloss“ leer.
Substanzerhaltung an oberster Stelle
Wir fragen Florian Draxler, was ihn als Städter und hauptberuflichen Juristen dazu veranlasst, sich auf eine Herausforderung wie die Erhaltung und Renovierung eines Ensembles mit historische Gebäuden, Park und Wald einzulassen. „Ensembles wie dieses findet man heute nur mehr selten. Durch meinen Vater wurde ich schon früh mit dem Wald und der Forstwirtschaft vertraut. Außerdem üben historische Gebäude eine große Faszination auf mich aus. Die alte Bausubstanz erzählt enorm viel Geschichte und lässt uns Vergangenes besser verstehen und begreifen, im wahrsten Sinn des Wortes. Ich sehe mich als Glied einer langen Kette, die in der Vergangenheit beginnt und hoffentlich, wer weiß das schon, noch weit in die Zukunft fortdauert. Außerdem bietet der Kraftplatz St. Christof meiner Familie und mir die Gelegenheit zur Entspannung und Ruhe an Wochenenden und in den Ferien. Vorerst haben wir das ehemalige Verwalterhaus teilweise saniert, umgebaut und den früheren Schüttboden im Obergeschoß für unsere Wohnzwecke adaptiert. Für den heute üblichen Komfort sorgen eine Hackschnitzelheizung, sowie neue stilgerechte Sanitärräume. Als nächstes Projekt haben wir uns eine Küche in der Orangerie im Erdgeschoß vorgenommen.“
Spaziergang durch das Schloss
Mit Florian Draxler betreten wir neugierig das einen morbiden Charme ausstrahlende Hauptgebäude. Im Erdgeschoß befinden sich die Küche mit dem großen zentralen Koch- und Backofen, die Wirtschafts- und Sanitärräume, aber auch kleinere Wohnzimmer und der Abgang zum Keller. Das hier erhaltene Kreuzgewölbe verweist noch auf die Gründung in der Gotik. Allenthalben finden sich Gerätschaften und Möbel als stumme Zeugen der verschiedenen Epochen.
Der Turm an der Rückseite des Südwesttraktes, der das übrige Gebäude um etwa zwei Meter überragt, entstand durch die Aufstockung mit einem zweiten Obergeschoß. Im südöstlichen Trakt befinden sich die wichtigsten Wohn- und Repräsentationsräume der damaligen Herrschaft, wie der „Rittersaal“, mit geschnitzten Deckenträgern und einer gut erhaltenen Innenausstattung, der ein Überbleibsel des neugotischen Umbaus ist. Leider gab es hier einmal einen Wassereinbruch, der auf Schäden in der Abdichtung der Terrasse zurückzuführen ist. Von der Wohnung der zuletzt hier lebenden Künstlerin sind ebenfalls Ausstattungselemente und Möbel erhalten, z.B. der ausladende Betthimmel im ehemaligen Schlafzimmer.
Park und Kapelle
Wie bereits erwähnt, sind die Gebäude von einem weitläufigen Park mit mehreren Statuen, u.a. der des örtlichen Namenspatrons, umgeben. An der hinteren Längsseite begrenzt der Obertalbach (auch St. Christofbach) das Grundstück und im unteren Bereich gibt es einen von Bäumen umsäumten Zierteich sowie einen Pavillon. Das bedeutendste Gebäude in diesem Park ist die freistehende frühgotische Kapelle, die möglicherweise einst als Wehrkirche gedient hat. Sie wird bereits 1344 urkundlich genannt und ist dem Heiligen Christophorus geweiht, nach dem der Ansitz heute benannt ist. Ihre Mauern sind aus starkem Bruchsteinmauerwerk, welches durch zwei schwere Strebepfeiler verstärkt wird. Im frühen 17. Jahrhundert wurde der saalförmige Innenraum ausgebaut und barockisiert, dazu wurde eine Sakristei angebaut.
Seither nagte die Zeit fortwährend an der Substanz dieses Kleinods, und auch die unmittelbare Umgebung veränderte sich langsam aber stetig, so dass der westliche Teil der Anfang des 20. Jh. bereits einmal sanierten und umgebauten Kirche zuletzt deutlich unterhalb des Geländeniveaus lag. So wurde 2021 zunächst mit der Gebäudesicherung und der anschließenden Restaurierung begonnen.
Drei Jahre später erstrahlt das Bauwerk in frischem Glanz und das vor der Restaurierung stark gefährdete Eingangsportal befindet sich nun an der Westseite.
Florian Draxler: „Nach der baldigen Fertigstellung des Innenbereichs können die im „Schloss“ zwischengelagerten Heiligenstatuen und Sakralinterieurs wieder an ihre Stammplätze zurückkehren. Meine Frau und ich möchten die geweihte Kirche wiederbeleben und für Gottesdienste, Taufen, Eheschließungen usw. zur Verfügung stellen. Was die gesamte Anlage betrifft, bedarf es eines Generalplans, ohne den Investitionen in der Größenordnung, wie sie hier erforderlich sind, wenig Sinn ergäben. Gut vorstellbar sind etwa kulturelle Ereignisse, Seminare und ähnliche Veranstaltungen.“